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»Im Lachen war man der Sieger«

Warum waren Ulbricht und Honecker so humorlos? Ein Gespräch mit dem Kabarettisten und Witzforscher Bernd-Lutz Lange

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 9 Min.
Ganz selten: Erich Honecker lacht, im September 1972. Vielleicht über einen Anti-Ulbricht-Witz?
Ganz selten: Erich Honecker lacht, im September 1972. Vielleicht über einen Anti-Ulbricht-Witz?

Herr Lange, Sie haben ein Buch über den politischen Witz im Osten bis 1989 gemacht

… es ist aber kein Witzbuch, sondern eher ein Geschichtsbuch mit Witzen, da ich versucht habe, in den Texten die politischen Witze mit der Beschreibung der herrschenden Zustände in jenen Ländern, mit anekdotischen Streiflichtern und persönlichen Reiseerlebnissen zu verweben. Auch der Antisemitismus in einigen Ostblock-Ländern spielt eine Rolle.

Den Begriff »Flüsterwitz« lehnen Sie ab.

Den haben wir nie benutzt. Wir haben unsere Witze laut erzählt.

Sie schreiben, der Volkswitz war unzensiert, als Kabarettist der »Academixer« aber haben Sie Zensur erlebt.

Das geschönte Wort für Zensur war der Begriff »Abnahme« vor einer Premiere. Da mussten wir das neue Programm vor Funktionären der Stadt und des Bezirks vorspielen. Seit 1980 hatten wir ein eigenes Theater, den »Academixer-Keller«. Als wir noch ein Kabarett an der Karl-Marx-Universität waren, hatten wir uns einen kleinen Freundeskreis organisiert, da waren zum Beispiel ein Literatur- oder ein Gesellschaftswissenschaftler drin. Die haben uns auch später bei den Abnahmen argumentativ unterstützt.

Gab es noch andere Tricks?

Wir mussten immer mit Strategie und Taktik arbeiten, mit doppeltem Boden. Schwierige Sätze wurden bei der Abnahme auf der Bühne etwas weggesprochen, also nicht so stark betont. Uns wurde glücklicherweise nie ein Programm verboten.

Sie schreiben, die Pointe eines Witzes wäre die Befreiung in Sekunden. Und Sie zitieren den Kabarettisten Werner Finck, der gesagt hat, in Diktaturen haben die Politiker Angst vor freien Wahlen und vor Witzen.

Propaganda und Phrasen können durch einen treffenden Witz lächerlich gemacht werden. Ulbricht und Honecker waren humorlos. Die Mächtigen hatten immer ein gestörtes Verhältnis zur Satire. Und für das Leben in der Diktatur war der politische Witz eine Form der Seelenhygiene. Im Lachen war man der Sieger. Das wunderbare verschwörerische, befreiende Lachen irgendwo an einem Kaffeehaustisch, zu Hause mit Freunden oder auf einer Feier – das höre ich heute noch.

Für Witze konnte man auch ins Gefängnis kommen?

In der DDR vielleicht noch bis in die 60er Jahre. In der Sowjetunion belaufen sich die Schätzungen auf etwa 100 000 Menschen, die wegen politischer Witze ins Gefängnis kamen.

Wo haben Sie die meisten politischen Witze gehört?

Eindeutig in meiner Studentenzeit in den 60er Jahren im Leipziger Kaffeehaus Corso. Dort trafen sich Studenten, Künstler und liebenswerte Spinner. Es war schon ein Stück Protest, in dem Kaffeehaus zu verkehren. Unser aller kleine tägliche Demo fand im Kaffeehaus statt. Die Partei witterte schon die Konterrevolution.

Im Kapitel über die Sowjetunion zitieren Sie einen Autor, der beschreibt, dass man in der UdSSR in einem Studentenwohnheim schon den Wodka brauchte, um eine besondere »menschliche Kommunikation« herzustellen.

Man sagte dort: Wer bei einer Feier nüchtern blieb, war immer verdächtig, dass er der Spitzel war.

Und das war in der DDR nicht so?

Nee, in der DDR war auch der Spitzel besoffen. (lacht)

Was ich ebenso traurig wie lustig fand, war dieser sowjetische Witz, in dem sich drei Leute im Gefängnis treffen.

