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Lose assoziiert

In ihrem Essayfilm über Elfriede Jelinek lässt Claudia Müller hauptsächlich die Schriftstellerin selbst zu Wort kommen

Sanft und bissig: Elfriede Jelinek mit Hund
Sanft und bissig: Elfriede Jelinek mit Hund

Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki ist bestürzt. Welche Frau könne es ertragen, Tag für Tag einen solchen Text anzufertigen? Immer wieder von Neuem anzusetzen, um dieses marternde Unglück zu entfalten? Es geht um »Lust« von Elfriede Jelinek, ihren achten Roman, in dem sie die sexuelle Ausbeutung einer Frau durch ihren Ehemann in all ihren gewaltvollen und vulgären Einzelheiten beschreibt. Sigrid Löffler, die mit Reich-Ranicki diskutiert, hält Jelinek für die bedeutendste Autorin Österreichs, doch auch sie stellt fest – was ihre Bewunderung wohl nicht schmälert –, dass »Lust« ein »ganz schreckliches, weil vollkommen erbarmungsloses« Buch sei, da es »keinerlei Ausflucht lässt.«

Ein Ausschnitt aus dem »Literarischen Quartetts« von 1989, der andeutet, wie sehr Elfriede Jelinek polarisiert – damals und noch heute, obwohl sie mittlerweile zum Kanon zählt. Dieser ist im Essayfilm »Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen« zu sehen, für den Regisseurin Claudia Müller verschiedene Dokumente aus Jelineks Werk und Leben zusammengetragen und mit teilweise lose assoziiertem Bildmaterial verwoben hat. Dabei stand Müller, die sich als Dokumentarfilmerin auf Künstlerporträts spezialisiert hat, vor einer besonderen Schwierigkeit: Sie konnte ihr Sujet nur gleichsam aus der Ferne betrachten. Weil Jelinek schon lange an einer Angststörung leidet, blieb ein Treffen mit ihr aus. Neues Material für den Film konnte also nicht produziert werden, Müller musste auf Vorhandenes zurückgreifen. Davon allerdings gibt es viel: Fotos, Interviews, Videoaufnahmen von Lesungen – und natürlich das Werk der Künstlerin, zu dem beispielsweise auch ein eigener Essayfilm zählt.

Herausgekommen ist tatsächlich etwas Neues, eine poetische Betrachtung einer Frau, die selbst gar nicht so erbarmungslos wirkt, wie sie schreibt, sondern im Gegenteil recht sanft. Wir sehen keine Gewaltfantastin, keine Zynikerin oder Nihilistin, keine, die nur um des Skandals willen zu drastischen literarischen Mitteln greift. Stattdessen eine hellwache Kommunistin, die mit den Ausdrucksformen, die sie wählt, die alltägliche Katastrophe sichtbar machen will.

Im Film lässt Müller vor allem Jelinek selbst zu Wort kommen, die nicht nur aus ihrem Leben erzählt, sondern dabei auch ihr eigenes Schaffen luzide durchdringt. So bestätigt sie etwa an einer Stelle Sigrid Löfflers Diagnose der Ausweglosigkeit, und zwar für ihr gesamtes Werk: »Ich zeige meine Figuren nicht als Handelnde, sondern als den politischen und gesellschaftlichen Mechanismen Ausgelieferte. (…) Sie sind Zombies, Bedeutungsträger, die so handeln, wie sie handeln müssen. Das macht viele Rezipienten meiner Literatur wahnsinnig wütend.«

»Die Sprache von der Leine lassen« – das kann für Jelineks Werk bedeuten, die Falltür in jedem Wort aufzuspüren, Sprichworte zu verdrehen, durch Übersteigerung einen verborgenen Sinn aufscheinen zu lassen. Entspannen kann man sich nicht, wenn man Jelinek liest. Müller lässt dieser losgelassenen Sprache ihren Raum, indem sie Textpassagen aus Jelineks Romanen und Theaterstücken von sechs Schauspielern vorlesen lässt. Sie kommentiert sie dabei nicht sprachlich, sondern ergänzt sie lediglich durch Bilder.

So sehen wir beispielsweise Gebirgslandschaften und Szenen eines sozialen Lebens auf dem Land, dazu hören wir Abschnitte aus »Die Klavierspielerin«: »Sie fühlt sich von allem ausgeschlossen, weil sie von allem ausgeschlossen wird. (…) Der Mann muss schließlich hinaus ins feindliche Leben. Doch die Tochter muss derweil streben, sich an Musik überheben.« Müller rückt diese Passagen in die Nähe der Erzählungen über Jelineks Kindheit und weist so auf die Verbindungen von Leben und Werk der Schriststellerin hin – schließlich sind der Roman und die darin geschilderte Mutter-Tochter-Beziehung stark autobiografisch gefärbt, wenngleich sie sicherlich nicht in Jelineks Biografie aufgehen.

Dass die Kindheit einen großen Teil des Films einnimmt, erscheint adäquat bei einer Künstlerin, die davon überzeugt ist, dass in dieser Zeit schon alles Entscheidende passiert sei (»Ich glaube, dass der Künstler in der Kindheit so viel an Frustrationen und Leid auftankt, dass es für den Rest seines Lebens reicht.«) Ihre Eltern haben, wie sie im Film erzählt, jeder auf seine Weise ihr künftiges Leben geformt: Weil die streng katholische und ehrgeizige Mutter, die ihre Tochter schon früh zu musikalischen Höchstleistungen treiben wollte, das Schreiben als einzige Kunstform nicht förderte, fand Jelinek als junge Erwachsene gerade in diesem ihren Ausdruck. Und weil der Vater, Jude und in der Arbeiterbewegung engagiert, seine Tochter schon im Kindesalter mit dem Holocaust und KZ-Filmen konfrontierte, »verpflichtete« er sie, sagt Jelinek. Sie müsse die Schuld abtragen, die sie ihrem Vater und seiner Familie gegenüber habe.

