Rassistische Hackordnungen

Die Kritik des Rassismus ist für Gesellschaftskritik unverzichtbar, aber Einigkeit über antirassistische Analyse und Praxis herrscht in der Linken nicht. Der aktuelle Sammelband »Die Diversität der Ausbeutung« wählt einen marxistischen Ansatz

  • Johannes Tesfai
  • Lesedauer: 7 Min.
Antirassistischer Klassenkampf: Schwarze Demonstranten gegen weiße Polizisten während der Brixton Riots 1981
Antirassistischer Klassenkampf: Schwarze Demonstranten gegen weiße Polizisten während der Brixton Riots 1981

Noch nie gab es in Deutschland so viele Bücher über Rassismus wie heutzutage. Wie Tatjana Niederberghaus vom Unrast-Verlagskollektiv in einem Interview in analyse & kritik es kürzlich formulierte: »Der Erfolg der Black-Lives-Matter-Bewegung ist in der Publikationslandschaft angekommen.« Die großen Demonstrationen in Deutschland nach dem Mord an George Floyd in Minneapolis haben nicht nur die breite Öffentlichkeit überrascht. Auch Schwarze Aktivist*innen und die linke Szene hatten nicht mit so einer Mobilisierung auf der Straße gerechnet. Nun sickert dieser Aufschwung der Bewegung vom Juni 2020 in die Verlagsprogramme ein. Vor allem die großen Verlage folgen hier einem Trend, der sich in Verkaufszahlen bemerkbar macht – ob er die Debatte um Rassismus voranbringt, steht auf einem anderen Blatt.

Bücher, auch theoretische, können unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen. Einige von ihnen geben Trost, viele erklären komplexe Zusammenhänge, an anderen kann man sich abarbeiten. Der Sammelband »Die Diversität der Ausbeutung« von Bafta Sarbo und Eleonora Roldán Mendívil erfüllt auch ein Bedürfnis: Er bezieht eindeutig Position. Die beiden Herausgeberinnen schlagen Pflöcke in einer Auseinandersetzung ein, die lange von postmodernen Theorieansätzen geprägt war. Sarbo und Roldán Mendívil wollen mit ihrem Buch die Debatte um Rassismus neu sortieren, sie werfen der gegenwärtigen Linken vor, ein Rassismusverständnis zu pflegen, das sich bestens mit liberalen Vorstellungen vertrage. Damit wollen sie gegen einen Antirassismus der Chefetagen und Staatssekretärsbüros anschreiben, der versucht, die heimischen Arbeitsplätze und den Dienst an der Waffe durch mehr Diversität für den internationalen Wettbewerb fit zu machen.

Klassenanalyse als Rassismuskritik

In der linken Debatte gibt es kaum ein Thema, das scheinbar so wenig außer Frage steht wie Rassismus. Eigentlich alle Menschen, die sich als links bezeichnen würden, finden, er gehört bekämpft und abgeschafft. Aber die beiden wichtigsten Fragen sind bis heute nicht geklärt: Woher kommt eigentlich Rassismus und wie schafft man ihn ab? Sarbo und Roldán Mendívil versuchen, dem mit einer marxistischen Analyse zu begegnen. Ihren gemeinsamen Beitrag im Sammelband eröffnen sie mit dem Lenin-Zitat »Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist«. Das Buch ist aber kein Produkt der ML-Orthodoxie, vielmehr finden sich schlaue Marx-Bezüge in ihrer Theorie, die sich als neuer Internationalismus versteht. Dieser Internationalismus soll die Analyse der Klassengesellschaft in die Theorien über Rassismus bringen.

