Keine Angst vor Weihnachten!

Jedes Jahr dieselbe Frage: Was soll man schenken, wenn man etwas verschenkt? Wir geben schon jetzt ein paar Empfehlungen

  • der nd-Redaktion und Freunden
  • Lesedauer: 17 Min.
Der Trick mit den Geschenken: »Beschwer dich nie! Erklär dich nie!«
Der Trick mit den Geschenken: »Beschwer dich nie! Erklär dich nie!«

Die Kunst der Schnüffelei

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man zu Weihnachten vielleicht ein Adressbuch verschenkt. Heute erscheint das obsolet, bieten Computer, Smartphones und Clouds doch Speicherplatz für alle möglichen Informationen. Und sowieso: Grüße verschickt man nur noch selten postalisch (was schade ist). »Das Adressbuch« der Künstlerin Sophie Calle ist allerdings auch 2022 noch ein gutes Geschenk. Es ist das Ergebnis einer Schnüffelei: Calle fand im Juni 1983 ein Adressbuch auf der Straße, und weil sie zuvor eingewilligt hatte, für die französische Tageszeitung »Libération« eine Kolumne zu schreiben, beschloss sie kurzerhand, das gefundene Objekt zu ihrem Projekt zu machen. Sie kopierte alle Adressen aus dem Buch, bevor sie es anonym an seinen Besitzer zurückschickte, und begann sich dem Menschen, der es verloren hatte, anzunähern – durch Treffen mit seinen Freunden und Bekannten. Schilderungen dieser Treffen erschienen einen Monat lang täglich in der »Libération« – was dem Besitzer des Adressbuchs übrigens, als er es herausbekam, gar nicht gefiel.

Seit 2019 liegen die gesammelten und durch Fotografien Calles ergänzten Texte erstmals auf Deutsch vor. Alle, die ein bisschen zu neugierig sind, werden hieran ihre Freude haben. Larissa Kunert

Sophie Calle: Das Adressbuch. Suhrkamp, 105 S., geb., 22 €.

Wo karriolt der Kiebitz?

Kiewke, Jokje, Curracag, Flapjack, Jacobin, Fredeluga, Fifa – zwei Seiten in dem Büchlein über den Kiebitz nehmen allein die Namen ein. Ja, Fifa. Das Kompendium bietet zu allen Aspekten des Lebens und Aussterbens dieses Vogels aus der Familie der Regenpfeifer eine vergnügliche bis bildende Lektüre. Die drei Autoren, F. W. Bernstein, Thomas und Jürgen Roth, nähern sich dem wunderlichen gefiederten Geschöpf gemächlich, teils aus weiter Ferne. Es geht um die Farben, die Rufe, Fluggeräusche, das Flugbild. Allein die Balzflüge: hin- und herkippend, Sturzflüge, senkrechtes Herabtrudeln. Eine der Techniken der Nahrungssuche ist das Fußtrillern: Auf einem Fuß stehend, wird mit dem anderen auf den Boden geklopft. Die Regenwürmer »denken« dann, es regnet, und kommen an die Oberfläche.

Es geht auch in die Hochkultur in »Unser Freund, der Kiebitz«; es folgen ökologisch-ökonomische Überlegungen zum Materialwert verschiedener Vogelarten, Feldforschung zur Unkenntnis von Zeitgenossen. Die liebevolle Materialsammlung mit Zeichnungen und Kritzeleien von F. W. mündet jedoch in einem bitteren Fazit. Dennoch beziehungsweise deshalb sei das Buch empfohlen. Und der Ausflug ins Oderbruch im Frühjahr, wenn dort vielleicht wieder Kiebitze nisten wollen, aber nur unter Vorbehalt: Lassen Sie den Hund zu Hause! Ulrike Henning

Jürgen Roth, Thomas Roth, F. W. Bernstein: Unser Freund, der Kiebitz. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins 2019, 192 S., geb., 17,90 €.

