Ostdeutsches Othering

Unterschiedliche Mentalitäten und ökonomische Differenzen: Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann moniert die systematische Benachteiligung der 1990 beigetretenen Bundesländer

  • Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 5 Min.
Ostidentität: Ostdeutsches Othering

Anfang Februar 2022 erschien ein provokanter Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), dem Leitmedium des konservativen westdeutschen Bürgertums. »Wie sich der Westen den Osten erfindet«, hieß der Text, nach dessen Veröffentlichung den Verfasser zahlreiche Leserbriefe, E-Mails, Anrufe und Einladungen erreichten – zustimmende wie ablehnende. Die zornige Kernthese des Autors Dirk Oschmann lautet: Der Westen habe sich zu erklären und nicht etwa »der Osten«. Schließlich hätten die Meinungsführenden in der BRD von Beginn an »die Ossis« als eine spezifische Identität konstruiert, die nun für die wachsende Spaltung der Gesellschaft verantwortlich gemacht werde. Negative Attribute wie Populismus, Rassismus, Demokratieverdrossenheit, Verschwörungsglaube und Armut schreibe man vorrangig den ostdeutschen Bundesländern beziehungsweise ihren Bewohner*innen zu.

Seinen aufsehenerregenden FAZ-Text hat Oschmann jetzt zu dem Sachbuch »Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung« erweitert, ohne dabei einen wissenschaftlichen Anspruch zu erheben. Nach seiner Lesart ist jener »Osten« keine bloße Himmelsrichtung mehr, sondern bezeichnet das »prinzipiell Rückständige, Unkultivierte, Barbarische«. Die Ursache solcher verbreiteten Klischees sieht der Autor in einer »einseitig verteilten Diskursmacht« und der daraus resultierenden Deutungshoheit. Denn nicht nur wissenschaftliche Einrichtungen, sondern auch die Chefredaktionen der Medienhäuser seien fest in westdeutscher Hand.

Innerdeutsche Gemengelage

Der 1967 geborene Germanist Oschmann lehrt als Professor an der Universität Leipzig und stammt aus dem thüringischen Gotha. Mit dieser Herkunft ist er ein Exot selbst an einer ostdeutschen Hochschule. Die Leitungsposten in Bildung und Forschung besetzen in der sächsischen Großstadt wie anderswo in den neuen Bundesländern Zugewanderte aus der alten Bundesrepublik, denen nach dem Ende der DDR unverhoffte Karrieresprünge gelangen. An seiner Fakultät beschäftigt sich Oschmann vorrangig mit der deutschen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Er ist also eigentlich gar nicht vom Fach, ist weder Politologe noch Soziologe. Seine Abhandlung ist daher ein von biografischen Erfahrungen geprägter Zeitzeugen-Bericht über die »innerdeutsche Gemengelage«, in welcher sich der Westen als Norm definiere und der Osten als Abweichung gelte. Für den Autor ist das ein »Othering«, eine Distanzierung zur Bestätigung der eigenen Normalität, das »unserer Gesellschaft schadet«.

Oschmann wolle jedoch »keine bloß innerdeutsche Nabelschau betreiben«. Die hiesige Konstellation sei nur ein »Spezialfall der Globalisierungseffekte«, die sich auch anderswo in einem enormen Reichtums-, Macht- und Kommunikationsgefälle ausdrückten. So gebe es etwa in den Vereinigten Staaten einen großen Kontrast zwischen den meinungsführenden Küsten und den abschätzig so genannten »Flyover states«, der Landesmitte, die man nicht besuche, sondern nur mit dem Flugzeug überquere. In Großbritannien stünden nach der prägnanten Charakterisierung von David Goodhart die kosmopolitischen »Anywheres«, die überall leben könnten, gegen die bodenständigen »Somewheres«, die im unbedeutenden Irgendwo ansässig seien. In Italien werde seit Ewigkeiten die Ungleichheit zwischen dem Norden und dem Süden des Landes angeprangert.

