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Die WM zeigt, was dem DHB-Team noch zur Weltspitze fehlt

Teams wie Olympiasieger Frankreich sind für die deutschen Handballer noch eine Nummer zu groß

  • Erik Eggers
  • Lesedauer: 4 Min.

Dass Andreas Wolff ein echter Sportsmann ist, zeigte er in der Niederlage. Er applaudierte fair, als Remi Desbonnet, der Torwart des Gegners, nach dem 35:28 (16:16)-Sieg der Franzosen im WM-Viertelfinale gegen Deutschland als bester Spieler der Partie ausgezeichnet wurde. »Er hat ein fantastisches Spiel gemacht, das muss man anerkennen«, sagt der deutsche Keeper, der am Mittwochabend in Gdansk ebenfalls der stärkste Individualist seines Teams gewesen war.

Desbonnet, der als zweiter Mann im Schatten Vincent Gerards steht, hatte fast jeden zweiten Ball pariert, seine Abwehrquote lag bei 47 Prozent. Immer wieder waren die deutschen Werfer, die in der ersten Halbzeit noch fast jeden Wurf eingenetzt hatten, an ihm gescheitert. »Frankreich hat auf jeder Position Weltklassespieler, und das gilt auch für den zweiten Torwart«, gratulierte Wolff.

Umgekehrt kann man dies, das ist die ernüchternde Erkenntnis nach dem klaren K.-o., für die deutschen Handballer so nicht festhalten. Allein Keeper Andreas Wolff stellt absolute Weltklasse dar, wie er auch in der Champions League mit dem polnischen Spitzenklub Kielce immer wieder nachweist. Insbesondere im wichtigsten Mannschaftsteil, dem Rückraum, sind die Deutschen den Franzosen jedoch hoffnungslos unterlegen, was Wolff in der ersten Halbzeit noch mit seinen Paraden kaschieren konnte.

Die französischen Olympiasieger verfügen mit Nedim Remili und Dika Mem über zwei starke Linkshänder, die mit ihrer Wucht jede Verteidigung zwingen, die Abwehrmauer zu öffnen – und so Lücken für die ebenso starken Kreisläufer Ludovic Fabregas und Nicolas Tournat reißen. »Wir haben nicht die Wurfkraft im Rückraum, die die Franzosen haben«, bilanzierte Bundestrainer Alfred Gislason das Kernproblem, obwohl sein Team bis 20 Minuten vor Schluss tapfer gekämpft und ein Remis gehalten hatte. »Uns geht einfach die Luft im Angriff aus.«

Es ist vor allem die mangelnde Qualität auf den Halbpositionen, die den deutschen Handballern fehlt. Einer, der vielleicht schon in einem Jahr bei der Heim-EM mehr helfen könnte, ist der linke Rückraumspieler Julian Köster aus Gummersbach. Der 22-Jährige hat aber in seinem ersten Bundesligajahr noch nicht die Substanz aufgebaut, um ein solch hartes Turnier – das Viertelfinale war das siebte Spiel in 13 Tagen – in beiden Mannschaftsteilen durchzuhalten. Köster, ein eleganter Handballer, leistete zwar Schwerstarbeit im Mittelblock der Abwehr. »Aber ihm hat die Kraft für den Angriff gefehlt«, sagte Gislason.

Ähnliches lässt sich über Juri Knorr sagen, den ebenso jungen Spielmacher von den Rhein-Neckar Löwen, der bei der Weltmeisterschaft teilweise begeisternde Auftritte zeigte. Auch er stieß, als gegen Frankreich die Entscheidung nahte, an seine Grenzen. Symptom für die nachlassende Energie waren nicht nur seine Fehlwürfe, sondern auch zahlreiche Ballverluste. Da er aber großes strategisches Potenzial wie auch enorme Torgefahr in seinem Spiel vereint, ruhen die Hoffnungen Gislasons vor allem auf dem jungen Regisseur.

Will die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes bei der EM 2024 um eine Medaille mitspielen, ist sie aber wohl auf ein Comeback des besten deutschen Abwehrspielers angewiesen: Kreisläufer Hendrik Pekeler vom THW Kiel. Der Europameister von 2016 pausiert derzeit von der Nationalmannschaft, um seinen strapazierten Körper wieder auf Vordermann zu bringen – und er hat signalisiert, sich eine Rückkehr vorstellen zu können. »Ich hoffe es natürlich«, sagte Gislason. Was Wunder, denn Pekeler stellt auch im Angriff Weltklasse dar.

Zunächst aber stehen noch zwei Partien bei der WM an, die Spiele um die Plätze fünf bis acht. »Im Moment fühlt es sich ganz schwer an, fast unmöglich«, antwortete Rechtsaußen Patrick Groetzki auf die Frage, ob er sich dafür motivieren könne. Auch der Bundestrainer schob den Gedanken daran weg. »Ich muss dieses Viertelfinale erst einmal verdauen«, sagte er.

In dieser Platzierungsrunde, die für das deutsche Team am Freitag in Stockholm mit der Begegnung gegen den Afrikameister Ägypten beginnt, geht es aber nicht um die berühmte Goldene Ananas, sondern für den DHB um das lukrative und auch sportlich wertvolle Recht, im Frühjahr ein Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2024 in Paris zu organisieren. Dafür muss mit zwei Siegen aber der fünfte Platz her.

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