Von Toilettendeckeln zu Fledermäusen

Ich bin eigentlich keine Sachbuchleserin. Aber »Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge« von Bill Bryson hat mich mitgerissen. Die deutsche Übersetzung erschien schon 2011. Bryson erzählt von den vermeintlich kleinen Dingen und wie sie in unser Leben kamen, von reichen Menschen und armen, von berühmten und vergessenen. Wir begleiten ihn auf einen Rundgang durch alle Räume seines alten Hauses, die für ihn zum Ausgangspunkt für weitschweifende Geschichten und Anekdoten werden. Über das »Buch der Haushaltsführung« etwa, das 1859 erschien und jahrzehntelang die Hitlisten anführte, obwohl es offenkundig »hastig zusammengehudelt« wurde und zum Teil vollständigen Unsinn enthält (Kartoffeln machen süchtig, Käse nur in kleinsten Mengen, aber auf jeden Fall im Sitzen verzehren).

Mit dem Blick von kleinen Kindern, für die nichts auf der Welt selbstverständlich ist und die deshalb erst mal alles infrage stellen, erforscht er, warum ausgerechnet Salz und Pfeffer auf dem Tisch stehen, seit wann es Hausflur, Wohnzimmer und später ein separates Esszimmer gibt. Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, vom Toilettendeckel zu den Gefahren durch Fledermäuse, vom Sofa zum Stoffbezug und zur Erfindung von Möbelkatalogen. Was haben die Menschen im 17. Jahrhundert gegessen? Alles! Die Geschichte des elektrischen Lichts erinnert an den glücklosen Joseph Swan, der zeitgleich mit Thomas Edison die Glühbirne erfand, aber weniger Sinn für Marketing und Geschäfte hatte. Das »Dictionary of National Biography«, schreibt Bryson, räumt Swan »weniger Seiten ein als der Kurtisane Kitty Fisher oder jeder Menge talentloser Von und Zus. So ist Geschichte.«

Wer von alldem auch nur einen Bruchteil behält, dem wird der Gesprächsstoff in der anstehenden Feiersaison nicht ausgehen. 
Ines Wallrodt

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge. A. d. Engl. v. Sigrid Ruschmeier. Goldmann, 640 S., geb., 29,99 €.

Das Heilige

Die französischen Filmemacher Gérard Mordillat und Jérôme Prieur arbeiten sich seit Jahrzehnten an den Ursprüngen des Christentums ab. In ihren verschwenderisch klugen Doku-Serien ringen Theologen, Judaisten und Islamwissenschaftler um die Auslegung der Heiligen Schriften. Um das spannend zu finden, braucht man kein Stück gläubig zu sein. Es genügt ein Mindestmaß an Interesse, auf welchem Fundament unsere heutige Kultur steht. Haben Sie sich zum Beispiel einmal gefragt, warum Christen nicht beschnitten sind? Hier lernen Sie, dass das keineswegs selbstverständlich ist, sondern dem pragmatischen Machtinstinkt des Paulus zu verdanken war. Er schaffte das Opfer ab, um die neue jüdische Sekte, die sich auf Christus berief, für möglichst viele Heiden attraktiv erscheinen zu lassen. Auch diese kleine Entscheidung förderte den Aufstieg des Christentums zur verbreitetsten Religion unserer Zeit. Das Gesamtwerk von Mordillat und Prieur ist bereits für schlappe 90 Euro zu erwerben. Damit ist man locker bis Karfreitag beschäftigt. Michael Wolf

Gérard Mordillat, Jérôme Prieur: »Corpus Christi«, »L’Origine du christianisme«, »L’Apocalypse«, »Jésus et l’Islam«; bei: boutique.arte.tv

Hört, hört!

Wer schon mal Weihnachtsmann gespielt hat, sprach dabei mit Sicherheit diesen Satz aus: »Wollen wir mal sehen, für wen ich etwas im Sack mitgebracht habe.« Es gibt aber Geschenke, die kann man weniger sehen, sondern vor allem hören. Nicht nur Musik, sondern auch: Hörbücher. Egal ob als Hörspiel-Inszenierung oder als Lesung – wer so etwas hört, hat mehr vom Leben. Wie viele öde Wartezeiten, Bahn- oder Busfahrten muss man auf sich nehmen, doch sie müssen keineswegs verlorene Zeit sein. Man kann dabei zum Beispiel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« hören; ein Wälzer, ach was, eine ganze Wälzerserie, die kaum jemand bis zu Ende liest. Aber beim Spaziergang, beim Bügeln, bei der Küchenarbeit lässt sich das vorzüglich konsumieren. Zumal dann, wenn Hörspielregie und Schauspielerstimmen anständige Arbeit leisten.