Sarbo verortet in ihrem Beitrag den Ursprung des Rassismus in den Produktionsverhältnissen: Rassismus sei mit der gewalttätigen Ausbeutung von Versklavten und Kolonisierten zu Beginn des Kapitalismus entstanden. Um die Profite, die in den Metropolen der Imperien eingefahren wurden, zu rechtfertigen, seien rassistische Theorien als bewegliche Ideologien entstanden. Rassismus legitimiere demnach bis heute eine Hackordnung innerhalb der Arbeiter*innenklasse, die von Unternehmer*innen genutzt wird, weil sie anhand von Hautfarbe und Pass die Löhne drücken können und von den besser gestellten Arbeiter*innen für ein Gefühl der Ermächtigung gern angenommen wird. Exklusive Solidarität unter den Kolleg*innen führe dann nur zu Verbesserungen für einige und Überausbeutung, die dadurch quasi eine Haufarbe erhalte, für andere.

Bewusst knüpft Sarbo hier an Theorien von Walter Rodney und Eric Williams an. Zwar hatte es schon in den 1930er Jahren Marxist*innen gegeben, die sich der Analyse von Kolonialismus und Rassismus verschrieben, aber die Dekolonisierung brachte einen neuen Schub an Theorien. Rodney etwa versuchte sich an einer Erklärung der vermeintlichen Unterentwicklung Afrikas, Williams fand die Ursache von Rassismus direkt im transatlantischen Sklavenhandel. Beide waren damit Stichwortgeber antirassistischer Klassenkämpfe um 1968 in der Karibik. Sarbo leistet mit ihren Bezügen auch Nachhilfe für den deutschsprachigen Raum in Sachen linker Diskussion.

Rassismus legitimiert Armut

Im Hintergrund der von Sarbo verwendeten Theorien steht eine lange Geschichte von Klassenkämpfen. Wie viele Linke auch hierzulande wissen, wurde etwa London immer wieder von handfesten Riots heimgesucht, vor allem in den Schwarzen Arbeiter*innenvierteln. Im Londoner Süden und Osten organisierten sich Schwarze und indische Arbeiter*innen, die gemeinsam Häuser besetzten und Streiks organisierten, und Rassismus war immer Teil dieser Klassenauseinandersetzungen. Als der Stadtteil Brixton 1981 brannte, geschah das auch, weil die weiße britische Oberschicht zu einer Auseinandersetzung mit Schwarzen Arbeiter*innen in Sachen Polizeigewalt und Überausbeutung nicht bereit war. Die Marxisten Rodney und Williams waren Stichwortgeber für diese Bewegung, die Brixton anheizte.

Lea Pilone gräbt in der Geschichte der europäischen Polizei und stellt die These auf, dass diese staatliche Behörde vor allem zur Bekämpfung der Armen, nicht der Armut, entstanden ist und die Armut mit dem Rassismus eine pseudo-biologische Begründung erfahren hat. Staat und Kapital bildeten eine verhängnisvolle Interessenkoalition bei der Etablierung markförmiger und rassistischer Verhältnisse – das hat sich bis heute nicht geändert. Die Sozialwissenschaftlerin Celia Bouali zeigt, wie die Europäische Union eine Architektur der Überausbeutung auf dem Arbeitsmarkt geschaffen hat. Unternehmer*innen und staatliche Stellen hätten Anwerbenetze aufgebaut und Gesetze geschaffen, durch die legal die Löhne gedrückt würden und illegaler Lohnbetrug schwer zu bekämpfen sei; Berlins Mall of Shame ist wohl nur der bekannteste Fall solcher Bauunternehmungen. Rassismus erklingt als Begleitmusik dieser Form des kapitalistischen Arbeitsmarktes. Pilones Beitrag kommt dem Anspruch der Herausgeberinnen, mithilfe einer Klassenanalyse die Konjunkturen des rassistischen Ressentiments zu erkunden, sehr nah.

