Erweiterung des l’Horizon

Der deutsche Literaturbetrieb wurde, wie man sagt, rasiert

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 3 Min.
Rasiert sagt man heute zu verdienter Überlegenheit: Kim de l'Horizon hat sich mit den Frauen im Iran solidarisiert und die »Bratwurstbude« Literaturbetrieb vorgeführt.
Rasiert sagt man heute zu verdienter Überlegenheit: Kim de l'Horizon hat sich mit den Frauen im Iran solidarisiert und die »Bratwurstbude« Literaturbetrieb vorgeführt.

Eigentlich sollte an dieser Stelle eine Suada zur Belanglosigkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur stehen; darüber, dass die Literat*innen dem gesellschaftlichen Diskurs noch nie so wenig Impulse gegeben haben wie heute und dass sie unfähig sind, Zeichen zu setzen. Überhaupt sind ihre Romane nur noch Schmusewatte – die Leute darin gehen nie arbeiten oder zum Jobcenter, müssen nie um ihre Miete bangen oder um die Gasrechnung.

Bei der Gelegenheit hätten wir dann einen traurigen Blick auf den PEN Deutschland geworfen. PEN steht für »Poets, Essayists, Novelists« – eine Schriftstellerorganisation, die hierzulande bald 100 Jahre alt wird und früher mal den Anspruch hatte, so etwas wie der politische Arm des Literaturbetriebs zu sein und in aller Welt für das freie Wort zu streiten. Präsidenten wie Erich Kästner und Heinrich Böll wurden dem auch gerecht. Die Aufnahme in den PEN Deutschland war einmal eine Ehre, heute ist sie eine Überraschung. Erst vergangene Woche hatte »Die Zeit« berichtet, dass in den Darmstädter PEN jetzt Autor*innen ohne ihr Wissen hineingewählt wurden. Darüber, dass sich unlängst Deniz Yücel aus der »Bratwurstbude« verabschiedet und mit Gleichgesinnten in Berlin einen Gegen-PEN gegründet hat, ist viel geschrieben worden. Dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber ganz offensichtlich sind dem PEN Darmstadt die Literaten ausgegangen.

Dieser Tage wurde dort ein neues Präsidium gewählt und dabei der Schriftstellerbegriff recht weit gefasst. Nehmen wir nur Uli Rothfuss, laut Wikipedia Mitglied der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Sein Ehrendoktor an der Uni Tiflis dürfte ihn sicher einen Haufen Geld gekostet haben, ebenso wie sein ominöser »Doktor filozofie« irgendeiner Titelmühle in der Slowakei. Hochstapler-Uli ist genauso wenig Akademiker, wie er Schriftsteller ist. Und dass sich niemand an seiner Kandidatur gestört hat, lässt ahnen, dass er sich im PEN Darmstadt unter seinesgleichen bewegt – überwiegend Selfpublisher, die im Keller Kisten voller selbst verlegter Bücher stehen haben.

Der eigentliche Literaturbetrieb aber interessiert sich nicht die Bohne für den PEN Darmstadt. Was auch damit zu tun hat, dass die meisten in diesem Betrieb eher unpolitisch und mit sich selbst beschäftigt sind.

Das war meine Meinung bis Anfang dieser Woche, bis zur Buchpreisverleihung 2022 an Kim de l’Horizon. Mit enormer kreativer Energie, hieß es vonseiten der Jury, suche die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman »Blutbuch« nach einer eigenen Sprache. Welche Narrative gäbe es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht? So weit so gut, wird bestimmt ein toller Roman sein. Doch dann kam die Dankesrede. Was für eine Performance! Sie ist noch auf Youtube zu sehen. Nach dem Satz »Dieser Preis ist nicht nur für mich« folgte plötzlich die elektrische Kopfrasur, verbunden mit dem Statement, dass die Jury den Preis »offensichtlich auch für die Frauen im Iran« gegeben habe.

In dem Moment, als der 30-jährigen Schriftsteller*in der hiesige Literaturbetrieb zu Füßen liegt und sie den Beifall einfach nur hätte genießen können, war das Erste, was sie tat, Solidarität zu zeigen! In der FAZ schrieb Andreas Platthaus, dass Kim de l’Horizon »die erste kollektive Standing Ovation in der Geschichte des Deutschen Buchpreises« zustande gebracht habe. »A star is born.« – Na geht doch.

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