In die Zelle eines Moskauer Gefängnisses werden in den 30er Jahren drei Verhaftete gesperrt. Nachdem die Tür geschlossen wurde, kommen sie gleich auf den Grund ihrer Verhaftung ins Gespräch. »Ich bin verhaftet worden, weil ich für den Genossen Popow war«, sagt der eine. Das wundert den neben ihm Stehenden: »Ich bin verhaftet worden, weil ich gegen den Genossen Popow war!« Da sagt der Dritte: »Ich bin der Genosse Popow!«

Das ist der ganze Stalinismus in einem Witz. Sie berichten auch von der Verhaftung von Lawrentij Berija, der als Chef des Innenministeriums besonders gefürchtet war und als Nachfolger von Stalin gehandelt wurde. Diese Szene könnte eigentlich aus einem Witzfilm stammen.

Berija war von 1938 bis 1953 der Organisator des Stalinschen Unterdrückungsapparates. Seine Verhaftung unter Chruschtschow und anderen Genossen aus dem Politbüro ähnelt einer Kriminalgroteske. Sie haben ihn bei einer Sitzung verhaftet, gefesselt und in einen Teppich eingerollt, weil sie ihn aus dem Kreml schleusen mussten, der ja von Angehörigen des Innenministeriums bewacht wurde.

Sie schreiben, dass Sie mit acht Jahren nicht mehr an den Weihnachtsmann, an den Osterhasen und an Stalin geglaubt haben. Schließlich war der 1953 doch gestorben.

Bis dahin galt er für uns Kinder quasi als unsterblich. Kein normaler Mensch. Und nach Jahrzehnten erfuhr ich dann, wie er nach einem Schlaganfall hilflos auf dem Boden lag und keiner ihm half und alle warteten, dass es endlich vorbei war.

Kannten Sie als Kind den Spitznamen von Walter Ulbricht?

1953, in den Tagen Aufstands in der DDR, habe ich einen Spruch gehört: »Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille«. Damit waren Ulbricht, Grotewohl und Pieck gemeint. In meiner Heimatstadt Zwickau war es aber im Juni verhältnismässig ruhig. Meine erste Demo habe ich 1965 in Leipzig erlebt. Da gab es den legendären Beat-Aufstand.

Was war da los?

In jenem Jahr hatte man im Bezirk Leipzig etwa 50 Beatbands verboten. An den Schulen waren kleine Flugblätter aufgetaucht. Man traf sich am 31. Oktober, 10 Uhr, auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Da kamen immerhin um die 2000 junge Leute zusammen, meist Lehrlinge, junge Facharbeiter und Schüler. Das war die erste Demo in der DDR seit dem Volksaufstand von 1953. Ich war zufällig in der Stadt und erlebte den Einsatz eines Wasserwerfers. Ich wusste gar nicht, das es so etwas in der DDR gab. So ein Ungetüm kannten wir nur aus dem »Augenzeugen«, der Wochenschau, wenn westdeutsche Studenten damit bespritzt wurden. Vor meinen Augen prügelten Polizisten Langhaarige auf Lkw. Die mussten dann ein paar Wochen in der Braunkohle arbeiten.

Sie wurden verschont?

Zum Glück stand ich nicht in der ersten Reihe. Drei Jahre später demonstrierte ich aber in Leipzig gegen die Sprengung der Universitätskirche. Eine spätgotische Hallenkirche, von Luther zur protestantischen Kirche geweiht. Sie hatte den Krieg unversehrt überstanden und wurde nun nachträglich in Trümmer verwandelt. Die Kirche passte in den Augen der Oberen nicht an einen Karl-Marx-Platz mit der neuen sozialistischen Universität.

Sie sagen von sich, Sie seien ein Ost-68er.

