Netzwerk der Wärme in Berlin: Befristete Winterförderung

Die Energiekrise geht weiter – das finanzielle Hilfsprogramm der Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) womöglich nicht

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 7 Min.

Etwa 30 Menschen sammeln sich in einer Seitenstraße, die an das Kino International im Ortsteil Mitte angrenzt. Ein Beamer steht bereit, auf die Seitenfassade des Kinos gerichtet. Die Anwesenden nehmen sich einen Becher mit Sekt oder eine Brezel und warten, bis es dunkel genug ist, um die Projektion zu erkennen. Schließlich ist es soweit und an der Kinofassade erscheint eine gelb-lila Illustration des Netzwerks der Wärme mit dem Spruch: »Gemeinsam geht besser!«

»Wir hatten diese Horrorvorstellung vom Winter, dass die sozialen Einrichtungen schließen müssen und die Menschen dann alleine in ihrer kalten Wohnung sitzen müssen«, sagt Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) in die Runde. Im Sommer des vergangenen Jahres veranlasste die Drohkulisse von Inflation und Energiekrise die Sozialverwaltung dazu, ein Förderprogramm für die soziale Infrastruktur aufzusetzen, damit die Berliner*innen gemeinsam durch den Winter kommen. »Der Nachtragshaushalt gab uns die Gelegenheit, das Projekt zu verwirklichen«, hält Kipping fest.

Knapp 24 Millionen Euro stünden für das Netzwerk der Wärme zur Verfügung. Davon hat jeder Bezirk eine Million Euro abbekommen, um diese an soziale Einrichtungen zu verteilen. »Was in den einzelnen Bezirken passiert, hängt von den Leuten vor Ort ab«, sagt die Sozialsenatorin. Die Sozialverwaltung wisse dementsprechend nicht, wie viel Geld tatsächlich schon in die Projekte geflossen ist. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aber sei die Förderung schnell angelaufen, schon im November seien 800 000 Euro verteilt worden, so Kipping.

Berlinweit sind inzwischen über 370 Einrichtungen Teil des Netzwerks. Darunter ist das Begegnungszentrum Meerbaumhaus, Teil der evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten. »Es kommen deutlich mehr Menschen zu uns durch das Netzwerk der Wärme«, sagt Christa Spannbauer vom Meerbaumhaus zu »nd«. Sie nimmt an der Veranstaltung beim Kino International teil, um sich mit anderen Projekten des Netzwerks auszutauschen.

Das Meerbaumhaus konnte durch die Förderung sein Programm erweitern und im Rahmen des Netzwerks der Wärme jeden Sonntag das »Warme Wohnzimmer« öffnen. »Bisher waren es eher ältere Menschen, die zu uns gekommen sind. Inzwischen erreichen wir viele ganz verschiedene Menschen, zum Beispiel auch Studierende«, sagt Wohnzimmer-Organisatorin Spannbauer. Ihre eigene Nebentätigkeit in der Einrichtung wird für einen Projektzeitraum von drei Monaten finanziert. Natürlich würde sie sich darüber freuen, wenn die Finanzierung längerfristig zur Verfügung stünde. »Ohne die Mittel wäre es nicht möglich, sonntags zu öffnen«, sagt sie.

Sozialsenatorin Kipping erklärt, dass ihre Verwaltung tatsächlich geplant hatte, das Netzwerk der Wärme zu verstetigen und schon den entsprechenden Bedarf im Doppelhaushalt 2024/2025 angemeldet hatte. Nun steht allerdings der Regierungswechsel in Berlin bevor und die Linkspartei wird aller Voraussicht nach nicht an der neuen Koalition beteiligt sein. »Wer auch immer die Sozialverwaltung übernimmt: Ich hoffe sehr, dass es weitergeht mit dem Netzwerk der Wärme«, sagt Kipping. Das hätten aus ihrer Sicht die vielen beteiligten Initiativen verdient.

Soziale Einrichtungen und Projekte kämpfen schon seit vielen Jahren für eine sichere Finanzierung des sozialen Bereichs. Ein großer Teil der hauptstädtischen Beratungs- und Unterstützungsarbeit wird über die Projektfinanzierung gestemmt, die Einrichtungen müssen also Jahr für Jahr um die Gelder bangen. »Unsere Verwaltung ist um eine nachhaltige Finanzierung sozialer Einrichtungen und Projekte bemüht«, sagt dazu die Sozialverwaltung auf Anfrage des »nd«.

Das Netzwerk der Wärme hingegen verfolgt den Ansatz der befristeten Förderung, weil es im Rahmen der Berliner Entlastungspakete als kurzfristige Reaktion auf die Sorge vor dem Krisenwinter entstanden ist. »Es handelt sich um Gelder aus dem Nachtragshaushalt, die auf den regulären Haushalt noch oben drauf gekommen sind, um akut zu reagieren«, so Kipping. Einrichtungen können Anträge bei den Bezirken stellen, um Stunden und Personal aufzustocken, Honorare und Aufwandsentschädigungen für Ehrenamtliche zu zahlen, Lebensmittel zu kaufen und kleinere Anschaffungen zu besorgen. Die genehmigten Gelder stehen in einem Projektzeitraum von drei Monaten zur Verfügung. »Formal sind die Gelder bis Ende 2023 abrufbar«, sagt die Sozialsenatorin.