Fehlender Stallgeruch

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer ist in Deutschland also keineswegs »zusammengewachsen, was zusammengehört«, wie es der sozialdemokratische Altkanzler Willy Brandt einst hoffnungsvoll formulierte. Unterschiedliche Mentalitäten entlang der alten Grenzziehungen halten sich hartnäckig, und vor allem gibt es nach wie vor riesige ökonomische Differenzen: Im Westen wird viel mehr Vermögen, vor allem in Form von Immobilien, an die nachfolgende Generation vererbt; das Lohngefälle liegt im Durchschnitt nach wie vor bei 22,5 Prozent, der Anteil Ostdeutscher in den beruflichen Spitzenpositionen von Verwaltung, Jurisprudenz und Unternehmen bei lediglich 1,7 Prozent.

Die Folgen systematischer Benachteiligung, das hebt Oschmann ausdrücklich hervor, betreffen auch jene Alterskohorten, die kurz vor der Jahrtausendwende oder noch später auf die Welt kamen, die DDR also gar nicht mehr persönlich erlebt haben. Einen Begriff des französischen Soziologen Pierre Bourdieu aufnehmend, analysiert er: »Noch heute fehlen vielen von ihnen die Netzwerke, der Stallgeruch, die Verwandtschaft im Habitus – mit einem Wort: alles, nämlich das kulturelle, symbolische, soziale und ökonomische Kapital.«

Wie Oschmanns damaliger Zeitungsbeitrag ist auch »Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung« in einem zuspitzenden Duktus verfasst. Der Autor verfolgt eine Mission, er will aufrütteln – und schießt dabei manchmal über sein Ziel hinaus. Etwa nimmt der erklärte Fußballfan den künstlich etablierten, vom Getränkehersteller Red Bull finanzierten »Dosenklub« RB Leipzig gegen Kritik in Schutz, weil dieser zum ostdeutschen Selbstbewusstsein beitrage. Ein passenderes Beispiel für eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte wäre der Verein Union Berlin gewesen. Zudem geht der Autor auch zu wenig auf die großen Wahlerfolge der AfD gerade in Sachsen ein, das er ironisch als »Osten des Ostens« tituliert. Die hohe Zustimmung zu Bewegungen wie Pegida und überhaupt zu rechtspopulistischen Ansichten gerade in den abgehängten Regionen der neuen Bundesländer lässt sich nicht allein mit dem Gefühl erklären, von der Gestaltung der Demokratie ausgeschlossen zu sein.

Löschung des Gedächtnisses

Ostidentität: Ostdeutsches Othering

Beeindruckend sind hingegen die Beispiele des Autors für Abwertung von Ostdeutschen im Kulturbetrieb, denen am Ende des Buches ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Plakativ spricht Oschmann von der »Löschung des Textgedächtnisses« und der »Löschung des Bildgedächtnisses«. Deutlich kritisiert er die abwertenden Kampagnen der westdeutschen Feuilletons gegen angebliche »Gesinnungs«-Schriftsteller*innen wie Christa Wolf, Stephan Hermlin, Heiner Müller oder Stefan Heym, die direkt nach der Wende einsetzten. Ebenso verurteilt er den von dem Kunstkritiker Wolfgang Ullrich in der Wochenzeitung Die Zeit betriebenen Versuch, den Maler Neo Rauch in die Nähe des Rechtsextremismus zu rücken.

Interessant ist, am Rande bemerkt, Oschmanns Einschätzung des Begriffs »Mitteldeutschland«, der für den südlichen Teil der ehemaligen DDR heute wieder gerne verwendet wird. Er findet sich in Zeitungstiteln, im Namen einer Rundfunkanstalt und in den Bezeichnungen von Verbänden und Institutionen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als das Deutsche Reich sich noch bis Ostpreußen erstreckte, mag der Terminus geografisch korrekt gewesen sein, heute aber wirke er »reichlich suspekt«. Das ist noch höflich formuliert, man könnte das oft gedankenlos benutzte Wort auch schlicht revanchistisch nennen. Für »polnische und tschechische Ohren«, so Oschmann, klinge es jedenfalls »bedrohlich«, da es suggeriere, »es gäbe das eigentliche Ostdeutschland noch östlich von Oder und Neiße«.

Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung. Ullstein Verlag 2023, 222 S., br., 19,99 €.
Der Autor Dirk Oschmann ist zu Gast am »nd«-Stand auf der Leipziger Buchmesse am Samstag, den 29. April 2023, 14 Uhr (Halle 5, C 502).

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