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  • Doku "Angela Merkel - Macht der Freiheit"

Transatlantisches Happening

Eva Weber legt mit »Angela Merkel – Macht der Freiheit« die zweite opulente Ex-Kanzlerinnen-Doku in diesem Jahr vor

  • Christin Odoj
  • Lesedauer: 4 Min.
Merkel eiskalt.
Merkel eiskalt.

Es muss einem schon komisch vorkommen. Streift man durch die Mediatheken der Öffentlich-rechtlichen, so ploppen zum Suchbegriff »Angela Merkel« immer noch diverse Treffer auf: »Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin« (Fünfteiler, Arte), »Merkels ambivalentes Erbe aus feministischer Sicht« (Arte), »Das Ende einer Ära« (Arte), »Merkeljahre – Die Dokuserie« (ARD), »16 Jahre Merkel – Die uneitle Regierungschefin« (ARD). Es ginge ewig so weiter.

Kaum ist Torsten Körners dokumentarische Fleißarbeit »Angela Merkel – Im Lauf der Zeit« im Kino abgekühlt (Februar 2022), versucht sich die nächste Regisseurin an einem filmischen Porträt. Eva Weber, renommierte Dokumentarfilmerin, die seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt und arbeitet, hat sich durch sagenhafte 3629 Archivausschnitte, 1925 Fotos, 128 Audioclips, 55 Filme und 43 Interviews gewühlt und zeigt damit ähnlich penible Archivarbeit wie schon Körner. Dabei schafft es ihr Dokuporträt »Angela Merkel – Macht der Freiheit« aber nicht, der Person Merkel nennenswert näher zu kommen als das, was man schon weiß: Merkel, die Ostdeutsche im Männerverein CDU, Merkel, die Angst vor Hunden hat, Merkel, die ewig Unterschätzte, die wirklich lustige Merkel und gewiefte Taktikerin mit einem Weltklassetalent für Timing.

Weber setzt die einzelnen Videoschnipsel aus vielen Jahrzehnten dramaturgisch spannend zusammen und gerade weil einem alles bekannt vorkommt, ist der Film atmosphärisch so, als würde man ein extrem gut sortiertes Familienalbum durchblättern. Wobei es eine Alterskohorte gibt, die kaum einen anderen Zugang zu Politik kennt als den Merkelschen, für die sie also tatsächlich so etwas wie kollektive Erinnerung geschaffen hat. Aber trotz der diversen Interviews, die Weber mit namhaften Weggefährten*innen wie Hillary Clinton, Barack Obama oder Tony Blair führte, bleibt der Film nur Stichwortgeber. Wir rauschen also vorbei an DDR-Erinnerungen, »Wir schaffen das«, noch mehr DDR-Erinnerungen, Merkel beseelt vom wunderbaren Obama und verdutzt neben dem ollen Trump, Zapfenstreich, Nina Hagen, schön.

Einzig Merkels Mutter vermag es, der Persönlichkeit ihrer Tochter Tiefe zu verleihen, da geht es darum, wie ihre Tochter als junges Mädchen Kritik verarbeitete, die mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit zu tun hatte. Und natürlich darf ihr entscheidender »FAZ«-Artikel nicht fehlen, der Helmut Kohl damals den Dolch in den spendenfinanzierten Rücken rammte, um zu zeigen: Merkel verzeiht keine Fehler.

Genau hier hätte Webers aufwendige Zeitzeugenbefragung ansetzen müssen. Aber meistens ist die Dokumentation schlicht ein Best-of-Merkel-Momente. Kritiker*innen und Vergrätzte kommen nicht zu Wort, dabei hätte es derer viele gegeben. Angefangen beim Andenpakt, dem Männerbund der CDU, der angeblich ihre Kanzlerkandidatur 2002 verhinderte, bis hin zu Friedrich Merz, den sie 2002 als Fraktionsvorsitzenden absägte, oder Norbert Röttgen, der 2012 als Umweltminister gehen musste. Immerhin darf Heiner Geißler über Merkels Outfit bei einer Sabine-Christiansen-Sendung lästern, in der sie angeblich gegen die weltgewandte Hillary Clinton in ihrem gut geschnittenen rosa Kostüm viel zu brav aussah. Das ist dann ungefähr auch das Niveau, auf dem sich die kritischen Aussagen zu Merkel bewegen, immerhin Beweise für die enervierende Frauenverachtung damals und heute: Zu ruhig, zu ernst, zu schlechte Frisur, zu hässliche Blusen und einmal hat sie sogar in einer Kabinettssitzung geweint. Warum eigentlich nur ein Mal?

Statt fundierter Kritik an ihrer mitunter unbeholfenen und stramm konservativen und überaus pragmatischen Regierungspolitik (es fallen einem Schlaglichter wie der Bürgerdialog mit dem weinenden Mädchen Reem Sahwil oder ihre Ablehnung der Ehe für alle ein), minutenlange Bilder eines FDJ-Ausfluges an der Ostsee. Spätestens als zum Mauerfall die Scorpions eingespielt werden, ist das Fass der Konventionalität arg übergelaufen. Der Fokus auf Merkels ostdeutsche Sozialisation ist nachvollziehbar, aber eben auch wahnsinnig öde auserzählt. Dann gelingt es der Doku sogar, den Ukraine-Krieg noch mit einzubeziehen, aber außer der Feststellung, dass sich Deutschland zu abhängig von Russlands Energie machte, was Student*innen schon vor über zehn Jahren im Politikstudium lernten, gibt es keine Kritik an einer Frau, die die Politik 16 Jahre lang bestimmte.

Und auch die im Presseheft angekündigte »internationale Perspektive« auf Merkels Leben entpuppt sich letztendlich als transatlantisches Happening. Natürlich sind Clinton und Blair begeistert und andersrum genauso. Bei Obamas Abschied soll Merkel ein Tränchen verdrückt haben. Wahrscheinlich wären die Erzählungen einiger afrikanischer oder osteuropäischer Politiker*innen zu Merkels Deutscher-Wohlstand-über-alles-Politik andere gewesen.

So ist »Angela Merkel – Macht der Freiheit« ein ambitioniertes, streckenweise amüsantes Jubiläumsvideo für eine der prägendsten politischen Figuren unserer Zeit, deren Abgang sich im Dezember zum ersten Mal jährt. Zum Kern des Ganzen, wie ausgerechnet diese unscheinbare ostdeutsche Wissenschaftlerin, die eigentlich viel lieber Lehrerin geworden wäre, zur ersten Bundeskanzlerin werden konnte und was sie aus diesem Land gemacht hat, dahin stößt das Porträt nicht vor. Immerhin aber gibt es noch mal ihre schönsten Grimassen zu sehen.

»Angela Merkel – Macht der Freiheit«: Deutschland, Großbritannien, Dänemark 2022. Regie: Eva Weber. 96 Minuten. Läuft im Kino und ist ab 8. Dezember auf RTL+ verfügbar.

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