Man müsste schon äußerst unzugänglichen Gemüts sein, um das Kopfkino zu unterdrücken, das sich unweigerlich in Bewegung setzt. Erstaunlich, was für bunte Bilder die grauen Zellen hergeben. Wer nicht hören will, muss fühlen? Falsch. Wer hört, der fühlt. Ist in sich versunken und doch verbunden mit der Welt, mit welcher auch immer. Wer Hörbücher verschenkt, verschenkt Freude und Bildung. Wolfgang Hübner

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Gelesen von Peter Matić. Hörverlag, 79,80 €.

Justus Jonas kann niemand täuschen

Immer das Gleiche an Weihnachten: Die 1000. Wiederholung von »Winnetou« flimmert über die Mattscheibe, Omas Kekse schmecken so trocken wie die katarische Wüste, und das Singen unterm Tannebaum mag eh keiner. Doch aufgepasst! Wer sich oder der Familie an den Feiertagen etwas Gutes tun möchte, der verschenkt »Die drei ??? und die Teufelsklippe«. Die aktuelle Folge der Hörspielreihe, die es immer noch auf Kassette zu kaufen gibt, Nummer 219, um genau zu sein.

Peter Shaw steht unter Mordverdacht! Unbegründet, wie seine beiden Fragezeichen-Kollegen Justus Jonas und Bob Andrews nach pfiffigen Ermittlungen herausfinden können. Am Ende entpuppt sich der Vorfall als perfide Inszenierung mit Happy End. Einen Justus Jonas kann eben niemand täuschen – nicht einmal die bolivianische Drogenmafia. Also den Kassettenrekorder vom Dachboden geholt, und ab gehts nach Rocky Beach. 
Christian Klemm

»Die drei ??? und die Teufelsklippe« (MC), 7,95 €.

Geschichte als Spionagethriller

Ruth Werners Buch »Sonjas Rapport« war ein Bestseller. Die Geschichte der wohl erfolgreichsten Kundschafterin des sowjetischen Militärgeheimdienstes verkaufte sich hunderttausendfach in der DDR. Der britische Journalist und Autor Ben Macintyre erzählt die Geschichte von Ruth Werner alias Ursula Kuczynski nun neu. Mit bisher unveröffentlichtem Material aus den Archiven der Stasi, der britischen, amerikanischen und sowjetischen Geheimdienste werden wichtige Abschnitte der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, des Weltkriegs und der Blockkonfrontation beleuchtet. Dabei verhehlt Macintyre weder seine grundsätzlich antikommunistische Haltung, selbstverständlich für einen Redakteur der konservativen britischen Tageszeitung »Times«, noch seine Faszination und Sympathie für die Protagonistin und ihren Gefährten. »Agent Sonja« ist ein Sachbuch, die Biografie einer bemerkenswerten, hoch emanizipierten Frau und ein Spionagethriller in bester angelsächsischer Tradition. Rouzbeh Taheri

Ben Macintyre: Sonja Agent. Kommunistin, Mutter, Topspionin. A. d. Engl. v. Kathrin Bielfeldt u. Jürgen Bürger. Insel, 469 S., geb., 26 €.

Karten kaufen

In diesem Jahr häuften sich die Konzertbesuche wie nie zuvor. Aufgeschobene Auftritte aus der harten Lockdown-Zeit. Die Bands waren alle ehrlich froh, endlich wieder Menschen und ihre Handys vor sich im Publikum zu sehen. Das war ziemlich rührig. Die Autorin Stefanie Sargnagel sagte kürzlich, dass in diesem Jahr als einzig sinnvolles Weihnachtsgeschenk nur Karten für Lesungen und Konzerte infrage kommen, und dies vor allem von Künstler*innen, die wirklich kein Mensch kennt. Denen gehe es eh schon bescheiden und in letzter Zeit noch viel schlechter. Sargnagel hat total recht. Deshalb gibt es dieses Jahr für alle Familienmitglieder die passenden Tickets für Veranstaltungen, mit denen sie vom Namen her garantiert nichts anfangen können (ich auch nicht). Für die Eltern: Benny Sings, ein Amsterdamer Singer-Songwriter, dessen Musik klingt wie die Tetris-Melodie. Für die Schwiegereltern: Gutschein für‹s Kriminaltheater. Für den Mann: Karten für eine Lesung mit dem Titel »Texte von gestern«. Menschen lesen Sachen vor, die sie als Kinder oder Jugendliche geschrieben haben. Jeder darf auf die Bühne, und Teilnehmende bekommen einen Getränkegutschein fürs Vorher-Mut-Antrinken. Wie süß. Christin Odoj

Theaterkasse Ihrer Wahl.

