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Lust und Last in Köpenick

Unions Fußballer beeindrucken in der neuen Saison schon wieder. Der Erfolg schafft dem Verein aber auch ernstzunehmende Probleme

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 8 Min.
Die Kraft der Gemeinschaft: Davon schwärmen sogar Spieler, nachdem sie Union verlassen haben.
Die Kraft der Gemeinschaft: Davon schwärmen sogar Spieler, nachdem sie Union verlassen haben.

Trainiert wurde beim 1. FC Union am Freitag etwas später als üblich. Nicht, weil Aufsteiger FC Schalke 04 als Gegner an diesem Sonnabend in Gelsenkirchen unterschätzt wird – ein absurder Gedanke, wenn man Urs Fischer kennt. Nein, stattdessen wurde in Köpenick der Fernseher angeschaltet. »Logisch werden wir gemeinsam schauen«, sagte der Trainer einen Tag zuvor mit Blick auf die Gruppenauslosung der Europa League in Istanbul. Die große Vorfreude auf diesen Tag war bei dem Verein und seinem Umfeld seit Monaten zu spüren, genau genommen seit dem 14. Mai – jenem Tag, den Dirk Zingler als »außerordentlich« beschreibt. »Als Fünfter in der Bundesliga die Saison abzuschließen, ist für unseren Klub großartig«, hatte der Vereinspräsident nach den letzten 90 Minuten der vergangenen Spielzeit und der damit verbundenen direkten Qualifikation für die Gruppenphase des zweitwichtigsten europäischen Wettbewerbs gesagt.

Cristiano Ronaldo in der Alten Försterei? Ein Spiel im Theatre of Dreams von Manchester United? Oder gegen den AS Rom mit Trainer José Mourinho? Irgendwie unwirklich, aber dennoch wahr – so klangen diese Vorstellungen für viele Unioner. Das gilt auch immer noch für die Entwicklung des Vereins in den vergangenen Jahren. Die Realität bescherte dem 1. FC Union auf seiner zweiten europäischen Reise am Freitagnachmittag folgende Gegner: Sporting Braga, Malmö FF und Union Saint-Gilloise. Das Überstehen der Gruppenphase, die vom 8. September bis 3. November ausgespielt wird, scheint möglich. Die Gruppe D sei durchaus schwer, meint Manager Oliver Ruhnert: »Dennoch besteht für uns die Chance, in der Europa League zu überwintern.«

Fischer hatte keinen Wunschgegner. Egal, wer da komme, »wir haben keine Bedenken.« Den selbstbewussten Worten ließ er dankbare folgen: »Das müssen wir genießen.« Genau damit haben aber einige Probleme. Seitdem die Uefa Ende Juni wieder Stehplätze im Europapokal zugelassen hat, drehen sich die Diskussionen in der Fanszene auch um Begriffe wie Ausgrenzung. Denn Zingler stellte sofort klar: »Es gibt nichts über unserem Zuhause, der Alten Försterei. Und wenn wir die Möglichkeit haben, hier zu spielen, dann werden wir hier spielen.«

Diese unmissverständliche Absage an mögliche Europapokalspiele in Charlottenburg traf und trifft viele hart. Denn dort hätten mehr als dreimal so viele Fans ihren Verein sehen können. Gestützt wird die durchaus verständliche Argumentation für das Olympiastadion durch die letztlich guten Erfahrungen mit den Spielen in der European Conference League in der vergangenen Saison. Darauf blickt auch der Präsident gern zurück und sagt, er habe sich auch ein bisschen darüber gefreut, dass »wir Menschen zu Union-Spielen einladen konnten, die sonst an der Alten Försterei die Möglichkeit nicht haben«. Aber wie so oft geht es ums Grundsätzliche, um Prinzipien. Und diese Art des Handelns macht den 1. FC Union so stark, wie er ist.

Heimspiele bezeichnet Zingler als »geschlossene Veranstaltung«. Und das aufgrund »der geringen Kapazität seit Jahren«. Die Mitgliederzahl stieg dennoch rasant auf derzeit rund 42 500. Nicht mal die Hälfte, und damit ungefähr den Plätzen im Stadion entsprechend, waren es in der Aufstiegssaison 2018/2019. Noch weitere zehn Jahre zuvor, als der 1. FC Union den Sprung in die 2. Bundesliga geschafft hatte, gab es nicht mal 6000 Mitglieder.

Stetes sowie schnelles Wachsen und gleichzeitig Gemeinschaft und Zusammenhalt zumindest zu erhalten, ist im Fußballgeschäft eine Aufgabe, an der viele Vereine verzweifeln. Genau das ist die Kraft, die die Entwicklung des 1. FC Union erklärt. Der Präsident beschreibt es so: »Wir stoßen in allen Bereichen im Klub in neue Dimensionen vor. Wir geben mit am wenigsten für einen Punkt aus. Wir spielen im kleinsten Stadion der Liga. Wir bringen die Konstruktion zum Einstürzen.« Solch widerständige Worte halten Fußballromantiker bei der Stange. Sie helfen, notwendiges Übel zu ertragen. Auch solches formuliert Zingler bewusst, wenn er beispielsweise sagt, dass es eine der wichtigsten Aufgaben sei, sportlichen Erfolg zu kapitalisieren. Und solche Worte sorgen dafür, dass auch eine Ausgrenzung akzeptiert wird.

