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1. FC Union Berlin: Der Fischer und sein Wunsch

Warum »Wahnsinn« eine durchaus treffende Erklärung für den Erfolg des Fußballklubs aus Köpenick ist

  • Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Am Rande des Wahnsinns und darüber hinaus: Unions Trainer Urs Fischer (l.)
Am Rande des Wahnsinns und darüber hinaus: Unions Trainer Urs Fischer (l.)

Entgegen seiner Art ließ sich Urs Fischer hinreißen, einen Wunsch zu äußern. Angesichts der möglichen Gegner des 1. FC Union Berlin im Achtelfinale der Europa League wollte er ein Duell mit Feyenoord Rotterdam und Royale Union Saint-Gilloise vermeiden. In der Begründung des Trainers findet sich ein wesentlicher Faktor für den erstaunlichen Erfolg des Köpenicker Klubs. »Weil wir gegen beide Teams schon gespielt haben«, sagte Fischer am späten Donnerstagabend, nach einem Fußballfest in der Alten Försterei. Mit 3:1 hatten die Berliner Ajax Amsterdam aus dem Wettbewerb geschossen.

Am Freitag musste Manager Oliver Ruhnert eine Phrase bemühen: »Eine Auslosung ist kein Wunschkonzert.« Der Gegner für die Spiele am 9. und 16. März heißt Union Saint-Gilloise. In Nyon lagen auch Arsenal London, Betis Sevilla und Fenerbahce Istanbul im Lostopf. Allesamt Teams, die sportlich stärker einzuschätzen sind, Unions Trainer aber lieber gewesen wären. Fischers Wunsch war also nicht von kühl kalkulierten Erfolgsaussichten bestimmt, sondern von einem weiteren großen gemeinschaftlichen Erlebnis – für seine Fußballer, den Verein und die Fans. Der Schweizer beschrieb es am Donnerstagabend so: »Der Wahnsinn geht weiter.«

Wie speziell dieses Erlebnis war, konnte man in der Alten Försterei fühlen. In den letzten Minuten des Spiels bebte das Stadion. »Eisern« – »Union«: Der Wechselgesang peitschte so intensiv und laut von Tribüne zu Tribüne wie selten zuvor. Gesteigert hatte die Stimmung schon die Dramatik der Partie. Dem Führungstreffer nach 20 Minuten per Elfmeter durch Abwehrchef Robin Knoche war noch vor dem Pausenpfiff der zweite Treffer durch Josip Juranovic gefolgt. 2:0 gegen Ajax Amsterdam! Ein Klub mit klangvollem Namen und großen Erfolgen im europäischen Fußball, der Stammgast in der Champions League ist und dort vor vier Jahren das Halbfinale erreicht hatte. Positive Fassungslosigkeit, pure Freude!

Und so ging es weiter. Dem schnellen Anschlusstreffer von Ajax zwei Minuten nach Wiederanpfiff folgte nur drei Minuten später das Tor zum 3:1 von Verteidiger Danilho Doekhi. Bis zum Sieg wurde dann auch jeder Befreiungsschlag bejubelt. Bereit zum Feiern waren Fans und Verein aber schon vor dem Anpfiff. Zu »einem der größten Spiele, die wir je hatten«, wurden die knapp 22 000 Zuschauer in der Alten Försterei von Stadionsprecher Christian Arbeit begrüßt. Die Ultras zelebrierten diesen Abend mit einer minutenlangen Choreografie, begleitet von einem Feuerwerk hinter der Tribüne auf der Waldseite. Von einem »Traum, der wahr wird« und einem »Leben im Rausch« war in großen Lettern zu lesen. Ein neuer Festtag in Köpenick wäre es ebenso gewesen, wenn es gegen die spielstarken Amsterdamer nicht gereicht hätte.

Es hat gereicht. Warum? Dafür fand Urs Fischer kaum Worte. Das Wort »Wahnsinn« kam ihm mehrmals über die Lippen, den Sieg gegen Ajax empfand er als »unbeschreiblich«. Gut erklären konnte Unions Trainer hingegen die Stärken des Gegners, »die spielerische Klasse«, die seinem Team »viele Probleme bereitet hat«. So habe schon das 2:0 zur Pause dem Spielverlauf nicht entsprochen. Nach einer »besseren zweiten Halbzeit« und mit »enorm viel Glück« geht die europäische Reise weiter. Am 9. März kommt mit den Belgiern von Royale Union Saint-Gilloise jenes Team in die Alte Försterei, gegen das die Berliner vor einem halben Jahr ihre letzte Heimniederlage hinnehmen mussten.

Gegen »eine der besten Mannschaften in Europa«, wie Torschütze Doekhi befand, geht es am Sonntag in der Bundesliga weiter. Die Tatsache, dass Unions Fußballer zum Spitzenspiel beim punktgleichen Tabellenführer FC Bayern München antreten, wird in Köpenick ebenso in die Rubrik Wahnsinn eingeordnet.

Eine abnormale Abweichung als Beschreibung des eigenen Erfolgs zu nutzen, ist im Fall des 1. FC Union durchaus gerechtfertigt. Siege kommen natürlich nicht von allein. Und alle Verantwortlichen im Verein wissen genau, was sie tun. Aber allein der Blick auf die Voraussetzungen belegt, wie erstaunlich die Entwicklung ist. Nach den Finanzkennzahlen der Deutschen Fußball-Liga stehen die Köpenicker beim Personalaufwand an vorletzter Stelle in der Bundesliga. Mit 373 Millionen Euro gibt der FC Bayern mehr als das Neunfache für seinen Kader aus wie die Köpenicker. Oder Bayer Leverkusen: Der Werksverein hat gegenüber den drittplatzierten Berlinern mehr als das Dreifache an Geld zur Verfügung, steht aber 16 Punkte und sieben Ränge hinter Union. Und die finanziellen Verluste werden immer vom Konzern beglichen.

»Wir leben unseren Traum«, sagte Torschütze Juranovic am Donnerstagabend. Es klang nicht nach vorgegebener Sprachregelung. Der Kroate kam im Winter nach Berlin. Dass sich neue Spieler hier schnell integrieren, sei normal, erklärte Fischer. Das geht nur in einer gut funktionierenden Gemeinschaft. Diese lobt der Trainer immer, grundsätzlich im Verein, in der Mannschaft im Besonderen. Und so lässt sich dann auch sportlicher Erfolg erklären: mit- und füreinander arbeiten, diszipliniert und leidenschaftlich.

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