Kalendersprüche oder Kunst?

Niels Penke ergründet in seinem Buch »Instapoetry« das bislang populärste Literaturphänomen des digitalen Zeitalters

Ein Poet in prosaischen Zeiten?
Ein Poet in prosaischen Zeiten?

Lyrik gilt unter den literarischen Gattungen nicht gerade als Kassenschlager. Ausgerechnet die sozialen Medien, die neben Netflix und Computerspielen gerne für allgemeine Sprachverdummung und den Einbruch der Buchverkäufe verantwortlich gemacht werden, katapultierten Gedichtbände nun aber auf die Bestsellerlisten.

Erstmals publiziert wurden diese Gedichte erstaunlicherweise auf Instagram, einer Plattform, auf der sonst hauptsächlich Bilder und kurze Videos geteilt werden. Allein die Kanadierin Rupi Kaur, die wohl populärste sogenannte Instapoetin, hat auf ihrem Profil viereinhalb Millionen Follower um sich geschart und mehr als zehn Millionen Bücher verkauft. Unter dem Hashtag #instapoetry finden sich über fünf Millionen Gedichte, die in vordigitalen Zeiten wohl größtenteils in der Schublade verschwunden wären. Ausgehend von den englischsprachigen Vorreiter*innen um Kaur, den US-Amerikaner R. M. Drake und die Britin Warsan Shire ist das Phänomen zum globalen Hype geworden, auf den auch deutschsprachige Autor*innen wie zuletzt Max Richard Leßmann aufgesprungen sind.

Der Literaturwissenschaftler Niels Penke hat sich mit dieser digitalen Bewegung nun in einem eindrucksvollen Buch befasst. Ausgangspunkt seiner gründlich recherchierten Studie sind die technischen und sozioökonomischen Bedingungen von Instagram, denn für diese werden die Instapoems geschrieben, gestaltet und optimiert. Was dabei herauskommt, ähnelt häufig »nachdenklichen Sprüchen mit Bildern«, erinnert an Selbsthilfeliteratur und Kalenderweisheiten. »to heal / you have to / get to the root / of the wound / and kiss it all the way up«, lautet eines der am häufigsten geliketen Gedichte Kaurs. Und bei Leßmann heißt es: »Hör endlich auf / Dein Feind / Zu sein«.

Visuell inszenieren die digitalen Bild-Texte eine verblüffend analoge Materialität: Handgeschriebene Texte markieren Authentizität, und wiedererkennbare Layouts fungieren als visuelle Signaturen. Die sind auch nötig, da Wiedererkennbarkeit auf literarischer Ebene nicht immer gegeben ist. Die kurze Form entspricht dabei dem Geschäftsmodell von Instagram. Das nämlich zielt darauf ab, möglichst viele Inhalte zirkulieren zu lassen, die auf der Plattform verbrachte Zeit zu steigern und durch Interaktionen wie Likes und Kommentare Daten zu generieren, die dann an zahlende Werbekunden verkauft werden. Formale Irritationen oder semantische Uneindeutigkeiten sind dabei nicht vorgesehen, denn eine zeitaufwendige Lektüre würde den Flow des Feeds unterbrechen. Länger bei einem Gedicht zu verweilen, ohne weiterzuscrollen, fühlt sich laut Penke dann auch ziemlich komisch an. Instapoems schmiegen sich also an die Plattform wie an ein plüschiges Sofa, in das auch die Leser*innen möglichst behaglich einsinken sollen. Die Autor*innen hingegen verdammt das Diktat des Neuen zur rastlosen Publikationstätigkeit, ohne die sie in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie untergehen würden: publish or perish als neoliberale Performance.

Was aber schätzen Leser*innen an dieser oberflächlich wirkenden Literatur? Wie bei den Fan-Gemeinschaften der Popmusik lässt sich das aus der Außenperspektive kaum nachvollziehen. Penke bildet deshalb auch die Innenperspektive der Rezeption ab, die sich in der einsamen Lektüre von Texten nicht erschöpft. Vielmehr gehe es um den Zusammenhang von Texten, Bildern, Performances und intimen Storys, die Autor*innen um ihre eigene Person spännen. Instapoetry kann also nur in ihren multimedialen Gebrauchskontexten erschlossen werden – darauf müssen sich Literaturwissenschaftler*innen einstellen.