Propagandist*innen der rassistischen Ideologie sind oftmals rechte Bewegungen und Parteien. Dies analysiert Sebastian Friedrich kenntnisreich anhand des Aufstiegs der Partei Alternative für Deutschland (AfD). Die These vom Rassismus in der Leistungsgesellschaft ist Grundlage seiner Kritik an der bürgerlichen Analyse der AfD. Demnach ist der Rassismus der Rechten vor allem ein Produkt einer »Fahrradfahrer*innen-Ideologie«, bei der die Mittelklassen nach oben absolute Leistungsbereitschaft signalisieren und sich der Konkurrenz nach unten durch die Anrufung rassistischer und nationalistischer Vorurteile zu entziehen versuchen. Argumentativ schließt Friedrich damit an die Hegemonietheorie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci an. Nach Gramscis Theorie können nicht nur Staat und Kapital wichtige Stellschrauben in der Gesellschaft bewegen, sondern auch linke Parteien und Gewerkschaften. Diese pendeln in Gramscis Konzept zwischen integrativen Apparaten, die die eigene Bewegung auffressen, und staatsfeindlicher Avantgarde der Arbeiter*innenbewegung.

Während Roldán Mendívil und vor allem Sarbo Marx als Zeugen für eine grundlegende Theorie der Ausbeutung und Klassenstruktur heranziehen, greift Friedrich auf einen Marxismus zurück, der vor allem die Klassentheorie auf andere Beine stellt. Die Herausgeberinnen gehen in »Diversität der Ausbeutung« prominent der Frage nach: Warum Marxismus? Dazu lässt sich als Gegenfrage stellen: Welcher Marxismus? Denn spätestens die populäre Gramsci-Lektüre an den Universitäten der letzten Jahre zeigt im besten Fall eine Pluralität marxistischer Konzepte, in den schlimmsten Fällen eine Beliebigkeit. Auf politischer Ebene wollen die einen Linken in die Betriebe, die anderen auf die Straße und wieder dritte in die Regierung. Die Hoffnung der Herausgeberinnen auf eine einheitliche marxistische Wende in der Rassismusdiskussion wird sich so schnell wohl nicht bewahrheiten.

Es ist dennoch sehr verdienstvoll, dass Roldán Mendívil und Sarbo mit ihrem Band zurück zu einer klassengesättigten Analyse des Rassismus wollen. Die Kritik, die die beiden formulieren, trägt auch eine politische Hoffnung in sich: Unter der Anerkennung unterschiedlicher Unterdrückungserfahrungen soll eine geeinte Arbeiter*innenklasse kämpfen. Identitätspolitische Konzepte wären dann überflüssig.

Lehren aus ’68

Die soziale Explosion um 1968 hatte zu einer wahren Blütezeit der Klassentheorie geführt, wobei besonders die Fragen nach Randgruppen innerhalb der Arbeiter*innenklasse auf der Tagesordnung stand. Der kritische Theoretiker Herbert Marcuse entwickelte gar ein ganzes Konzept der Revolte um die Randgruppen, hatte er doch Ende der 60er Jahre in den USA einen gewaltigen Aufstand in den Vierteln der Schwarzen Arbeiter*innenklasse erlebt. Seiner Ansicht nach war diese dazu fähig, weil sie so wenig in die Ideologien und Belohnungen der Gesellschaft integriert war: Die Schwarzen Arbeiter*innen hatten nichts zu verlieren, also konnten sie alles riskieren.

Aber für diese These braucht es keine Theorie aus der Universität: Dass der erlebte Rassismus nicht der einzige Grund für die Aufstände dieser Zeit war, zeigen die Unruhen in Italien in den 70er Jahren. Triebkraft waren Arbeiter*innen aus dem Süden des Landes, die kaum integriert waren in die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften in Norditalien, dort aber einen radikalen Klassenkampf in den Fabriken anzettelten. Hier zeigt sich: Die Einheit der Klasse, wie sie auch die Herausgeberinnen von »Diversität der Ausbeutung« suchen, ist manchmal ein Hemmschuh des Aufstands. Denn wie damals in Italien kann es gerade die fehlende Integration in die alten Apparate der Arbeiter*innenbewegung sein, die einen sympathischen Widerstand gegen Befriedung und Regierungsprogramme hervorbringt.

Eleonora Roldán Mendívil/Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung.
Zur Kritik des herrschenden Antirassismus.
Dietz Berlin, 196 S., 16 €.

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