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  • Attacke an der Staatsoper Hannover

Kunst, Kot und Kritik

Aus den Niederungen der Hochkultur: Der Ballettchef der Staatsoper Hannover hat eine Tanzkritikerin mit Hundekot attackiert

  • Erik Zielke
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei aller Liebe zum Spektakel: Das Theater ist kein Hundeklo.
Bei aller Liebe zum Spektakel: Das Theater ist kein Hundeklo.

Es steht nicht gut um die professionelle Kritik. In Zeiten der im Netz allgegenwärtigen Kommentarspalten muss sich niemand mehr mit seinem Urteil zurückhalten. Jeder wird gehört, sei die Äußerung auch noch so unqualifiziert. Leise verklingt allerdings der Ruf des professionellen Kritikers, dessen Wort doch einmal etwas galt. Präzise, wohlformuliert, kenntnisreich sollte es sein. Doch so, wie sich die Öffentlichkeit im noch immer neuen Jahrhundert in der Krise befindet, stecken auch die Instrumente ihrer Selbstverständigung in der Krise, die Zeitungen eingeschlossen.

Der Kritiker ist heute nicht mehr Spiegel, nicht mehr Gesprächspartner des Künstlers, sondern gilt ihm als Feind. So jedenfalls fühlt es sich an. Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, formulierte 2021 bezeichnenderweise, was viele ihrer Kollegen wohl nur im Stillen denken: Die Kritik sei »Scheiße am Ärmel der Kunst«. Mit Fäkalien hält man es an den Bühnen der Republik schon lange. Der Extremtheatermacher Vegard Vinge, der sich gern vor Publikum entleert, lässt ebenso grüßen wie die äußerst erfolgreiche Regisseurin Florentina Holzinger, die schon mal Synchronstuhlgänge der Zuschauerschar zum Wohlgefallen choreografiert.

Neu ist allerdings, dass Exkremente zur spektakulären Verlängerung des Theaterabends auch in den Foyers zum Einsatz kommen. Bei der Premiere eines dreiteiligen Tanzabends unter dem Titel »Glaube – Liebe – Hoffnung« am Sonnabend am Staatsballett Hannover hat dessen Direktor, Marco Goecke, eine Kritikerin der »FAZ« nicht nur beschimpft, sondern auch mit eigens mitgebrachtem Hundekot beschmiert. Goecke hatte sie zunächst mit der Verhängung eines Hausverbots bedroht und sie dann persönlich für ausbleibende Besucher verantwortlich gemacht, ehe er sie mit Fäkalien drangsalierte.

Die Redaktion der »FAZ« vermutet, der Choreograf habe sich durch eine Kritik herabgesetzt gesehen, die seinem Tanzabend »In the Dutch Mountains« am Nederlands Dans Theater in Den Haags gegolten hatte. Darin hatte die nun angegriffene Journalistin die Arbeit als »Blamage« und als »Frechheit« eingeschätzt: »Man wird beim Zuschauen abwechselnd irre und von Langeweile umgebracht.« Eine Lobeshymne liest sich freilich anders. Allerdings handelt es sich beim Feuilleton der »FAZ« hoffentlich auch nicht um die erweiterte Presseabteilung eines Theaters, sondern um einen Teil der kritischen Öffentlichkeit. Über derartige Rezensionen lässt sich dann wiederum trefflich streiten und auch dagegen polemisieren. Am besten aber unter Aufrechterhaltung der menschlichen Würde für alle Seiten.

Laura Berman, Intendantin der Staatsoper Hannover, kündigte an, arbeitsrechtliche Schritte gegenüber Goecke zu prüfen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich nach eingehender Prüfung herausstellen wird, dass ein 50-jähriger Mann, der auf Kritik mit einem Griff ins Klo reagiert, für einen Leitungsposten und damit auch für die Personalverantwortung für eine Vielzahl von freien und festen Mitarbeitern denkbar ungeeignet ist.

Leider ist Marco Goeckes Verhalten nicht nur der entgrenzte Ausfall eines in seiner Eitelkeit verletzten Künstlers, sondern ein vielsagendes Symptom für die überreizte Gesellschaft der Gegenwart. Goecke ist kein verkanntes Genie, auf das nun medial eingeschlagen wird. Im Gegenteil: Er ist ein ausgesprochen erfolgreicher und mit Preisen bedachter Choreograf, dem nun ein Verriss in knappen Worten zuteil geworden ist. Aus seinem Gebaren spricht der Wunsch, die Kritik möge ihn loben – oder für immer schweigen. Anders als Goecke vermutet, tastet das kritische Urteil die Kunst aber nicht an, sondern es macht sie erst zu einem Gegenstand der öffentlichen Betrachtung. Kunst ohne – auch kritisches! – Publikum ist so überflüssig wie Hundescheiße in der Tasche eines Ballettdirektors.

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