Das zweite Leben

Nachdem Sänger Diggen im letzten Jahr im Streit aus der Hamburger Kult-Band Slime ausgeschieden ist, schien ihr Schicksal besiegelt zu sein. Slime ohne Dirk Jora – ist das nicht wie Motörhead ohne Lemmy? Anscheinend nicht, denn die drei verbliebenen Band-Mitglieder suchten einfach einen neuen Sänger. Und schenkten sich damit ein zweites Leben! Und dem Berliner Straßensänger Tex Brasket ein neues.

Es ist schier unglaublich, wie gut diese Band funktioniert. Auf ihrem neuen Album, das sie konsequenterweise »Zwei« nennen, zeigen sie ihr volles Können. Herrliche Melodien, unpeinliche Gitarrensoli und tolle Lyrics, die zeigen, dass Tex etwas zu sagen hat, lassen fast jeden Song zu einem echten Hit werden. Allen voran natürlich »Komm schon klar«, in dem Tex authentisch vom Leben auf der Straße erzählt: »Messer gezückt wegen gar nix, war mal wieder knapp vor’n paar Tagen / Willst’n jetzt damit, Du Giftzwerg? Hast Du mir irgendwas zu sagen? / … / Ich will weder sterben noch töten«. Mein Lieblingslied ist das anrührende »Lieben müssen«, in dem Tex fast vorwurfsvoll fragt: »Wie kannst du nur sagen, dass du mich liebst?«

Natürlich gibt es aber auch genug Fans, die sich nach Jora zurücksehnen werden. Slime ohne Diggen geht nicht, sagen sie. Na ja, dann stellt euch halt vor, dass das nicht Slime sind, die ihr da hört, sondern eine ganz neue Band. Dann erschließt sich vielleicht auch dem letzten die Größe dieses Albums. Slime sind tot. Es lebe Slime! Axel Klingenberg

Slime: »Zwei« (Edel), 16,90 €.

Schnurren für Oscar Wilde

Ja, man soll keine Tiere schenken. Aber: Katzen sind erwiesenermaßen gut fürs Herz, sie schlafen viel und arbeiten nur zum Vergnügen. Eine Katze auf dem Schoß oder an den Füßen ersetzt jede Wärmflasche. Die Minitiger sind anhänglicher als ihr Ruf, und sie schnurren, wenn mensch sie gut behandelt. Keine Ausreden: Es gibt auch Modelle für Allergiker*innen. Denn jede*r sollte eine haben, um sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben, und was schon Oscar Wilde wusste: »Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen.«

Der Satz stammt aus dem hübschen Bändchen »Der Sozialismus und die Seele des Menschen« – ein Plädoyer für einen Sozialismus, in dem der Beschäftigung mit dem Schönen gefrönt und alle hässlich und krank machende Arbeit von Maschinen erledigt wird. Irrige Utopien werden entlarvt, denn »gerade gegen die bestehenden Verhältnisse wendet man sich; und jeder Plan, der sich in diese Verhältnisse fügen könnte, ist schlecht und töricht«. Zwar lässt sich vom schönen Leben nach wie vor bloß träumen, doch gerade dafür braucht es mehr Mußestunden. Optimalerweise in Kombination mit einer Katze. Mira Landwehr

Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen. A. d. Engl. v. Gustav Landauer u. Hedwig Lachmann. Diogenes, 80 S., br., 10 €.

Angewandte Weltenrettung

Der diplomierte Seelengeograph Pausanias, Alleinerbe des halben Vermögens der Menschheit, muss im Jenseits, das eine Blockchain für die Währung Seele ist, Gott finden, um ihn davon abzuhalten, mit einer Atombombe die sogenannte Üblichewelt zu vernichten, was den Markt ankurbeln würde und Gott den Seelennachschub verschafft, aus dem seine Aufputschdroge gewonnen wird. Währenddessen tobt ein Krieg zwischen den empathiefähigen Insex-Robotern, die sich in einem Wald namens Jüdische Wildnis verstecken, und dem tyrannischen Trump-Lookalike Blumper, Geschäftsmann und Intrigant. Dies sind einige Elemente der Graphic Novel »Krieg und Paradies«, für die vor allem der Singer-Songwriter Adam Green verantwortlich zeichnet. In Deutschland durch besoffene und druffe Auftritte bei Stefan Raab bekannt, ist sein Schaffen von einem widerborstigen und schönen Nerdtum geprägt, bevor Autismus Pflicht wurde, um effizient und weltfremd zu arbeiten.

