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  • Millionenstreit im deutschen Fußball

DFB fordert mehr Millionen von DFL für Fußball-Amateure

Der Kampf um den Grundlagenvertrag zwischen Amateuren und Profis wird zur Nagelprobe, um die vielbeschworene Einheit des deutschen Fußballs zu retten

  • Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Zeit der Eintracht ist schon wieder vorbei: DFL-Chef Hans-Joachim Watzke (l.) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf
Die Zeit der Eintracht ist schon wieder vorbei: DFL-Chef Hans-Joachim Watzke (l.) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf

Es fehlt zu Beginn eines neuen Jahres selten an frommen Wünschen. Bei Hans-Joachim Watzke, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Fußball-Liga (DFL), war das beim Neujahrsempfang in Offenbach nicht viel anders. Beim Vortrag jener fünf Sehnsüchte, die der 63-Jährige vor der versammelten Prominenz des Kickerbetriebs formulierte, kam gleich an zweiter Stelle das Verhältnis zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Man habe sich nach jahrelangen Streitereien »sehr vertrauensvoll auf den Weg gemacht«, sagte Watzke und stellte heraus: »Wir haben nur einen deutschen Fußball, und wir haben eine riesige Chance mit der Euro 2024: Wir müssen in anderthalb Jahren alles bündeln und dürfen uns nicht in Kleinkrämereien verstricken.«

Die hehren Absichten sind zwei Monate später schon wieder vergessen: DFL und DFB haben sich im Streit um den neuen Grundlagenvertrag völlig verhakt. Die alte Vereinbarung zwischen beiden läuft am 30. Juni aus. Wegen der Grabenkämpfe unter den Funktionären beider Lager wagte sich lange niemand an das heiße Eisen. Nun läuft die Zeit davon. Im Grundlagenvertrag sind die gegenseitigen Rechte und Pflichten geregelt. Es geht um die Schiedsrichter, die Abstellung der Nationalspieler, die Nutzung von Rechten. Unter dem Strich bleiben nach den Geldflüssen bislang sechs Millionen Euro von den Profis bei den Amateuren hängen. Die Liga ist bereit, diese Summe auf 20 Millionen zu erhöhen – aus dem Verband werden aber 50 Millionen und mehr erwartet.

»Der DFB fordert exorbitant mehr. Wir sind trotz aller Probleme bereit, signifikant mehr zu zahlen. Aber wir sind sehr weit auseinander«, sagte Watzke in der »Süddeutschen Zeitung« und verschärfte den Ton. Auch die Beziehung zu DFB-Präsident Bernd Neuendorf kommt auf den Prüfstand. Dass die beiden Bosse beim Länderspiel gegen Peru einträchtig neben Sportdirektor Rudi Völler saßen, wirkte trügerisch. Der Geduldsfaden des Vorstandsvorsitzenden von Borussia Dortmund ist nach mehreren gescheiterten Verhandlungsrunden gerissen. Der Sauerländer warnte mit spitzer Zunge vor dem Anspruch, »dass die DFL die Vollkaskoversicherung für den DFB ist«.

Der über sein Liga-Amt zugleich als DFB-Vizepräsident fungierende Macher weiß um die zum Teil selbst verschuldete Finanznot des Verbands, der ein strukturelles Defizit von derzeit jährlich 20 Millionen Euro beklagt, bedingt durch die fehlenden Erfolge der Männer-Nationalmannschaft, aber auch die neue teure Akademie, die vom Finanzamt entzogene Gemeinnützigkeit für die Jahre 2014 und 2015 sowie nicht zuletzt einen riesigen Personalapparat. Der DFL-Präsidiumssprecher schließt einen Gang vors DFB-Schiedsgericht nicht mehr aus, was für die vielbeschworene Einheit ein Armutszeugnis wäre. Dann sei »der Versuch, dieses Pflänzchen wieder zur Blüte zu bringen, nachhaltig beschädigt«, so Watzke.

Neuendorf hat auf diese Warnung noch keine Replik folgen lassen: Der 61-Jährige ist eher ein Mann des Ausgleichs, der lieber im Hintergrund nach Kompromissen fahndet, als lautstark in der Öffentlichkeit loszupoltern. Doch dem gebürtigen Dürener sitzen die Präsidenten der Regional- und Landesverbände im Nacken, die wiederholt mit den gravierenden Sorgen an der Basis konfrontiert werden. Und sie spüren, wie nach der Pandemie die Schere immer weiter auseinandergeht.

Während jeder Bundesligaprofi bei einem neuen Vertragsabschluss wieder mehr Geld bekommt und Ablösen, Gagen und Handgelder kein Limit kennen, leiden viele der 24 300 Vereine unter den Energiekosten, dem Mangel an Übungsleitern, dem Zustand der Sportstätten oder den Ansprüchen der Eltern, die für 20 Euro Vereinsbeitrag im Monat eine Rundumversorgung einfordern. Watzke merkte im Gegenzug an, dass der Profifußball »in den vergangenen Jahren gar keine Einnahmezuwächse hatte«.

Die Coronakrise habe den gesamten Fußball »existenziell bedroht«, auch manchen der 36 Lizenzklubs. Um die Eskalation zu verhindern – die DFL könnte letztlich aus dem Grundlagenvertrag aussteigen –, müsste die Causa wohl zur Chefsache gemacht werden. Aber wie gut können Watzke und Neuendorf wirklich miteinander, die in der politischen Haltung einiges trennt? Beim Neujahrsempfang sagte der neue Liga-Boss über den neuen DFB-Chef, dass es ein »Vergnügen« sei, mit so einem »extrem verlässlichen Partner« zusammenzuarbeiten. Oder war das auch nur heiße Luft?

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