Klimasünder Katar

Im Gastgeberland der Fußball-WM spielt Umweltschutz kaum eine Rolle. Der Weltverband schaut weg

  • Von Ronny Blaschke, Doha
  • Lesedauer: 6 Min.
Das Stadion 974 in Doha wird von den WM-Gastgebern gern als Beispiel für ein klimafreundliches Turnier vorgeführt.
Das Stadion 974 in Doha wird von den WM-Gastgebern gern als Beispiel für ein klimafreundliches Turnier vorgeführt.

Das Organisationskomitee der Fußball-WM 2022 hat in seinem Hauptquartier im Geschäftsviertel von Doha einen Vorführraum eingerichtet. Infotafeln vermitteln die katarische Fußballgeschichte. In einer Vitrine sind die Bewerbungsunterlagen für das Turnier ausgestellt, daneben stehen metergroße Modelle der Stadien. »Wir haben das erste komplett demontierbare Stadion bei einer WM«, sagt Bodour Al-Meer, die im Organisationskomitee für Nachhaltigkeit verantwortlich ist. »Mich erinnert das ein bisschen an mein Lieblingsspielzeug aus der Kindheit, an Lego. Auch unser Stadion wurde mit vielen Einzelbausteinen zusammengesetzt.«

Bodour Al-Meer steht im Vorführraum neben dem Modell des »Stadions 974«. Benannt nach der internationalen Telefonvorwahl Katars – und nach der Zahl der Schiffscontainer, die angeblich zum Baumaterial des Stadions gehören. »Es ist das nachhaltigste Stadion von allen«, sagt Al-Meer. »Ein bisschen wie ein Zirkuszelt, bloß komplizierter. Wir bauen es auf und können es an einem anderen Ort später wieder aufbauen, hier in Katar oder in einem anderen Land.«

Das »Stadion 974« ist eines der acht Stadien, in denen die 64 WM-Spiele ausgetragen werden sollen. Mit diesem Vorzeigemodell möchten Offizielle wie Bodour Al-Meer belegen, dass es sich um die »nachhaltigste WM der Geschichte« handelt. Auch andere Stadien, die in einem Radius von 50 Kilometern um die Hauptstadt Doha liegen, sollen teilweise zurückgebaut werden. Bereiche können in Cafés, Büros oder in eine Klinik umgewandelt werden. Doch hinter diesem Marketing drängt sich eine andere Frage auf, die auch kommende Woche auf der UN-Klimakonferenz in Ägypten diskutiert werden dürfte: Kann die WM am Persischen Golf zu einem stärkeren Bewusstsein für die Klimakrise führen?

Noch bestehen große Zweifel. Seit Jahrzehnten verdankt Katar seinen Wohlstand lukrativen Gasexporten. Die rund 300 000 Staatsangehörigen, rund zehn Prozent der Bevölkerung, brauchen für Strom und Wasser fast nichts zu bezahlen. Ihr Ausstoß klimaschädlicher Emissionen ist einer der höchsten weltweit. Einkaufszentren werden mit riesigen Klimaanlagen ebenso heruntergekühlt wie so manches Stadion. Viele Katarer fahren große Autos und meiden die neue Metro. Nun für die WM veranschlagen die Organisatoren einen Ausstoß von rund 3,6 Millionen Tonnen CO2. »Das ist mehr, als der gesamte Staat Mali (20,5 Millionen Einwohner, Anm. d. Red.) in 365 Tagen verballert«, schreibt das Magazin »11 Freunde«.

Katarische Offizielle wie Bodour Al-Meer pflegen trotzdem das Narrativ der ersten »klimaneutralen WM«. Um diese Neutralität theoretisch zu erreichen, beteiligt sich Katar an Klimakompensationen, also an Projekten, die Emissionen langfristig mindern sollen. So pflanzt der Gastgeber Hunderttausende Bäume, Büsche und Sträucher. Doch bis diese tatsächlich größere Mengen CO2 aus der Luft filtern können, werden wohl Jahrzehnte vergehen. Überdies müssen die Pflanzen in der regenarmen Wüstenregion intensiv bewässert werden. Das Wasser dafür kommt in der Regel aus dem Meer und muss in energieintensiven Anlagen entsalzt werden.

