Bist du »true«?

Die Macht des Metal: Eine ARD-Doku zeigt, wie diese Musik Leben retten kann, und ein Buch von Frank Schäfer, wie sie in Deutschland zu leben anfing

  • Christoph Ruf
  • Lesedauer: 7 Min.
Man braucht mindestens fünf Alben zur Bewältigung von Lebenskrisen, lautet eine Theorie der Band Mastodon. Und als Erstes ein Selfie mit einem Fan und Gitarrist und Sänger Brent Hints.
Man braucht mindestens fünf Alben zur Bewältigung von Lebenskrisen, lautet eine Theorie der Band Mastodon. Und als Erstes ein Selfie mit einem Fan und Gitarrist und Sänger Brent Hints.

Was kann Heavy Metal mit Menschen machen? In der ARD-Doku »Metal saved my life« gibt es eine entscheidende Szene. Sie wird synchron in Mexiko-City und in Frankfurt am Main gezeigt, und synchron ist auch, was mit den Menschen passiert, die die Kamera jetzt heranzoomt. Just in dem Moment, in dem Andy Syneczek in Frankfurt und Zyanya Verónica in Mexico City erkennen, dass die sanft heranrollenden Riffs aus den Boxen den kurz darauf detonierenden Iron-Maiden-Song »Fear of the dark« einleiten, ergreift beide etwas, das man nur Ekstase nennen kann.

Es ist der Moment des Erkennens, und der stellt sich bei beiden exakt zeitgleich ein, nach wenigen Zehntelsekunden des Intros des Songs. Bei Syneczek, dem gemächlich-reflektierten Ex-Junkie, äußert sich die Verzückung durch eine kaum sichtbare Straffung der Gesichts- und Halsmuskeln und wohliges Zusammenkneifen der Lippen. Verónicas Gesicht hingegen ist mit einem Mal pures Glück, ihr Kreischen ein einziger fröhlicher Urschrei.

Natürlich lässt sich so eine Selbstveräußerung, wenn die Chemie stimmt, auch bei Elektro erleben. Und auch beim völlig enthemmten Fußwippen im Jazz-Club. Das ist neurologisch betrachtet alles leicht zu erklären: Musik, Dopamin, Endorphin, Sie wissen schon … Aber hier geht es um die ehernen Wahrheiten, wie sie der Maiden-Sänger Bruce Dickinson einmal formuliert hat: Es gibt nämlich »nur zwei Arten von Musik: Heavy Metal und Bullshit«.

Dickinson, Jahrgang 58, ist Gesicht und Stimme von Iron Maiden, einer der weltweit erfolgreichsten Metal-Bands aller Zeiten. Weshalb es naheliegt, ihn als einen der Hauptprotagonisten dieser zweiteiligen Doku von Mariska Lief und Andreas Krieger mit dem angemessen pathetischen Titel »Metal saved my life« anzufragen, die sich in die Teile »Fans« und »Queer« gliedert.

Für das Leitthema – Menschen, denen die Musik aus Lebenskrisen half – taugt der gut gelaunte Frontmann Dickenson allerdings nicht so gut wie Brann Dailor von der Band Mastodon. Der sagt ein paar Sätze, die spätestens dann widerhallen, als man erfährt, dass er als Kind mit seiner todkranken Schwester zusammenlebte, die starb, als er 15 Jahre alt war. »Menschen, die Musik machen, nutzen sie als Therapie«, sagt Dailor. »Keine Ahnung, wo Menschen ihren Schmerz hinstecken, die das nicht haben.« Und dann dieser Satz, den wohl jeder nachvollziehen kann – ob er nun Metal hört oder Bullshit – für den Musik schon mal mehr war als Hintergrundrauschen: »Wenn du komplett zerschmettert vom Verlust bist, brauchst du wenigstens diese fünf Alben, die du dann hören kannst.«

So erleben auch die Fans aus der Doku ihre Musik. Verónica hat sich als Kind hinter einer Gitarrenwand versteckt, wenn sich die Eltern nebenan wieder stritten. Und Syneczek hat einen Freund an gestrecktes Heroin verloren, das er ihm selbst verkauft hatte. Lange her. 1000 Konzerte hat er seither gesehen, in den vergangenen 15 Jahren. Seine Wohnung ist eine millimetergenau eingerichtete Iron-Maiden-Kultstätte. Und »Fear oft the dark« für ihn mehr als ein Song über diffuse Ängste. Der Mann mit dem lebensklugen Blick kennt seine Dämonen und spricht auch das große schwarze Loch an: »Das ist diese Liebe, die ich nie bei einem Menschen gefunden habe.«

Das »Fear of the dark«-Albumposter ziert auch das sonnendurchflutete Zimmer von Riccardo, der als Mädchen geboren wurde und kurz vor dem Abschluss seiner Transition steht. Er überlegt, ob er »so, wie ich bin«, nach Wacken fahren soll, zum weltgrößten Metal-Festival. Dass er das unbesehen tun kann, möchte man ihm gerne als Betrachter zurufen. Nicht weil Metalfans toleranter wären als der Rest der Gesellschaft (was indes nicht auszuschließen ist). Sondern weil Subkulturen eben andere Ausschlusskriterien haben als Normalos. Da gilt beim Metal-Konzert das Gleiche wie beim Biker-Treffen oder der Ultragruppe beim Fußball: Es geht um die ernsthafte, gerne auch komplett unironische Verinnerlichung des Kult-Gegenstandes. Wer in diesem Sinne »true« ist, ist akzeptiert.

