Hallo? Hier spricht die Nostalgie!

Reise ins Seeleninnere: In Deutschland hat ihr letztes Stündlein bereits geschlagen, im Film bleiben uns Telefonzellen aber erhalten

  • Björn Hayer
  • Lesedauer: 5 Min.
Früher alltäglich, heute nur noch Schauplatz für das Actionkino: die Telefonzelle
Früher alltäglich, heute nur noch Schauplatz für das Actionkino: die Telefonzelle

Voller Wut haut Robert de Niro alias Jimmy Conway in »GoodFellas« (1990) den Hörer gegen den Apparat, als er vom Tod eines befreundeten Mafioso erfährt. Noch weiter geht Arnold Schwarzenegger in dem Actionstreifen »Phantom Kommando«, in dem er zornig gleich das ganze Glashäuschen samt der darin befindlichen Person durch die Luft schleudert. Nur an wenigen anderen Orten der Filmgeschichte wurde derart oft geflucht und gebrüllt und handgreiflich gewütet wie in Telefonzellen.

Werden wir solcherlei Höhepunkte der Komik nun nicht mehr erleben? Sicher dürften sie in zeitgenössischen Werken seltener werden. Denn dieser Tage nimmt die Telekom die letzten noch verbliebenen Telefonzellen in Deutschland vom Netz. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Im Zeitalter von Smart- und iPhones haben sie längst ihren Dienst getan. Wer heute tatsächlich noch jemanden an einer öffentlichen Münz- oder Kartentelefonzelle antrifft, den überkommen allenfalls nostalgische Gefühle. Umso mehr lohnt es, einen Blick in die Kinogeschichte zu werfen, die uns zumindest zeigt, woran wir uns erinnern sollten.

Besonders Agenten- und Gaunerfilme haben die roten und gelben Miniaturräume immer wieder prominent in Szene gesetzt. Wenn in ihnen der Klingelton zu hören ist, können sich am anderen Ende der Leitung mitunter Serienmörder wie in »Stirb langsam« (1988) oder – man denke an das Spionagedrama »Die drei Tage des Condor« (1975) – zumindest zwielichtige Informanten melden.

Bisweilen erhalten aber auch Ermittler Aufträge über den Hörer. So etwa Tom Cruise in »Mission Impossible«. Das Geheime und Anonyme, das Verruchte und Halblegale umgeben also diesen paradoxerweise auf öffentlichen Plätzen künstlich geschaffenen Raum. Nur die Stimme eines rätselhaften Gegenübers ertönt. Weder den Zuschauern noch den Protagonisten hilft ein Gesicht zur Einschätzung der redenden Person. Spannung baut sich auf. Die Telefonzelle entpuppt sich dabei zum einen als dramaturgisches Vehikel, mithin als ein Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Zum anderen spiegelt sie eine prägnante Entwicklung der Moderne wider. Sowohl die hier erwähnten als auch viele weitere Figuren der Filmgeschichte sehen sich – verkörpert durch den Apparat – einem abstrakten Machtsystem gegenüber, das sein menschliches Antlitz eingebüßt hat. Die Kabine samt der Stimme des Unbekannten repräsentiert nie nur ein Individuum, hinter ihr verbergen sich stets übergroße Systeme mit zumeist undurchsichtigen Interessen.

Da die Kabine über eine austauschbare Architektur verfügt und sie jeder und jede aufsuchen kann, gleicht sie einem Nicht-Ort. Ähnlich wie Bahnhöfe, Autobahnen und Motels. Gerade sie hat die Kinematografie immer wieder zu Toren zu anderen Welten auserkoren. In »Matrix« (1999) vermag Neo (Keanu Reeves) das artifizielle Paralleluniversum bezeichnenderweise durch eine Telefonzelle zu verlassen. Noch durchgeknallter fällt der Übergang in dem Klassiker »Bill und Ted’s verrückte Reise durch die Zeit« (1989) aus. Hierin ermöglicht der Aufenthalt in der Kabine eine Tour de Rite in die Vergangenheit – aus heutiger Sicht übrigens mit sehr charmanter Bildtechnik des frühen Sci-Fi-Genres. Aufgegriffen wird in diesen transitorischen Momenten übrigens eine alte und im Zuge der Digitalisierung wieder aufschimmernde Menschheitsutopie. Ersehnten die christlichen Propheten über Jahrtausende die Loslösung der Seele aus den Fesseln des Körpers, ist diese bereits in der Erfindung der Telefonie angelegt.

