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Was ist vom Mythos Berghain übrig – und wer kann es sich noch leisten, in Berlin feiern zu gehen?

  • Julia Thamm
  • Lesedauer: 7 Min.

In den letzten Jahren kursierte immer wieder das Gerücht, das Berghain, einer der bekanntesten Clubs der Welt, würde schließen. Die Herausforderungen der letzten Jahre aber verschieben den Fokus auf einen ganz anderen Grund zur Sorge: Mit den rasant steigenden Preisen, die sich auch in der Preisgestaltung der Berliner Clubs spiegeln, stellt sich heute weniger die Frage, ob das Berghain bald schließt. Sondern vielmehr, ob es überhaupt noch existiert.

Schien die Berliner Clubkultur bis zum Frühjahr 2020 noch wie ein unumstößlicher Fels in der Brandung kommender und gehender Trends, so kam mit der Pandemie die erste Erschütterung: Nachtclubs wurden am härtesten getroffen von den Regelungen und durften erst als letzte kulturelle Institutionen wieder öffnen. Bis heute haben sie sich davon nicht vollständig erholen können; zumal die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine die inflationäre Preisentwicklung seit einem Jahr katastrophal angetrieben haben.

Zu der existenziellen Notwendigkeit, die monatelangen Ausfälle während der Lockdowns zu kompensieren, gesellt sich also die Herausforderung, die steigenden Preise realistisch auf die Clubwirtschaft umzulegen. Realistisch, das bedeutet für die Clubbetreiber*innen einerseits, eine an das aktuelle Preisniveau angepasste Entlohnung von Angestellten und Künstler*innen zu garantieren, und andererseits, die finanziellen Möglichkeiten ihrer Gäste nicht aus den Augen zu verlieren.

Dass beide Seiten nicht deckungsgleich aufeinanderpassen, zeichnete sich bereits Mitte 2020 mit der zeitgenössischen Kunstausstellung »Studio Berlin« ab, einer äußerst medienwirksamen gegenseitigen Rettungsaktion des Berghains und der Boros Foundation, wobei die eine Seite ihre mythisch aufgeladenen Räumlichkeiten und die andere eine Reihe gegenwärtiger künstlerischer Positionen Berlins zur Verfügung stellte. Dieses Projekt, so überlebensnotwendig es sowohl für die Kreativwirtschaft als auch für die Clubkultur war, schockierte einige Nostalgiker*innen, die die Türen ihres geheiligten Nachtclubs plötzlich für alle Ticketinhaber*innen geöffnet sahen. Die bedeutsame Schwelle zwischen der Außenwelt und einem den fremden Augen vorenthaltenen inneren Safe Space begann zu bröckeln.

Die Wirklichkeit klopfte an mit ihrer entzaubernden Nachricht: Sogar das Berghain ist keine magische Wunderhöhle, sondern nur einer von vielen Veranstaltungsorten mit einer Buchhaltung, die nach jeder Klubnacht Ein- und Ausgaben zählen, Kosten kalkulieren und Rechnungen bezahlen muss.

Die diesjährige Silvester-Klubnacht im Berghain kündigte demnach katastrophale Aussichten für die Zukunft an. Der Eintrittspreis betrug satte 55 Euro plus die gewöhnlichen 5 Euro für ein Re-Entry bei zwischenzeitlichem Verlassen des Clubs – wovon viele Gäste Gebrauch machten, um während der dreitägigen Party einmal das Licht der Sonne zu erblicken.

Gelegenheit, um frische Luft zu schnappen, bot sich ausreichend, denn der Skandal ereignete sich am Wiedereinlass: Zugunsten neuer Gäste, deren Eintrittsgeld mehr Profit generieren würde, mussten die bereits mit Bändchen ausgestatteten Rückkehrenden teilweise über zehn Stunden draußen warten. Natürlich schlägt sich das auf die Stimmung innerhalb eines Clubs nieder, in den im Minutentakt neue Gäste gepumpt werden, mit lukrativen Aussichten. Denn vorwiegend handelt es sich bei datumsgebundenen Festivitäten, allen voran Neujahr, um touristische Kundschaft, die – ganz zu schweigen von ihrer Kaufkraft bei Getränken – sicher auch bereit wäre, das Doppelte an Eintritt zu bezahlen, nachdem sie bereits eine Reise nach Berlin mit Transport und Unterkunft auf sich genommen haben, einzig mit dem Ziel, es in Berlin zum Jahreswechsel so richtig krachen zu lassen.

Aber erleben sie überhaupt noch das Berlin, das sie suchen? Stammgäste sind eher wieder an den darauffolgenden Wochenenden aufzufinden; wer in Berlin lebt, kann für dasselbe Erlebnis zum halben Preis auch ein bisschen abwarten. Gibt es noch das authentische Berghain, den magischen Ort ohne Fotos und Spiegel, wenn sich seine Preise nicht mehr am Berliner Stammpublikum, sondern an Party-Touristen orientieren? Es ist eine paradoxe Situation: Die mysteriöse Aura selbst, die solche exorbitanten Eintrittspreise erst ermöglicht und vom hysterischen Drang aller Techno-Liebenden angekurbelt wird, zerfleischt sich selbst an ebendiesen Preisen. Der Ort verliert seine Wirkung, indem er seine Wirkung ökonomisch ausnutzt.