Nachdem Riccardo gelesen hat, dass auch sein großes Idol Rob Halford, Sänger von Judas Priest, offen schwul lebt, reist er tatsächlich nach Wacken – und schaut bei »Breaking the law« mindestens so glücklich drein wie Verónica es beim Maiden-Konzert tat.

Roddy Bottum, Keyboarder der leider längst aufgelösten Band Faith No More, der heute mit seinem Partner und dem Projekt Man on Man tourt, redet von Homophobie gar durchgehend in der Vergangenheitsform. 1993, als er sich als einer der ersten Metal-Musiker überhaupt outete, sei das noch ein Tabu gewesen: »Ich fühlte mich toll, eine Flagge zu zeigen, wo noch keine war.« Auch Gaahl, ehemals Sänger der norwegischen Black-Metal-Band Gorgoroth, wird mit seinem Freund Robin interviewt, mit dem er seit zwölf Jahren zusammen ist. »Not a big issue«, sei es in der Szene gewesen, als er damals in einem Interview mit dem deutschen Magazin »Rock Hard« die Frage bejaht habe, ob er homosexuell sei.

Ein queeres Idyll ist die Metal-Szene natürlich trotzdem nicht. Dass sie zu den heteronormativsten Sub-Universen überhaupt zählt, ist schwer zu übersehen. Und natürlich weiß auch Gaahl nicht, was hinter seinem Rücken getuschelt wird. Einmal hat er mitbekommen, dass ein Fan sich auf einem Festival homophob über Robin geäußert hat – woraufhin der Troll von Abbath, einem anderen norwegischen Black-Metal-Musiker, gepflegt eins in die Fresse bekam. Geht doch.

Dass ein Aussehen, das Riccardo in Wacken fast bewundernd als »kriegerisch« und »wie Wikinger« beschreibt, mit einem Märklin-Eisenbahn-kompatiblen Alltag einhergehen kann, steht indes auch fest. Die vielen Drumsticks, die Syneczek bei seinen unzähligen Konzerten gefangen hat, sind millimetergenau parallel an der Wand angebracht. Und natürlich findet sich eher ein christlich-grundierter Black-Metal-Musikus als einer, der nicht sämtliche 32 Besetzungswechsel einer 1991 gegründeten drittklassigen Florida-Death-Metal-Band referieren könnte, die sich 1998 aufgelöst hat.

Für Menschen wie sie, die liebenswert-allwissenden Nerds, hat der eminent produktive Braunschweiger Autor, Journalist und Musikfachmann Frank Schäfer das Buch »Heavy Kraut. Wie der Metal nach Deutschland kam« geschrieben. Für »elende kleine Besserwisser« also, wie er sie selbst einmal in einem Interview genannt hat. Das Buch ist eine Oral History mit Musikern der 70er Jahre, die hierzulande die ersten zarten Lebenszeichen eines Musik- und Lebensstils aussandten, der spätestens ab den 80ern boomte und in mancher Schulklasse zu Zeiten des Mauerfalls als Heavy Metal hegemonial war. In seiner Entstehungsphase hieß er in der deutschen Ausprägung »Krautrock« und wäre heute radiokompatibel. Das war er damals ganz sicher nicht.

Umso beachtlicher, dass Schäfer es geschafft hat, Protagonisten der damals führenden Bands vors Mikrofon zu bekommen, um eine andere Musikgeschichte der 70er zu schreiben. Ob das Stilmittel – ein 300-seitiges, zuweilen eher ungegliedertes Interviewbuch – nun die beste Art ist, sich des Themas anzunehmen, sei dahingestellt. Zumal manche Sequenzen sich eher wie Transkripte lesen.

Über 30 Musiker und Musikjournalisten, darunter – those were the days – nur zwei Frauen, lässt Schäfer zu Wort kommen. Unter anderem sind Bandmitglieder von Franz K., den Puhdys, Lucifer’s Friend oder Birth Control dabei, von denen viele Freundinnen und Freunde harter Klänge wohl allenfalls die Namen, nicht aber die Musik gehört haben dürften. Im Gegensatz zu Metallicas Kirk Hammett, der die Hamburger Band Lucifer’s Friend als Inspirationsquelle nennt. Sie alle hatten das Pech, in Zeiten Pionierdienste in Garagen und Kirchenkellern geleistet zu haben, als in England Bands wie Black Sabbath, Cream oder Led Zeppelin längst boomten.

»Metal saved my life« (zwei Teile) ist verfügbar in der ARD-Mediathek; Frank Schäfer: Heavy Kraut. Wie der Metal nach Deutschland kam. Reiffer, 304 S., geb., 22 €.

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