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Den Boden unter den Füßen verlieren

Im essayistischen Debüt von Sinthujan Varatharajah geht es um Kolonialismus, Flucht und eine Geschichtsschreibung aus einer anderen Perspektive

  • Samuela Nickel
  • Lesedauer: 7 Min.
Was hat eine angekettete Elefantin in einem Zoo gemeinsam mit einer Mutter, die vor einem Völkermord fliehend, sich selbst nicht mehr findet?
Was hat eine angekettete Elefantin in einem Zoo gemeinsam mit einer Mutter, die vor einem Völkermord fliehend, sich selbst nicht mehr findet?

Manche Bücher haben die Macht, einen die Welt mit anderen Augen sehen zu lassen. Sinthujan Varatharajahs »an alle orte, die hinter uns liegen« ist solch ein Buch. Die Frage aber, die sich gleich am Anfang stellt, ist: welche Welt eigentlich?

Varatharajah betrachtet in dem Essay Orte. Jene, die zurückgelassen werden mussten und auch solche, die dort weiterleben, »wo ihre*seine Menschen hin vertrieben und verstreut wurden.« Durch dieses eingängige Betrachten kann Varatharajah Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Denn »wir nehmen die koloniale Neuordnung der Welt nicht mehr als solche wahr und stellen die daraus resultierenden Sehgewohnheiten nicht mehr infrage. Sie lassen das als natürlich erscheinen, was alles andere als natürlich ist – sondern ganz im Gegenteil mit Gewalt verbunden ist«, schreibt sie*er. Es geht in diesem Buch also um Kolonialismus. Um eine Geschichtsschreibung aus einer anderen Perspektive; nämlich aus der Perspektive der zu Anderen Gemachten.

Varatharajah ist politische*r Geograph*in und richtet den Blick zunächst auf den Boden. Sie*er geht hier Spuren nach und sucht das, »was noch immer vergraben liegt, verschwiegen, verloren oder irgendwo fern ihres Ursprungs präserviert, konserviert und inszeniert wird.« Sie*er zeigt auf, wie viel heutzutage vermeintlich Gegebenes eigentlich Gestohlenes ist. Ihre*seine Stärke ist es, dort Zusammenhänge herzustellen, wo das eigene Leben, die autobiographische Erzählung der Familie mit den sie umgebenden gesellschaftlichen Umbrüchen zusammenprallt. Sie*er verwebt beides im Essay kunstvoll miteinander und macht so schmerzhaft begreifbar, was sonst zu hochkomplex scheint, um tatsächlich Spuren in Körpern zu hinterlassen.

Was hat nun also ein Fotoapparat gemeinsam mit dem italienischen Flugzeug, das 1911 eine Bombe über Libyen abwirft? Eine Postkarte mit einem Ausweis? Eine Elefantin in einem Zoo mit einer Mutter, die vor einem Völkermord fliehend, sich selbst nicht mehr findet? Fotografien einen sie: die Kolonialfotografie, die Kartierung von Landschaften aus der Luft – und ein Foto im Familienalbum von Varatharajah.

Die Fotografie zählt Varatharajah zu den sogenannten imperialen Techniken. Denn die Kolonialfotografie wurde in den kolonialisierten Gebieten benutzt, um Machtverhältnisse zu stabilisieren: »Mit der Kamera war es den europäischen Menschen möglich, andere nicht-europäische Menschen, die nicht als solche anerkannt wurden, sowie andere Lebewesen festzuhalten, sie in einer permanenten und imaginierten Vergangenheit gefangen zu halten und dabei selbst voranzuschreiten.« Die so entstandenen Aufnahmen waren also kaum Zeugnisse der Existenz der damaligen Menschen, sondern Zeugnisse ihrer Unterwerfung. »an alle orte, die hinter uns liegen« beschreibt, »wie der Schmerz eines Ortes an einen anderen Ort getragen werden kann und wie der Schmerz eines Menschen in einem anderen Menschen weiterleben kann«. Denn auch Traumata wandern, auch eine Wunde bewegt sich, »lebt in den Nachfahrer*innen weiter, die bis in die Gegenwart diesen dehumanisierenden Abbildungen ihrer Vorfahr*innen und Kulturen in europäischen Museen, Archiven, Universitäten, Büchern, Filmen und der Kunst begegnen«.

Varatharajahs Essay erzählt die Flucht der Familie aus Sri Lanka und berichtet gleichzeitig davon, was zu ihr geführt hat. Denn auch die Pogrome an den Tamil*innen haben laut Varatharajah einen direkten Zusammenhang mit der Kolonialisierung dieser Landschaften und dem Einpferchen von Menschen in Nationalstaaten. Der Staat, den die Kolonialisator*innen zurückließen, sei auch nach ihrer Abfahrt und dem Ende der Unabhängigkeitszeremonien in seinem Wesen und seiner Gestalt in einer europäischen Idee und Zeit gefangen gewesen. Viele Tamil*innen begriffen, »dass dieser Staat keine Lösung für sie war. Ganz im Gegenteil: Er bedeutete ihr Todesurteil«.
1984 musste die Familie von Varatharajah flüchten, über Moskau und die DDR gelangt sie nach Bayern. Sinthujan Varatharajah kam dort in einer Geflüchtetenunterkunft zur Welt. Sie*er rechnet nun mit Deutschland ab, mit der 1985 erlassenen rassistischen »Tamilen-Regulierung«, mit Lagern und Residenzpflicht und auch mit dem neu gebauten Humboldt-Forum in Berlin und damit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands.