Ich bin ein echter Ost-68er. Für mich verkörpern die Prager Reformer und deren Programm die letzte Chance, den Sozialismus als Gesellschaftsmodell zu etablieren. Ich hatte in jenen Jahren eine deutschsprachige tschechoslowakische Monatszeitschrift im Abonnement. Sie hieß »Im Herzen Europas« und war eigentlich für die BRD, Österreich und die Schweiz gedacht. Kaum jemand wusste, dass man dieses Magazin über die Postzeitungsliste abonnieren konnte. 1968 wurden dem Heft die Materialien der tschechoslowakischen KP beigeheftet und ich war bestens informiert. Im August 1968 fuhr ich mit einem Freund nach Prag und wir wurden Augenzeugen dieses neuen Lebensgefühls. Im Kino applaudierten die Besucher, sobald in der Wochenschau Alexander Dubcek auftauchte. Am Graben standen die Menschen bis in den Morgen und diskutierten über die Zukunft der Tschechoslowakei. In jenen Tagen besuchte Tito Dubcek. Wir standen auf der Burg und riefen »Tito ano, Ulbricht ne« und demonstrierten erstmalig öffentlich gegen unseren Staatsratsvorsitzenden. Meine Vorstellung von Sozialismus geriet unter die sowjetischen Panzerketten. Im Herbst 1989 habe ich immer an den Prager Frühling gedacht.

Auch in Polen haben Sie eine andere Lebensweise als in der DDR gefunden.

Polen war für uns Ostler ein wenig Frankreich-Ersatz. Dort ging es schon freier zu, moderner. Schon das äußere Bild; Die polnische Architektur, Kunst, die Plakate waren künstlerisch Spitze in Europa. Es gab interessantes Theater, Jazzclubs. In der DDR wurde ein Jazzclub schon beargwöhnt. In den großen Städten existierten Presseclubs mit Zeitungen aus westlichen Ländern. Es gab internationale Buchhandlungen mit West-Büchern. Die polnischen Mädchen hatten Pfiff, schneiderten sich nach westlichen Schnitten schicke Sachen. Wir waren manchmal dreimal am Tag im Kino. Da liefen viele internationale Produktionen.

Trotzdem ist Polen aktuell extrem konservativ.

Polen ist eines der katholischsten Länder der Erde. 1967 habe ich dort ein Transparent über die Straße gespannt gesehen, ich glaube, es ging damals um 1000 Jahre Christianisierung: »Polen glaubt an Christus«. Für ein sozialistisches Land war das für uns unglaublich.

In der DDR ging es immer um »Frieden und Fortschritt«. Haben Sie daran geglaubt?

Nee. Trotzdem hätte ich das Land nie verlassen. Ich war allerdings nicht in erster Linie DDR-Bürger. Was bedeuteten schon drei Großbuchstaben? Meine Identität habe ich über Sachsen bezogen. Diese Mentalität, diesen Witz.

Den sächsischen Witz gibt es noch?

Es gibt zwar keine neuen Witze, aber jeder Sachse ist auf seine Weise Träger des sächsischen Humors. Bedenklich ist, dass der politische Witz seit 30 Jahren auf der Strecke geblieben ist. Das immer schneller gewordene Leben mit Handy, Computer, Internet und Globalisierung hat wohl dazu beigetragen. Die Kreativität ist versiegt. Und dann kommt noch dazu: Jetzt, wo wir Ostdeutschen froh sind, dass es die Zensur seit über drei Jahrzehnten nicht mehr gibt, machen sich plötzlich Ehrenamtliche auf diesem Sektor breit. Zensur – das geht auch ohne Diktatur. Wer etwas vermeintlich Falsches sagt, steht schnell am digitalen Pranger. Es gibt im Land da und dort einen moralischen Rigorismus, der es so manchem Bürger, Journalisten oder Künstler schwermacht, sich in der Öffentlichkeit unbeschwert zu artikulieren. Dann zieht auf der politischen Wetterkarte schnell ein Shitstorm auf. Unter Meinungsaustausch, das ist mein Eindruck, verstehen bestimmte Tugendwächter und Sprachpolizisten, dass man nach einem Gespräch mit ihrer Meinung vom Tisch aufsteht. Aber wo, bitte, soll man denn sonst unterschiedliche Meinungen haben dürfen und aushalten müssen, wenn nicht in einer Demokratie?

Bernd-Lutz Lange: Freie Spitzen. Politische Witze und Erinnerungen aus den Jahren des Ostblocks. Mit Illustrationen von Egbert Herfurth. Aufbau, 316 S., geb., 20 €.

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