Eine solche Verpflichtung bedeutet, immer wieder den Finger in die Wunden der postfaschistischen Gesellschaft zu legen, die sich am liebsten als Opfer sehen will. Es mag nicht überraschen, dass das in einem Land, das sich mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit weniger auseinandergesetzt hat als der »Erinnerungsweltmeister« Deutschland, auf Ablehnung stößt. Doch die Heftigkeit, mit der Jelinek immer wieder für ihre Äußerungen und ihr künstlerisches Werk angegangen wurde und die der Film noch einmal vor Augen führt, ist doch frappierend. So widmet sich Müller etwa dem Text, der Jelinek erstmals zur Persona non grata werden ließ: »Burgtheater«. Das Theaterstück thematisiert das Mitwirken der bekannten Schauspieler Pauly Wessely und Attila Hörbiger – im Österreich der 80er Jahre so etwas wie Volksheilige – an NS-Propaganda-Filmen. Das ging zu weit: Nach der Uraufführung in Bonn 1985 ging eine Welle der Empörung auf Jelinek nieder, fortan galt sie als »Nestbeschmutzerin«. Ein Label, das ihr bis heute anhaftet.

Ein weiteres brisantes Theaterstück, das Müller aufgreift, ist »Rechnitz (Der Würgeengel)« (2009). Gegenstand ist ein noch immer nicht aufgeklärter Massenmord: Im März 1945 wurden etwa 180 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter, die zu krank oder zu schwach für die Arbeit waren, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Rechnitz im Burgenland erschossen. Täter waren Gäste der Gräfin Margit von Batthyány, die in der Nähe auf ihrem Schloss Rechnitz ein rauschendes Fest feierte, unter ihnen hochrangige NS-Schergen. Ein Prozess gegen die Hauptverdächtigen verlief 1948 im Sande, zwei Zeugen wurden ermordet. Der Ort des Massengrabs ist noch immer nicht gefunden.

Dass Jelineks Stück 2010 in Düsseldorf für einen Eklat sorgte, lag allerdings weniger am unaufgeklärten NS-Verbrechen als daran, dass sie auch einen Dialog des »Kannibalen von Rotenburg« mit seinem Opfer in ihren Text einfließen ließ. Während Martin Wuttke im Film aus Jelineks Stück vorliest, das die Vorgänge verarbeitet, gleitet die Kamera erst Bahnschienen entlang, dann richtet sie sich auf die Ruine eines verlassenen Pferdestalls und das frostüberzogene Feld daneben: offenbar den nun schon lange verlassenen Ort des Geschehens. Ein wenig erinnert das an Claude Lanzmanns »Shoah«.

An anderen Stellen versetzt Müller ihr Porträt mit zeithistorischen Dokumenten – etwa Aufnahmen von den 68er-Unruhen, von österreichischen Volksfesten, Auftritten des Rechtspopulisten Jörg Haider oder des damals jungen Schlagerstars Udo Jürgens – und lässt damit die politischen und gesellschaftlichen Umstände lebendig werden, mit denen die Schriftstellerin sich über die Jahre hinweg konfrontiert sah.

Sie zeigt auch, was die Kämpfe, die Jelinek führte, zurückgelassen haben: Resignation, zumindest teilweise. »Es ist alles gesagt, es ist wirklich alles gesagt«, meint die Autorin. Sie hat sich schon vor langer Zeit, nachdem sie 2004 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und gleichzeitig wieder mit Hass überschüttet wurde, aus öffentlichen Debatten zurückgezogen. Hauptsächlich will sie nun durch ihr Werk sprechen.

Wenn man dem Film etwas ankreiden kann, dann vielleicht, dass er sein Material auf eine Weise zeigt und vermischt, die oft im Unklaren lässt, aus welcher Zeit bestimmte Äußerungen Jelineks stammen. Jahreszahlen oder Werktitel werden nicht genannt, Personen nicht eingeführt. Auch in dieser Hinsicht behält sich Müller eine Kommentierung vor. Wem Leben und Werk der Schriftstellerin noch unvertraut sind oder wer sich nicht mit der österreichischen Geschichte auskennt, der könnte sich nicht immer zurechtzufinden.

Doch vielleicht ist das auch nicht so wichtig, und ein zu genaues Einsortieren würde dem Film seinen poetischen Charakter nehmen. So kann man eintauchen in diese Wort- und Bildcollage, sich mitnehmen lassen auf eine filmische Reise, wie es im Übrigen auch die Künstlerin selbst getan hat. In der »Zeit« schreibt Jelinek: »Meine Grundbefindlichkeit der Angst, die mir eine persönliche Teilnahme am Film unmöglich gemacht hat, wurde ersetzt durch eine Filmemacherin und ihre kongeniale Kamerafrau, die sich meiner buchstäblich angenommen haben. (…) Den Film hat eine Frau gemacht, die mich vorher gar nicht persönlich gekannt hat. Das ist das Erstaunlichste daran.«

»Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen«: Deutschland 2022. Regie: Claudia Müller. Mit: Elfriede Jelinek und den Stimmen von Sandra Hüller, Sophie Rois, Stefanie Reinsperger, Ilse Ritter, Martin Wuttke, Maren Kroymann. 96 Min. Jetzt im Kino.

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