Die daraus resultierenden Veränderungen in Publikum und Atmosphäre weisen auf ein größeres gesellschaftliches Problem hin: strukturelle klassistische Diskriminierung. Das bedeutet: die Benachteiligung aufgrund finanzieller Ungleichgewichte. Gerade die Techno-Szene, die sich seit Anbeginn als inklusive Gemeinschaft versteht und in ihren Reihen Menschen jeder Herkunft, jedes Geschlechts, jeder sexuellen Orientierung und jedes Glaubens beherbergen möchte, befindet sich hier in einem Widerspruch zu ihrem Inklusionsversprechen. Denn Feierngehen ist für viele kaum mehr bezahlbar.

Auch die Berliner Clubcommission ist sich dieser Problematik bewusst, enthält sich jedoch bisher einer Positionierung: »Das Thema Inklusion durch die Preisentwicklung an Türen und Theken wird bereits intensiv und kritisch diskutiert in verschiedenen formellen und informellen Runden. Bislang gibt es allerdings keine Studie, die diese Entwicklung in Zahlen fasst und den Ursachen auf den Grund geht. Solange diese Debatte und Datenerhebung nicht abgeschlossen ist, werden wir uns erst mal nicht in der Öffentlichkeit äußern«, teilt ihr Sprecher Lutz Leichsenring mit.

Dass die mit den Preisen steigenden Löhne und Produktionskosten an die Gäste weitergegeben werden, habe aber nicht nur Nachteile, beobachtet ein Barmanager des Technoclubs Tresor, der sich für meine Fragen zusätzlich mit den Nightmanager*innen des Clubs ausgetauscht hat und hier lieber nicht mit seinem Namen erscheinen möchte. Wegen der höheren Eintrittspreise fänden weniger Clubwechsel innerhalb einer Nacht statt und das Publikum wähle Veranstaltungen gezielter aus, was zu einer guten Gästekomposition und Stimmung beitrage. Außerdem seien die Löhne für Beschäftigte gestiegen, da seit Beginn der Pandemie die Clubszene unter Personalmangel leide und Schwierigkeiten habe, neues Personal anzuwerben.

Was die Gagen für auftretende Künstler*innen und DJ*anes betrifft, könne keine andere Aussage gemacht werden, als dass die Booking-Kosten aufgrund der höheren Kosten für Reise und Unterkunft allgemein gestiegen seien. Wie viele Arbeitgeber*innen zahlte übrigens auch der Tresor seinen Angestellten einen Inflationsausgleich. In Bezug auf die Arbeitsbedingungen kann also gesagt werden, dass in diesem Fall die Auswirkungen der steigenden Preise innerhalb des Clubbetriebs gut abgefedert werden.

Aus Perspektive der Besucher*innen zeichnet sich jedoch ein anderes Bild ab. Für Anna*, seit 20 Jahren Stammgästin im Kit Kat Club und im Berghain sowie selbst Veranstalterin queerer Partys, kommen die Exklusionsmechanismen einer »sozi-ökonomischen Auslese« gleich: Vielen Menschen werde dadurch die Möglichkeit sozialer Teilhabe genommen. Gerade, da diese Räume für viele eine wichtige Community und Safe Spaces jenseits gesellschaftlicher Konventionen bedeuten, ist das insbesondere für ohnehin vulnerable Personengruppen wie queere Identitäten oder BIPoC schmerzhaft: Party-Reihen und Veranstaltungsorte, die sich durch Diversität und Inklusion auszeichnen, geraten dabei in einen Widerspruch zu ihren eigenen Werten.

Anna bringt den Kit Kat Club als Beispiel, dessen Eintrittspreise seit der Pandemiepause verdoppelt wurden, wodurch sich die Zusammensetzung des Publikums maßgeblich gewandelt hat. Zur mittwöchlichen »Symbiotikka«-Party jedoch wurde die Möglichkeit des Erwerbs einer Membership-Karte eingeführt, die eine Reduktion um 5 Euro pro Besuch erlaube. Weitere Lösungsansätze seien in Annas Augen günstigere Early-Bird-Tickets auf dem Portal Resident Advisor, wie sie durch den pandemisch bedingten Ticketvorverkauf für viele Veranstaltungen bereits angeboten werden. Denkbar wäre für sie auch eine Art Berlin-Pass für nachweislich bedürftige Personen, ausgegeben durch einzelne Clubs oder im Verbund durch die Clubcommission.

Konkret angegangen ist das Problem die Veranstaltungsorganisation Subverted. Für ihre Events bieten sie seit Juli 2022 Lösungen an, um allen Menschen das Ausgehen zu ermöglichen. Ihr Ziel sei es, den Zugang zu Partys als Safe Spaces für alle Personen unabhängig von ihrer finanziellen Situation zu garantieren und damit struktureller klassistischer sowie in vielen Fällen intersektionaler Diskriminierung entgegenzutreten.

Wenn die Berliner Nächte nicht ihre Freiheit und Diversität verlieren wollen und das Berghain nicht seine magische Aura einbüßen will, dann muss es mit der Kommodifizierung von Techno als touristische Attraktion und Mainstream-Modephänomen ein Ende haben.

* Name geändert

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