Angesichts dieser Fakten haben nun prominente Fußballer gemeinsam mit unabhängigen Sportorganisationen einen offenen Brief an die Fifa gerichtet. Darin fordern sie den Verband auf, die Behauptung der WM-Klimaneutralität Katars aufzugeben. Morten Thorsby, Spieler bei Union Berlin und Initiator des Briefes, kommentiert: »Die Fifa ist weltweit führend und muss sich daher verpflichten, ihre riesige Plattform zum Wohle des Planeten und der Menschheit zu nutzen.«

Zudem haben Vertreter von Klimabündnissen in einigen westeuropäischen Ländern sogenannte »Werbebeschwerden« eingelegt. Sie fordern, dass Katar nicht mehr von »Klimaneutralität« spricht. Forscher wie Mike Berners-Lee von der Lancaster University glauben, dass der Emissionsausstoß rund um die WM die offiziellen Angaben um das Dreifache übersteigen könnte.

Über die drohende Gefahr der Klimakrise scheint man sich in Doha noch nicht wirklich im Klaren zu sein. Bei fortschreitender Erderwärmung könnte die Arabische Halbinsel Ende des 21. Jahrhunderts unbewohnbar sein. »Katar setzt bislang kaum auf erneuerbare Energien«, sagt der Islamwissenschaftler Tobias Zumbrägel, der sich mit der Klimapolitik der Golfstaaten befasst. »Es gibt zwar eine neue Solarstromanlage, aber dabei handelt es sich um ein Prestigeprojekt für die WM.« In den vergangenen Jahren hat Katar strengere Umweltregularien erlassen, doch diese werden oft von lokalen und regierungsnahen Baufirmen unterlaufen.

Katar muss langfristig seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren und will neue Wirtschaftszweige etablieren. Das Herrscherhaus wirbt um Investitionen, Fachkräfte, Touristen. Bereits lange vor der Fußball-WM sollten Großereignisse diese Strategie bekannter machen. So fand Ende 2012 die UN-Klimakonferenz in Doha statt. Umweltschützer kritisierten schon damals die katarische Regierung für ihren »verschwenderischen Stil«, für Luxusbauten, künstliche Inseln oder klimatisierte Eisflächen in Einkaufszentren. »Die ganze Infrastruktur in Katar ist eher für das Autofahren ausgelegt«, sagt Tobias Zumbrägel aus dem Nahost-Forschungsnetzwerk Carpo. »Es wurden strukturell die falschen Anreize gesetzt, die man jetzt nicht mehr so schnell ändern kann.«

Noch klärt die katarische Regierung wenig über die Klimakrise auf. Mitunter blockiere sie sogar die Auseinandersetzung um das Thema, berichtet Tobias Zumbrägel und nennt ein Beispiel: In einem Dorf nahe Doha hatten sich Einwohner über offenbar verschmutztes Grundwasser beschwert. Die Regierung gab bei einer staatsnahen Kommission umgehend eine Studie in Auftrag, die offiziell keine Mängel feststellte. »Die Verantwortung sollte schnell aus der Bevölkerung herausgezogen werden«, sagt Zumbrägel. »Man hat eben Angst davor, dass ein höheres Klimabewusstsein die politische Legitimität des Herrschaftshauses gefährden könnte.«

Strukturelle Fragen wie diese wurden seit der WM-Vergabe 2010 an Ausrichter Katar auch in Europa kaum diskutiert. Und sie könnten auch bis zur Weltmeisterschaft von aktuellen Schlagzeilen überdeckt werden. Es ist gut möglich, dass die Hotelkapazitäten in Katar nicht für 1,5 Millionen WM-Touristen ausreichen. Viele Fans werden daher in täglich mehr als 160 Pendelflügen aus den Nachbarstaaten anreisen, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder Saudi-Arabien. Der Deutsche Fußball-Bund hat für seine Anhänger ein Camp in Dubai geplant. »Auch acht Stadien sind in Zukunft für die katarische Liga völlig überdimensioniert«, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe.

Der Klimaschutz im Profifußball erhält jetzt zumindest mehr Aufmerksamkeit, auch bei der UN-Klimakonferenz. Im Herbst 2021 in Glasgow wurden dem Thema erstmals Veranstaltungen gewidmet. Nun, im ägyptischen Scharm El-Scheikh, wollen Aktivisten mit einer kritischen Perspektive auch die Fifa unter Druck setzen. Der Weltfußballverband trat 2016 der Initiative Climate Neutral Now bei, aber etliche Experten halten das eher für PR.

Die Kommerzialisierung des Sports wäre ohne globale Sponsoren undenkbar gewesen. Sponsoren, die auch das Klima belasten – Ölkonzerne wie Gazprom, Chemie-Riesen wie Bayer und nun besonders im Fokus: Fluglinien wie Qatar Airways. Der niederländische Aktivist Frank Huisingh von der Organisation Fossil Free Football formuliert es so: »Es ist völlig inakzeptabel, dass die größte Bühne des Weltfußballs genutzt wird, um Fans und Zuschauer in Sachen Klima in die Irre zu führen.«

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