»an alle orte, die hinter uns liegen« ist aber auch selbst ein Buch, das in Bewegung bleibt: Die Zeichen verschieben sich, die Alphabete wechseln ihre Orte, Tamil mischt sich ins Deutsche. Denn was ist eigentlich mit dieser weiteren fast verborgenen imperialen Technik – der (in diesem Fall deutschen) Sprache? Der europäische Kolonialismus habe nicht nur Sprachen gewaltsam exportiert, sondern auch Formen des Sprechens, so Varatharajah. Sie*er benutzt beispielsweise nicht die von den Kolonisator*innen gewählten Namen für Landstriche wie Nordamerika (nach Amerigo Vespucci), Philippinen (nach König Philipp 2.), Indien (zur Zeit der Kolonialisierung ein Wort für Fremde, ähnlich wie Orient), Jaffna-Halbinsel und Sri Lanka. Stattdessen verwendet sie*er indigene Namen und die Bezeichnungen von Minderheiten – Abya Yala, Yaazhpanam, Eelam. Zudem schreibt Varatharajah nicht im generischen Maskulinum, sondern entgendert ihre*seine Sprache. »Beim Schreiben probierte ich in einer hegemonialen Sprache Platz für Perspektiven auf diese Welten zu schaffen, die darin nicht vorgesehen waren«, beschreibt sie*er den Prozess im Nachwort.
Damit ist Varatharajah nicht allein. »Gerade wird zum Beispiel oft gesagt, ›Nichtbinariät‹ sei etwas Neues«, so die*der Gewinner*in des Deutschen Buchpreises 2022 Kim de l’Horizon im Interview. »Der Begriff ist natürlich neu, aber es gab schon immer mehr als binäre Geschlechter in vielen Kulturen. Erst mit dem westlichen Kolonialismus wurde versucht, diese Realität auszuradieren, was leider meistens gut geklappt hat. Das Wissen und die Sprache über mehr-als-binäre Körper wurden ausgelöscht. Es gibt also eine Realität, aber kein sprachliches oder rationales Bewusstsein darüber.« Das Verwenden des Asterisken, des sogenannten Gender-Sternchens, ist ein Versuch der sprachlichen Darstellung dieser Realität.

Das Schreiben ist dabei ein Medium, das der Familie Varatharajan vertraut ist. Sinthujans Bruder Senthuran Varatharajah ist ebenfalls Schriftsteller, veröffentlichte die Romane »Von der Zunahme der Zeichen« (2016) und »Rot (Hunger)« (2022). Auch die Mutter der beiden, Shanthynee Varatharajah, schreibt – aber auf Tamil. Was passiert nun also, wenn solche imperialen Techniken von denjenigen, die sie einst unterdrücken sollten, nun selbst genutzt werden?
»Meine Geschwister und ich wuchsen als Kinder einer Schriftstellerin auf«, beschreibt Varatharajah in einem Interview das Dilemma. »Mit der Anerkennung ihrer Kinder in einer Sprache der Mächtigen hat sich diese Beziehung verändert. Weshalb ich mich auch schuldig fühle, weil ich jetzt ein Buch in einer Sprache verfasst habe, die mit Macht und Kapital, mit Imperialismus und Kolonialismus verbunden ist; und damit eine andere Wertigkeit hat als die Sprache, in der meine Mutter schreibt.«

Während die Mutter und die Kinder den Weg der Sprache wählten, fing der Vater die Familie auf Film ein. Mit einer Panasonic-Kamera machte er sich diese Technik zu eigen: Er war einer der wenigen Menschen aus verarmten und unterdrückten Kasten mit einem Fotoapparat. Vielleicht sind seine Fotos eine Antwort auf Varatharajahs Dilemma: Nicht nur vor der Flucht fotografierte er seine Umwelt, er hielt auch in der Geflüchtetenunterkunft die Erfahrungen jener fest, die gesellschaftlich ausgeblendet werden. Er begann Fotos von und für diejenigen zu schießen, die klassischerweise außerhalb der Fotos und Medien standen und deren Alltag kaum eine Form der eigenen Dokumentation und Wertschätzung fand. Die Fotografien des Vaters hätten »den Orten, Menschen und Leben eine materielle Erinnerungsform« gegeben, die »den rechtlichen Schwebezustand des Asyls überdauerte«, schreibt Varatharajah.

Eine der Fotografien des Vaters zeigt die zuvor erwähnte Szene im Zoo. Es ist ein Blick, der sich trifft: Auf dem Bild, das wir zusammen mit Varatharajah betrachten, blicken sich ihre*seine Mutter und eine angekettete Elefantin an. Es ist ein Anerkennen, ein Anschauen, das beide erst sichtbar macht. Ein Blick des Wiedererkennens. Und gleichzeitig ist es ein Wiederaufeinandertreffen zweier aufgespaltener Welten: »Während die eine Shanthynee sich Straßenzug um Straßenzug in einem neuen Alphabet und einer fremden Ordnug zu behaupten versuchte, quälte die andere Shantynee, die die gewohnten Straßen in der gewohnten Sprache entlanglief, nicht die Frage, was alles hinter ihr lag, sondern wer von ihr gegangen ist.« In diesem Moment im Zoo spiegeln sich diese beide Welten im gegenseitigen Betrachten. Varatharajahs Essay fängt solche Momente ein und erschafft so, trotz des Dilemmas der sprachlichen Bedingungen, ein Archiv bisher unerzählter Geschichte.

»an alle orte, die hinter uns liegen« ist ein Buch, das wehtut. Es drängt darauf, genauer hinzusehen und stellt dringend notwendige, schmerzhafte Fragen an die Gegenwart. Dieser Essay ist jedoch auch eine Aufforderung zu entscheiden, welche Wege nun mit diesem neuen Wissen folgen. Um zu bestimmen, welche Orte vor uns liegen könnten, als Menschheit, als Welt.

Sinthujan Varatharajah: an alle orte, die hinter uns liegen. Hanserblau, 352 Seiten, geb., 24 €.

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