Zusammen mit seiner Ehefrau Yasmin, die bei Google arbeitet, hat Green den Plot geschrieben, seine Freunde Toby Goodshank und Tom Bayne haben mit ihm eine Welt zwischen Super Mario, Starship Troopers und Asterix & Obelix illustriert. Und die Lyrikerin Ann Cotten hat den Text in ein wildes und witziges Deutsch übersetzt. Wer Weihnachten das Zwiegespräch mit Gott sucht und sich als Szenerie eine psychedelische Videospielcomicwelt wünscht, mit fliegenden Geschlechtsteilen und Dialogen von beiläufiger philosophischer Tiefe, kann hiermit ein paar sehr schöne Stunden verbringen. 
Vincent Sauer

Adam Green: Krieg und Paradies. A. d. Engl. v. Ann Cotten. Starfruit, 192 S., geb., 25 €.

Das Buch der Bücher

Eigentlich kann man nur eine Sache guten Gewissens verschenken: ein Buch. Es lässt sich auch von handwerklich minderbegabten Menschen recht akzeptabel in Geschenkpapier einwickeln, und es macht einen sehr persönlichen Eindruck, ohne zu persönlich zu sein. Nur – zu welchem Buch soll man greifen? Verschenkt man einen Klassiker, schwingt da der unterschwellige Vorwurf mit, der Beschenkte habe ihn noch nicht gelesen. Verschenkt man anspruchsvolle Literatur, fühlt das Gegenüber sich vielleicht, frei von Genuss, zur Lektürearbeit verpflichtet. Verschenkt man etwas Unterhaltsames, wähnt der andere sich möglicherweise für dumm gehalten. Aber mit einem Bändchen können Sie wirklich nichts falsch machen. Es handelt sich um eine Schrift des französischen Psychoanalytikers Pierre Bayard mit dem schönen Titel »Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat«. Eine wirklich vergnügliche Lektüre. Und das Beste daran: Es wird Ihnen auch helfen bei allen Büchern, von denen Sie sich wünschten, sie wären Ihnen nie geschenkt worden. 
Erik Zielke

Pierre Bayard: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. A. d. Franz. v. Lis Künzli. Verlag Antje Kunstmann, 224 S., geb., 18,95 €.

Kennen Sie die?

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Alben des britischen Pop-Duos Godley and Creme nicht mehr nur als sündteure Japan-Pressungen zu haben waren. Seit 2017 gibt es mit »Body of Work« eine (fast) komplette Werkschau des 80er-Jahre-Pop-Duos, das fast sämtliche selbst ernannten Musik-Experten für dieses stilprägende Jahrzehnt nicht mal dem Namen nach kennen. Dabei ist der Avantgarde-Pop von Kevin Godley und Lol Creme, die zuvor bei der 70er-Jahre-Band 10cc spielten, zu deren Konzerten auch aufgeregte Jugendliche im »Bravo«-Fotoroman gingen, absolut hörenswert. Mal minimalistisch, mal munter dahingeträllert oder auch düster hingehaucht. Godley and Creme produzierten ihre mitunter schrägen, aber wundervollen Pop-Juwelen jenseits der Charts. Das Geld verdienten sie eh mit dem Dreh von Musikvideos, unter anderem für Kate Bush, Sting, Frankie goes to Hollywood und Duran Duran. Eine popmusikalische Rarität der 80er für »zwischen den Jahren«. 
Florian Schmid

Godley and Creme: »Body of Work« (Caroline), ca. 43 €.

Hochadel und Niedertracht

»Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«, forderte schon Goethe. Nur ist der Mensch normalerweise nicht edel, sondern egoistisch, neidisch, berechnend, hämisch, eitel, eifersüchtig und durchtrieben – um nur einige seiner zahlreichen beklagenswerten Eigenschaften zu nennen. Will man all dies auch noch in seinen Stunden der Muße im Heimkino erleben? Auf jeden Fall, wenn der britische Hof – wie in der Serie »The Crown« – die Kulisse dafür bietet.

