Ein perfider Plan

Notizen zu einer unabgeschlossenen Debatte über den Holodomor in der Ukraine

Denkmal vor dem Holodomor-Museum in Kiew, an dem am Wochenende des 90. Jahrestages des Genozids gedacht wurde.
Denkmal vor dem Holodomor-Museum in Kiew, an dem am Wochenende des 90. Jahrestages des Genozids gedacht wurde.

In der Ukraine gibt es über 350 Gedenksorte, die an den Holodomor 1932/33 erinnern. »Holod« bedeutet Hunger und »mor« Massensterben. Gemeint ist eine unvorstellbare Hungerkatastrophe ausgerechnet in der »Kornkammer der UdSSR«, die mindestens vier Millionen Menschen das Leben kostete. Zweifellos wurde sie durch die von der sowjetischen Partei- und Staatsführung angeordnete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begünstigt. Ursächlich jedoch war eine perfide Intention, eine bis ins Detail geplante und mit Hilfe des sowjetischen Geheimdienstes NKWD umgesetzte Terrormaßnahme, die wiederum in die »nationalen Operationen« in den Jahren des »Großen Terrors« mündete. Dem Massensterben auf dem Lande folgte die Deportation Hunderttausender Ukrainer in Arbeitslager.

Am 28. November 2006 hatte das ukrainische Parlament ein Gesetz »über den Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932 bis 1933« beschlossen, in dem dieser als Genozid am ukrainischen Volk gebrandmarkt und dessen Leugnung unter Strafe gestellt wird. Ein Jahr später, zum 75. Jahrestag des grausigen Geschehens, verabschiedete die Unesco eine Resolution zur Erinnerung an die Opfer der großen Hungersnot in der Ukraine. Unter Historikern ist die Einordnung des Holodomor jedoch nach wie vor umstritten. Während die einen den ukrainischen Kontext hervorheben, verweisen andere, unter ihnen Alexander Vatlin (Moskau) und Robert Kindler (Berlin) auf die übergreifende Dimension des Terrors in der Sowjetunion, der sich unter anderem auch gegen Krimtataren und Kasachen richtete. In Kasachstan seien die Zustände noch viel schlimmer gewesen, betont Kindler zu Recht. Die erneute Schließung der Archive in der Russischen Föderation und die dortige Stalin-Renaissance behindern leider die Weiterführung quellengestützter Forschung zum Leid dieser und anderer Sowjetvölker.

Im Unterschied zum Holodomor ist die Terrorpolitik der Jahre des »Großen Terrors«, zu der auch die »deutsche Operation« 1937/38 gehörte, die sich gegen Wolgadeutsche und Emigranten aus Nazideutschland richtete, gründlich untersucht worden. In der Russischen Föderation sind zahlreiche Publikationen darüber erschienen. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Memorial konnten anhand von Dokumenten aus damals noch geöffneten russischen Archiven das Ziel der Sowjetführung unter Stalin nachweisen, durch Hunger, Zwangsarbeit und Terror den Widerstand in der Bevölkerung und in Kreisen der nationalen Eliten in den Sowjetrepubliken zu brechen.

Nach dem »Großen Umschwung« 1929, der das Ende der von W. I. Lenin begründeten Neuen Ökonomischen Politik eingeleitet hatte, begann die Ära der Arbeitslager, die erst Anfang der 1960er Jahre endete. In den Lagern sollten die zu »Feinden des Volkes« erklärten Sowjetbürger fortan durch kräftezehrende Zwangsarbeit, menschenunwürdige Lebensbedingungen und menschenverachtende Behandlung eliminiert werden. Der Gulag-Häftling Warlam Schalamow beschrieb in seinen »Erzählungen aus Kolyma« das Grauen in den Lagern jenseits des Polarkreises, die er als »Auschwitz ohne Öfen« bezeichnete.

Zu den Leerstellen in der Forschung gehört jedoch ein eindeutiger Nachweis der persönlichen Verantwortung Stalins. Der Diktator erscheint in den Dokumenten vielmehr im Zusammenhang mit der Beendigung von Terrormaßnahmen. Er ordnete immer dann eine Atempause an, wenn das System ob des Umfangs der Repressalien (ein hier eigentlich verniedlichender Begriff) zu kollabieren drohte.

Was den »Startschuss« für den Beginn der Kampagnen gegen bestimmte Nationen oder Ethnien angeht, liegen der Forschung weitaus weniger Akten vor. Als ein solcher werden vor allem Briefe Stalins ab Juli 1932 an seine engsten Vertrauten, Außenminister Wjatscheslaw Molotow und Volkskommissar Lasar Kaganowitsch gewertet, sowie mit ihnen im Zusammenhang stehende Beschlüsse des Politbüros des ZK der KPdSU(B). Stalin sah die Ursache für die Nichterfüllung der Pläne der Getreidebeschaffungskampagne in den Aktivitäten der ukrainischen Nationalisten, die angeblich eine Abtrennung der Ukraine von der UdSSR und einen Anschluss an Polen planten. Um diese Gefahr zu bannen, sollten Molotow und Kaganowitsch in die Ukraine reisen und diese zu einer soliden Bastion, einer mustergültigen Unionsrepublik ausbauen. Eine in die Zentren der Ukraine entsandte Kommission des Politbüros setzte die alten Kader ab und neue ein. Ein für allemal sollte der »Kulakenideologie«, wie es hieß, ein Ende bereitet werden. Die Klasse der Kulaken (Großbauern) sollte restlos beseitigt werden.

Zu den Historikern, die mit dem Anspruch angetreten waren, die Abgründe dieser eliminatorischen Politik auszuloten, gehörten der Engländer Robert Conquest (»Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929 – 1933«), der US-Amerikaner Norman M. Naimark (»Stalin und der Genozid«) sowie die Ukrainer Juri Schapowal (»Die Kommandeure des Holodmor«), Wolodymyr Prystaiko (»Die Abrechnung mit den ukrainischen Intellektuellen«) und Ruslan Pirig, Herausgeber einer monumentalen, 2007 vorgelegten Dokumentenedition über den Holodomor. Naimark konstatierte in seinem drei Jahre später veröffentlichten Buch, dass ein Ziel des Terrors in der Ukraine darin bestanden habe, »die Nation ›als solche‹ zu zerstören, indem man einen Teil der Nation vernichtet«. Stalin und seinesgleichen seien überzeugt gewesen, dass die ukrainischen Bauern »Volksfeinde« seien, die den Tod verdient hätten. »Das genügte der sowjetischen Führung, und das sollte für die Schlussfolgerung ausreichen, dass der ukrainische Hungertod ein Genozid war.«

Am heutigen Mittwoch will der Bundestag entscheiden, ob die Bundesrepublik
den Holodomor in der Ukraine als Völkermord anerkennt.

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