Immer wieder findet Penke in Kommentarspalten oder in Rezensionen auf Social-Reading-Plattformen wie Goodreads das Bekenntnis, ein Gedicht drücke aus, »what we all feel«. Es zeugt vom immensen Affizierungspotenzial der Instapoetry: Wenn Instapoets persönliche Erfahrungen mit Depressionen, Migration, Herzschmerz und sexueller Gewalt vortragen, geht es neben der Mitteilung von Empfindungen vor allem um deren Vergemeinschaftung. Die Affektgemeinschaft der Instapoetry verständigt sich dabei in einer eigenen Sprache der Gefühle mit omnipräsenten Schlagworten wie Trauma, Heilung oder Resilienz.

Welche intensiven Bindungen zwischen Fans und Autor*innen dadurch möglich werden, konnte man zuletzt auf Rupi Kaurs Europa-Tournee erleben. In ausverkauften Konzertsälen wie dem Berliner Admiralspalast, in dem sonst internationale Popstars auftreten, übersetzten sich die zahllosen Likes und Kommentare in ohrenbetäubenden Jubel. Penke betont, dass enthusiastische Fans auch willige Konsument*innen seien. Kaur hat sich neben ihren Gedichtanthologien, deren Inhalte nach wie vor kostenlos im Internet verfügbar sind, auch mit Merchandise-Artikeln wie bedruckten T-Shirts, (Wand-)Tattoos und Teetassen längst eine goldene Nase verdient.

Penkes Buch nimmt aber auch das andere Ende der Popularitätsskala in den Blick. Und bei den Instapoets mit wenigen Followern wird es besonders faszinierend. Deren Verfahren des Imitierens und Selbermachens hat der Autor in einem Selbstversuch auf Instagram erprobt. Eigene Gedichte musste er dafür gar nicht schreiben. Denn auf und um Instagram hat sich mittlerweile ein umfangreiches (und teilweise kommerzielles) Angebot an Tutorials und Vorlagen entwickelt. Mit entsprechenden Tools muss sich der angehende Instapoet nur noch für den richtigen Kalenderspruch und Sonnenuntergang als Hintergrund entscheiden, und fertig ist das Instapoem. Ob das noch als kreative Praxis durchgehen kann, hält Penke für mehr als fraglich. Allen Hobby-Instapoets eine solche Faulheit zu attestieren, wäre natürlich unfair, da vereinzelt auch ambitionierte Texte entstehen. Gleichwohl zeigt Penkes Selbstversuch, dass die Mitmachangebote des Plattformkapitalismus nicht so unschuldig sind, wie sie sich geben. Trotz des dezidiert generischen Charakters seiner Gedichte berichtet er von als Interesse getarnten Angeboten, die Reichweite seines Profils durch paid promotions zu boosten oder seine Texte gegen Bezahlung in dubiosen Print-on-demand-Anthologien zu publizieren. Die (trügerischen) Aspirationen junger Autor*innen, die es ihren Vorbildern nachtun wollen, würden so stimuliert und kommerziell ausgebeutet.

Es verwundert deshalb kaum, dass Instapoetry nicht nur das populärste, sondern auch das wohl umstrittenste Literaturphänomen unserer Zeit ist. Kritiker*innen halten sie für ein oberflächliches Konsumprodukt, für die letzte Verfallsstufe der Lyrik. Fans wiederum sehen die Utopie einer demokratisierten Literatur verwirklicht. Neben Penkes eleganter Wissenschaftsprosa ist die vielleicht größte Stärke seines Buchs die Gelassenheit gegenüber solchen Extremthesen. An deren Stelle treten unauflösbare Ambivalenzen: Ja, die Instapoetry entzieht sich konventionellen Bewertungsmaßstäben von Literatur, aber müssen wir deshalb gleich in Panik verfallen? Es stimmt, die Instapoetry profitiert vom Plattformkapitalismus, aber gleichzeitig erklingen in ihr viele Stimmen von Women of Color, die im etablierten Literaturbetrieb noch immer unterrepräsentiert sind. Da die fragile Balance solcher Ambivalenzen in beide Richtungen kippen kann, attestiert Penke der Instapoetry eine offene Zukunft.

Vielleicht, so schreibt er am Ende hoffnungsvoll, realisiert sie irgendwann doch den »Konvergenztraum der großen Popularität«. Kunst und Kommerz wären in diesem Traum endlich versöhnt – seine Erfüllung erscheint mir allerdings ebenso schön wie unwahrscheinlich.

Niels Penke: Instapoetry. Digitale Bild-Texte. Metzler Verlag, 143 S., br., 14,99 €.

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