Von der Förderung ausgeschlossen sind derweil Mehrkosten für den Energieverbrauch. »Zweck des Netzwerkes ist es nicht, erhöhte Energiekosten der Projektträger auszugleichen«, teilt die Sozialverwaltung mit. Einrichtungen, die Zuwendungen vom Land erhalten, können Mittel für einen Mehrbedarf an Energie von der entsprechenden Zuwendungsstelle erhalten.

Das Netzwerk der Wärme ist nicht nur eine befristete Fördermaßnahme, sondern auch eine öffentlichkeitswirksame Kampagne. Die Koordination des Projekts übernimmt der Verein Karuna, der hierfür von der Sozialverwaltung eine Zuwendung von 400 000 Euro erhalten hat. Teil der Kampagne ist eine interaktive Karte mit allen teilnehmenden Einrichtungen und deren Öffnungszeiten, die auf der Webseite des Netzwerks der Wärme zu finden ist. Die Einrichtungen müssen als Teil des Netzwerks eine »Charta der Wärme« unterzeichnen.

Von der Öffentlichkeitsarbeit profitieren neben der Sozialverwaltung und Karuna auch die Projekte selbst. Jost Berchner erzählt, dass der »Wärmeort« der Stadtmission im Travekiez in Friedrichshain deutlich mehr Zulauf bekommen habe. »Vorher haben viele gesagt: ›So arm bin ich ja doch nicht, dass ich da hin muss‹. Aber inzwischen kommen viele Leute, weil zusammen essen schöner ist, als alleine zu essen«, sagt er. Sozialsenatorin Kipping erklärt, dass es die Idee der Kampagne sei, genau diese Hemmschwelle zu überwinden: »Wir wollen bestehende Orte stärken und neue Besucher*innen ansprechen.« Der Verein Karuna plant bereits, das Projekt über private Mittel fortzuführen, wenn die Mittel durch das Land wegfallen.

Ein Ort, den Katja Kipping hervorhebt, ist die »Wärmestube« in der Neuen Nationalgalerie. Es gehe dort nicht nur darum, für Menschen offen zu sein, denen die Preissteigerungen akute existenzielle Sorgen bereiten, sondern auch um einen Austausch zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden, sagt sie.

Die temporäre »Wärmestube« besteht aus einer Sitzecke im Eingangsbereich des Museums, der ohne Eintrittskarte zugänglich ist. Es gibt kostenlosen Tee. Am vergangenen Samstag nutzten einige Besucher*innen die Sofas und blätterten in den ausliegenden Kunstbüchern. Alle haben Eintrittskarten zum Museum und wussten weder von der gratis Teeversorgung noch vom Netzwerk der Wärme.

Eine Gruppe an Museumsgästen zeigt sich interessiert am Projekt. »Es ist gut, dass es solche Orte gibt, an denen Menschen sich einfach aufhalten können, ohne dass sie was kaufen müssen«, sagt einer der Besucher. »Dürfen sich Menschen denn auch ohne Tickets in der U-Bahn aufhalten und aufwärmen?«, fragt eine Besucherin. Soziale Begegnungsräume findet die Gruppe gut, wie zum Beispiel die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. »Da sind die Menschen auch ziemlich durchmischt«, berichtet eine Besucherin.

Die Bibliothek wird, ebenso wie die Stadtteilbibliotheken, als Teil des Netzwerks der Wärme gefördert. »Wir konnten unsere Öffnungszeiten erweitern«, sagt Judith Galka von der Zentral- und Landesbibliothek. Eine Stunde am Abend habe die Bibliothek bis April zusätzlich geöffnet, danach könne das ohne die Mittel aus dem Programm nicht mehr aufrechterhalten werden. »Grundgedanke des Netzwerks der Wärme ist es ja, Räume zu öffnen, an denen Menschen sich einfach aufhalten können und wo es warm ist.« Ein solcher offener Raum sei die Bibliothek sowieso schon gewesen, so Galka. Nun habe sie eben noch länger geöffnet.

Teil des Netzwerks der Wärme sind neben den städtischen Einrichtungen auch Standorte der Wohlfahrt. »Dutzende Einrichtungen unter dem Dach der Diakonie haben die Förderung aus dem Projekt ›Netzwerk der Wärme‹ in Anspruch genommen. Träger mit landesgeförderten Projekten wie Stadtteil- und Familienzentren wurden gut und zeitnah informiert«, sagt Sebastian Peters, Pressesprecher des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg zu »nd«.

Selbstverwaltete Zentren hingegen, die viele soziale Angebote berlinweit und in ihren Kiezen organisieren, fehlen im Netzwerk, wie der Blick auf die Online-Karte zeigt. Auf nd-Anfrage antworten einige von ihnen, dass sie von der Winterförderung der Sozialverwaltung gar nichts mitbekommen haben. So kommen die Mittel also bei vielen, aber längst nicht bei allen Projekten an, die ihren Beitrag zur sozialen Infrastruktur in Berlin leisten. Ob die finanziellen Hilfen vom Land fortgeführt werden und die Einrichtungen ihre Angebote längerfristig aufrechterhalten können, wird sich bei den nächsten Haushaltsverhandlungen zeigen.

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