Diskriminierung als Banknachbar

Ob Verschwörungsglauben oder Rassismus: Berlins Schulen sind keineswegs immer ein Hort der Sicherheit

  • Rainer Rutz und Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.
Von wegen Bullerbü und Blümchen: Diskriminierungserfahrungen und Bedrohungen gehören zum Berliner Schulalltag.
Von wegen Bullerbü und Blümchen: Diskriminierungserfahrungen und Bedrohungen gehören zum Berliner Schulalltag.

Man werde den Lehrkräften »die Nasen brechen und mal einen aufschlitzen«, sofern sie an den Schulen im Herbst und im Winter Infektionsschutzmaßnahmen umsetzten, und: »Die eifrigsten Corona-Nazis Ihres Kollegiums greifen wir uns bevorzugt.« Es sind Hassbotschaften wie diese, die sich in den stets gleichlautenden Drohbriefen finden, die in den vergangenen Wochen per Post an mindestens 34 Berliner Schulleitungen in fast allen Bezirken verschickt wurden. Der Staatsschutz ermittelt. Auch Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) hat Strafanzeige gegen die offenkundig wildgewordenen Corona-Leugner erstattet. Jegliche Gewaltandrohungen gegen Lehrkräfte »stellen ein absolutes No-Go dar«, erklärte Busse.

Nun gehört dieses No-Go zum Alltag an vielen Berliner Schulen, für Lehrkräfte wie für Schüler. »Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht rassistische Vorfälle gemeldet werden, an dem nicht antisemitische Vorfälle auf meinen Schreibtisch kommen«, sagt Busses Staatssekretär Alexander Slotty (SPD) am Montagabend bei einer Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Umgang mit antidemokratischen Herausforderungen in der Schule. »Das ist kein Zuckerschlecken, über das wir hier reden«, stellt Slotty bereits eingangs klar. Mit Blick auf die Verbreitung von Verschwörungsglauben und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit spricht er von einem »Grundrauschen«, in der Gesellschaft sowieso, aber eben auch an den Schulen.

»Es wäre ja auch sehr überraschend, wenn all das vor den Schulen haltmachen würde. Und all das trifft man nicht nur bei Schülerinnen und Schülern an, sondern auch bei Lehrerinnen und Lehrern«, sagt Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR). Diese berät seit vielen Jahren Bildungseinrichtungen, Kollegien und Pädagogen, Lehramtsstudierende und Schüler, wie man mit rechtsextremen, rassistischen, rechtspopulistischen und antisemitischen Haltungen umgehen sollte.

Ob es um die Beteiligung an Neonaziaufmärschen geht oder um rassistische und antisemitische Äußerungen im Klassenzimmer und auf dem Schulhof: »Ganz häufig arbeiten wir mit der Spitze des Eisbergs«, berichtet Klose aus ihrer Beratungspraxis. Klar ist: Viele andere, insbesondere strafrechtlich noch nicht relevante Fälle würden nie gemeldet. In der Lehrkräfteaus- und -fortbildung werde beispielsweise immer wieder gefragt: »Sind wir dafür zuständig, selbst wenn es noch gar nicht strafrechtlich relevant ist?« Kloses Antwort ist deutlich: »Ja, das sollten wir.«

Die Unsicherheit im Umgang mit Verschwörungsglauben und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betrifft dabei mitnichten nur das Schulpersonal. »Viele Schülerinnen und Schüler haben ein Problem damit: Was mache ich, wenn mir das selbst begegnet?«, berichtet Aimo Goerne vom Landesschülerausschuss. Goerne, Zwölftklässler einer Gemeinschaftsschule in Charlottenburg-Wilmersdorf, sagt: »Ich habe in meinem kompletten Schulleben noch nie eine Diskussion erlebt, wie man zum Beispiel Propaganda und Populismus im Netz erkennt.«

Nahezu gänzlich unter dem Radar läuft bei alldem der Rassismus gegen Roma und Sinti im Berliner Bildungssystem, worauf in der vergangenen Woche eine weitere Veranstaltung des Berliner Bündnisses gegen Antiziganismus und für Roma*-Empowerment (BARE) aufmerksam machte. In einem Punkt war man sich hier einig: Während es zu Rassismus und Antisemitismus, Salafismus und Verschwörungsglauben vielerorts eine Grundsensibilisierung gebe, spiele der Kampf gegen Antiziganismus praktisch keine Rolle.

»Als ich angefangen habe, mein Praktikum an der Schule zu machen, habe ich einen Schock bekommen«, erinnert sich Sabina Salimovska. Die Schulmediatorin berichtet in dem Zusammenhang von einer Erstklässlerin, der die anderen Kinder Tag für Tag das »Z-Wort« an den Kopf geworfen hätten. Irgendwann habe das Mädchen nicht mehr zur Schule gehen wollen. »Sie sagte: ›Ich fühle mich hier nicht sicher.‹«

Das Fatale: »Lehrkräfte greifen hier viel zu selten ein«, sagt Veronika Patočková vom Verein RomaTrial. Antiziganismus sei kein Thema in den Lehrplänen. Stattdessen werde teils immer noch mit Lehrbüchern gearbeitet, in denen das »Z-Wort« verwendet werde. Und Patočková weiter: »Es ist etwas anderes, ob man das einem Kind oder einem Erwachsenen antut.«

Was es braucht, ist eine stärkere Sensibilisierung für alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, in der Lehrkräfteausbildung bereits, dann aber auch in der Fortbildung und nicht zuletzt im Rahmen des Unterrichts in den Klassenzimmern. Sowohl in der Veranstaltung der Ebert-Stiftung als auch bei der von Bare wurde das deutlich.

Angesichts des eklatanten Lehrkräftemangels in Berlin und der damit einhergehenden Überlastung der Kollegien ist allerdings ein ausgebautes Fortbildungsangebot für das Schulpersonal beispielsweise keineswegs ein allseits beliebter Selbstläufer. »Wir werden häufig als zusätzliche Arbeitsbelastung wahrgenommen«, sagt Projektleiterin Bianca Klose über die Beratungsangebote der MBR.

Wichtig sei aber, so Klose, dass wenigstens angehende Lehrerinnen und Lehrer entsprechende Angebote absolvierten – und zwar verpflichtend: »Es muss klar sein: Wir reden hier nicht von einem Sonderangebot oder einem Hobby, sondern wir wissen: Wir haben hier ein Problem.«

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