Schreiben und Lieben in Seoul

Familiendrama, wilde Partys und queere Beziehungen: Bei Sang Young Park schreibt das Leben in Südkoreas Hauptstadt die besten Geschichten

Während südkoreanische Fernsehserien wie »Squid Game« oder »All of Us Are Dead« auf Netflix gerade im Grusel-Mainstream recht erfolgreich waren und durchaus kontrovers diskutiert wurden, spielt Literatur aus Südkorea hierzulande nur eine marginale Rolle. Eine Ausnahme bildet Hwang Sok-yong, dessen Bücher dtv seit Jahren veröffentlicht. Mit Sang Young Park wird nun endlich auch ein jüngerer Autor aus Südkorea international bekannt. Sein Roman »Love in the Big City« ist in Südkorea bereits ein Kult-Bestseller. Seit das Buch ins Englische übersetzt wurde, wird der 1988 geborene Sang Young Park international wahrgenommen und nun auch ins Deutsche übersetzt.

»Love in the Big City« ist eine ganz eigenwillige Mischung aus Coming of Age-Geschichte, Großstadtroman, Familiendrama, eine Auseinandersetzung mit dem literarischen Schreiben, es geht aber auch um das Studium in Seoul, Lohnarbeit, Karrierepläne, wilde Partys und vor allem um queere Beziehungen, die der schwule Erzähler namens Young im Laufe einiger Jahre erlebt und die auch prägend werden für sein schriftstellerisches Schaffen.

»Love in the Big City« besteht aus vier miteinander verknüpften Novellen, in denen der Autor im Stil eines autobiografischen Romans mit viel Wortwitz von seinen stürmischen Zwanzigern erzählt, in denen er zuerst mit seiner besten Freundin Jaahee zusammenlebt, bis die schließlich den unvermeidlichen Schritt in die bürgerliche Ehe vollzieht und das wilde Studentenleben mit fröhlichen Besäufnissen und wilden Partys hinter sich lässt. Der Ich-Erzähler Young bleibt allein zurück, nachdem er auf der Hochzeit noch einen kleinen Skandal verursacht hat, um sich sogleich in eine weitere Affäre und noch mehr Partys zu stürzen, beruflich alles weiterhin eher schleifen zu lassen und sich als Schriftsteller zu versuchen.

Die weiteren drei Teile des Romans erzählen von der schwierigen Beziehung zu seiner Mutter, die schließlich an Krebs erkrankt und von zwei längeren Beziehungen, die jeweils einige Jahre dauern. Da ist zum einen der gut zehn Jahre ältere, namenlose, ehemalige linke Polit-Aktivist, mit dem Young eine Beziehung voller Spannungen und heftiger Auseinandersetzungen führt. Und dann ist da der Krankenpfleger Gyu-ho, mit dem er irgendwann sogar Richtung Shanghai auswandern will.

Sang Young Park entwickelt seinen ganz eigenen Erzählstil, der nicht chronologisch ist, sondern diese ganzen Beziehungen und die immer wieder auch belastenden emotionalen Erlebnisse über zehn Jahre hinweg miteinander zu einem unglaublich lebendigen Text verknüpft. Das Schwulsein im mitunter extrem konservativen Südkorea spielt dabei immer wieder eine ganz zentrale Rolle, vor allem der gesellschaftliche Umgang damit. Denn Familienmitglieder, Kommilitonen, Kollegen und Freunde sollen oft gar nichts von Youngs Liebesgeschichten mitkriegen. Aber dieses halb im Verborgenen leben wird dann auch zum großen Streitpunkt in einer von Youngs Beziehungen, weil er keine Lust mehr hat, sich ständig zu verstecken und zu verstellen.

Seine evangelikale Mutter schleppte ihn als Jugendlichen sogar zu einem Arzt, wo ihn eine vermeintliche Therapie von seinem queeren Begehren »heilen« sollte. Aber auch das Schreiben und der Verzicht auf eine berufliche Karriere in einem leistungsorientierten Umfeld, das diesen Schritt kaum gutheißt, sind wichtige Themen in diesem Roman, dessen Hauptfigur gar nicht mal so sehr der Erzähler ist, vielmehr ist es die im Titel annoncierte »große Stadt« Seoul selbst. Sie ist Setting und Narrativ. Und durch diese Metropole wird verliebt spaziert, betrunken getanzt, erledigt mit dem Taxi gefahren, genervt die Lohnarbeit versehen und mit viel Hingabe Literatur produziert. Damit bietet Sang Young Park einen faszinierenden und neuen Blick auf die südkoreanische Gesellschaft.

Sang Young Park: Love in the Big City. A. d. Korean. v. Jan Henrik Dirks, Suhrkamp, 251 S., brosch., 16 €.

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