Denn neben dem Prinzip Alte Försterei hat der Verein auch andere Argumente dafür, dort in der Europa League aufzulaufen. »Spielen wir gegen den FC Bayern in der Bundesliga dann auch im Olympiastadion?«, fragt Pressechef Christian Arbeit. Nein, dieses Fass wolle man gar nicht erst aufmachen. Und noch sehr viel gewichtiger: Ein erneuter Umzug nach Charlottenburg wäre unglaubwürdig. Es war nämlich auch der 1. FC Union, der sich bei der Uefa für die Zulassung von Stehplätzen stark machte. Und immer wieder wird in Köpenick betont, dass sie unverzichtbarer Teil einer Fußballkultur seien, für die man im Südosten Berlins stehe und kämpfe.

Real Madrid, Manchester City, Juventus Turin, FC Liverpool oder der FC Barcelona? Welche Dimension die Diskussionen über Tickets angenommen hätten, wäre der 1. FC Union in der Champions League gelandet, lässt sich nur erahnen. Unrealistisch ist auch diese Vorstellung nicht. Schließlich fehlten an jenem 14. Mai nur ein Punkt und ein paar Tore zu Platz vier in der Bundesliga. Zukünftig auszuschließen ist sie auch nicht. Zingler ist jedenfalls »total zuversichtlich«. Es gehe überall immer noch besser. Und Zinglers Aufgabe als Präsident seit 18 Jahren sei es, »Grenzen zu verschieben für diesen Klub, immer ein Stück weiter, immer ein Stück mehr«. Immer weiter ganz nach vorn – so ist es ja auch in der Hymne festgeschrieben.

Der Saisonstart verspricht schon einiges: drei Spiele, sieben Punkte, Platz drei. Schon der souveräne Sieg im Berliner Derby gegen Hertha BSC war beeindruckend, weil solch spezielle Partien schwieriger zu spielen sind und noch mehr mentale Stärke als andere erfordern. Einem torlosen Remis in Mainz folgte das zweite Heimspiel. »Das wird nie ein ganz normales Bundesligaspiel für uns sein«, rief Christian Arbeit den Fans am vergangenen Sonnabend vor dem Anpfiff vom Rasen aus zu. Der Gegner RasenBallsport Leipzig war dank der Red-Bull-Millionen mit einem Kader im Wert von fast 500 Millionen Euro angereist – mehr als das Fünffache des Werts des Union-Kaders. Am Ende stand es 2:1 und alle Leipziger samt Trainer Domenico Tedesco betonten fast schon bockig, dass man doch eigentlich in allen entscheidenden Statistiken besser gewesen sei.

Zufällig gelang dieser Sieg nicht, ebenso wenig wie die drei davor in der Bundesliga gegen die RasenBallsportler. Kein Zweifel: Das System stimmt, Trainer Fischer macht Spieler besser und schafft es zusammen mit Manager Oliver Ruhnert trotz Abgängen von Leistungsträgern immer wieder, eine starke Mannschaft auf den Platz zu bringen. Was sich nicht in Zahlen messen lässt, scheint mindestens ebenso wichtig. Teamgeist, Zusammenhalt, Gemeinschaft – jeder Fußballer bei Union findet andere Worte dafür, meint aber das Gleiche und betont es ausdrücklich. Fischer drückt es gern so aus: »Solidarität«.

Dieser Zustand, ein vages Gefühl für Außenstehende, lässt sich schwer beschreiben, ohne dabei den floskelhaften Fußballjargon zu bemühen. Zingler kann es besser: »Geborgenheit, Liebe und Vertrauen – davon sprechen Spieler, die uns verlassen. Das macht mich besonders stolz, denn das ist im Beruf ja ein eher seltener Zustand.«

Tim Maciejewski ist seit fünf Jahren Teil dieser besonderen Gemeinschaft beim 1. FC Union. Bislang stehen sieben Bundesligaminuten in der Statistik des Offensivspielers. Der 21-Jährige ist der nächste Versuch des Vereins, einen Fußballer aus dem eigenen Nachwuchs im Profikader zu etablieren. Steven Skrzybski ist der letzte, bei dem das gelang – und das ist mehr als zehn Jahre her. Auch in dieser Hinsicht ist der 1. FC Union ein Opfer seines Erfolgs. Die rasante sportliche Entwicklung des Profiteams hat die Hürde auf dem Weg aus der Jugend zu hoch gelegt.

Ganz schuldlos ist der Verein daran aber nicht. Vor sieben Jahren lösten die Köpenicker ihre U23-Mannschaft auf, weil sie es laut Beschluss der Deutschen Fußball-Liga durften. Der organisatorische und strukturelle Aufwand sei zu hoch, so die Begründung, damals und heute. Unstrittig ist, dass mit diesem Schritt Geld gespart wurde. Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und VfB Stuttgart: Prominent und lang ist die Liste derer, die von guter Nachwuchsarbeit in ihren zweiten Mannschaften profitieren. Oliver Ruhnert weiß das. Er war jahrelang Leiter der erfolgreichen Schalker Jugendabteilung. Als er vor vier Jahren Manager bei Union wurde, wurde er gefragt, ob er die Abschaffung für richtig halte. »Das ist so, und nicht zu ändern«, antwortete er knapp. Ebenso kurz ist das Fazit: Der 1. FC Union hat Erfolg, und somit Recht.

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