Insbesondere die Idee einer »Mediologie«, wie sie die Philosophin Sybille Krämer im Zusammenfallen von Medientheorie und Theologie sieht, wird hierin offensichtlich. Analog zu unsichtbaren Engeln oder göttlichen Mächten schlägt die Telekommunikation eine immaterielle Brücke zwischen zwei entfernten Polen. Ohne unsere leibliche Präsenz einzufordern, gewährt uns die Leitung zwischen zwei Hörern ein völliges Hier- und Mit-Sein. Wenn etwa die schüchterne Heldin aus »Die fabelhafte Welt der Amelie« (2001) einen Anruf via Telefonzelle erhält, in der ihr der noch unbekannte Geliebte Anweisungen für ein zu lösendes Rätsel aufgibt, so spürt man, wie die Ferne durch die Anwesenheit der anderen Stimme aufgehoben wird.

Aber auch das Gegenteil lässt sich im Kino beobachten, wenn beispielsweise in dem Thriller »Nicht auflegen« (2002) ein Scharfschütze einen Mann in eine Telefonzelle zwingt. Von dort nimmt er normalerweise Kontakt zu einer jüngeren Frau auf, die ihm abseits des tristen Ehealltags Vergnügen bereitet. Die Zelle wird dabei nicht nur zu einer Art Beichtkammer für die Sünden der Hauptfigur, sondern sie versteht sich nun als eine Insel der Einsamkeit und Isolation. Dieser ist jedoch jedwede Schutzfunktion abhanden gekommen, entspricht doch das beengte Quadrat einem für alle einsehbaren Glashaus. Man ist vereinzelt unter vielen, ausgesetzt den Blicken und Tuscheleien der Beobachter.

Wohl auch deswegen weiß die Kinematografie diesen Zustand noch weiter zuzuspitzen – und zwar vor allem beim Kippen des Alleinseins in eine Situation der Gefährdung. Unterhaltsam wird man dieser unvorhersehbaren Dynamik noch in der Agentenkomödie »Jumpin’ Jack Flash« (1986) gewahr, als die von Whoopi Goldberg verkörperte Terry unversehens in einer Telefonzelle von einem Transporter durch die Straßen gezogen wird. Komischer könnte der Verlust von Sicherheit kaum ausfallen! Nachdem die Heldin einen ihr nur via Computer bekannten Geheimdienstermittler zu retten versucht, gerät sie nämlich selbst in den Fokus seiner Verfolger.

Weitaus drastischer mutet hingegen Alfred Hitchcocks »Die Vögel« (1963) an. Als darin der apokalyptische Geflügelschwarm über die Welt hereinbricht, findet die Protagonistin Melanie Daniels gerade noch in einer Telefonzelle Zuflucht. Doch die Sicherheit darin ist eben nur eine scheinbare, weil mit jeder daranfliegenden Möwe die Fenster zu zerspringen drohen. Die Kabine wird somit zum Vogelkäfig für den Menschen.

Wie auch andere leichthin zu unterschätzende Orte in der Geschichte des Films erweist sich die Telefonzelle erst auf den zweiten Blick als höchst bedeutsam. Trotz ihrer klaustrophobischen Enge lassen sich in ihr weitreichende existenzielle Konflikte und komplexe Gefühlslagen verdichten. Heute, in der digitalen Ära, haben die charakteristischen Häuschen ausgesorgt. Hier und da hat man sie vor ihrem Abbruch zu öffentlichen Büchertauschregalen umfunktioniert.

Wo zumindest vorerst noch ihre Verkleidungen übrig sein werden, dürften sie Erinnerungen in uns hervorrufen. Bisweilen fragen wir uns noch bei ihrem Anblick, ob sie nicht doch einmal für uns klingeln könnten. Aber das geschieht eben nur im Film, der diese Denkmäler einer noch stationären Telefonie immerzu als vielschichtige Projektionsflächen inszenierte. Die Leitungen mögen bald tot sein, ihr Phantasma bleibt uns aber gewiss erhalten.

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