Die Verbindung aus Hochadel und Niedertracht sorgt für die nötige emotionale Fallhöhe. Und vor den royalen, im Hochglanz erstrahlenden Interieurs tritt die menschliche Schäbigkeit umso deutlicher hervor. Hier kriegen alle ihr Fett ab. Sogar die tugendsame Queen Elizabeth, deren Leben den Ankerpunkt der Serie bildet. Immer wieder fröstelt man, mit welcher Kälte sie die Menschlichkeit dem »System« opfert. Imagewerbung ist das nicht. Man wundert sich beim Betrachten der Emmy-gekrönten Serie ohnehin, dass es nicht Unterlassungsklagen gehagelt hat. Aber dann fällt einem ein, dass auch King Charles, der in »The Crown« besonders schlecht wegkommt, die englische Devise verinnerlicht hat: »Never complain! Never explain!« – Beschwer dich nie! Erklär dich nie! Jede Reaktion, jedes Dementi hätte ohnehin nur noch mehr Schlamm aufgewühlt. Frank Jöricke

»The Crown«, DVD-Set der ersten vier Staffeln, ca. 60 €. Läuft auf Netflix.

Die Wahrheitsmaschine

Der Lieblings-Hassliterat des Feuilletons kübelt seine Tiraden dankenswerterweise in jene Öffentlichkeit, die Inhalt sonst eher scheut. Die von Groll angetriebene Wahrheitsmaschine Goetz gab nie etwas auf die Konventionen des Betriebs und kam damit zu Einsichten, die den Duckmäusern verschlossen blieben. Das Theater kommt ihm dafür gerade recht. Deshalb empfehle ich für die Nachweihnachtszeit den Besuch seines Stücks »Reich des Todes«, das als polyphon performter Essay und antiimperialistisches Hardcore-Happening mehr über unsere Zeit weiß, als diese Zeit selbst. Es geht um die US-Politik in den Tagen nach 9/11, die aber für bürgerliche Staaten Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Oder die neue Inszenierung »Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft«.

Inmitten des Maßnahmenjahres 2020 hörte man bei der Premiere von »Reich des Todes« in Hamburg Sätze wie diesen: »Jetzt, aber nur für kurze Zeit, können gewisse Korrekturen am Staatsgefüge, die schon lange überfällig sind, möglich sein, der Augenblick ist da, man muss ihn sofort nutzen, bevor die Lage sich wieder zu sehr klärt, ein neues Recht, ein starker Staat (…) den exekutiven Organen kommen in diesem Fall von Staatsnotstand uneingeschränkte Rechte zu.« Marlon Grohn

Theatergutschein für das Schauspiel Köln, 18,70 €.

Weihnachtsdoom

Ronnie James Dio war 1980 kein bloßer Ozzy-Ersatzmann, sein voluminöses Knurren machte die Doom-Stücke noch härter und sein gebirgsbachklarer Tenor die elegischen Parts fragiler. Er hatte zudem ein melodisches Gespür, das sich sofort in der Qualität der Songs niederschlug. So inspiriert, artifiziell und dennoch eingängig hatte man Black Sabbath zumindest lange nicht gehört. Ihre erste Zusammenarbeit »Heaven And Hell« enthält mit »Neon Knights«, »Children Of The Sea«, dem Titelsong und »Die Young« gleich mal vier Sternstunden des progressiven Hardrock; die restlichen vier Songs sind einfach nur sehr gut.

Der Nachfolger »Mob Rules« von 1981 ist dunkler, nicht ganz so opulent produziert, dafür härter und auch agiler. Das lag am neuen Schlagzeuger Vinny Appice, der für den alkoholkranken Bill Ward einsprang und die Altvorderen auf Trab brachte, und an ihrem Produzenten Martin Birch, der gerade erst im Studio erlebt hatte, welche Energie die jungen Wilden Iron Maiden entfachten. Die Songs waren Machtdemonstrationen, die der Szene zeigten, dass man die Altvorderen besser nicht unterschätzen sollte. Und sogar in ihrer Paradedisziplin entsteht noch einmal Exorbitantes. »The Sign Of The Southern Cross« ist wahrscheinlich der beste Doom-Song überhaupt. Und wann braucht man Doom-Songs am nötigsten? Am Heiligen Abend, genau! Frank Schäfer

Black Sabbath: »Heaven And Hell« und »Mob Rules«, Deluxe Editionen (BMG), ca. 20 €.

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