Inflation: Unternehmensprofite treiben die Preise

Für die Unternehmen lohnt sich die Inflation bisher. Das ist kein Wunder, sie machen sie ja auch

  • Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 7 Min.

Bei hoher Inflationsrate», sagte jüngst der US-Zentralbankchef, «funktioniert die Ökonomie für niemanden.» Zumindest für die vergangenen Monate stimmt das nicht. Während die Lohnabhängigen rekordhohe Einbußen bei ihrer Kaufkraft verzeichnen, bilanzieren die börsennotierten Unternehmen anhaltend hohe Gewinne. Hier liegt allerdings kein Gegensatz vor, sondern eine Kausalität: Indem die Unternehmen die Preise erhöhen und so die Inflation machen, steigern sie ihre Einnahmen. Gleichzeitig verbilligt die Reallohnsenkung die Arbeitskraft, was die Profite stützt. Zwar wird weiter vor einer «Lohn-Preis-Spirale» gewarnt. Tatsächlich aber ist eher die Frage, ob sich nicht längst eine Profit-Preis-Spirale dreht.

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vor rund einem Jahr wurde vor einer großen Krise, Energieknappheit und Rezession gewarnt. Inzwischen jedoch hat sich gezeigt, dass die Konjunktur in Europa und den USA sich gut gehalten hat. Das spiegeln auch die Bilanzen der Unternehmen wider, die «mehr als gut mit den angespannten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zurechtkommen», so die DZ Bank.

Laut der Unternehmensberatung EY stiegen im vergangenen Jahr die Umsätze der 40 Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) um fast 16 Prozent auf Rekordhoch. Auch die Summe der Gewinne war so hoch wie noch nie. Einen wesentlichen Grund dafür nannte EY-Geschäftsführer Henrik Ahlers: «Den meisten Dax-Unternehmen gelang es, hohe Kosten bei Personal, Beschaffung und Energie an ihre Kunden weiterzugeben.» Allerdings haben viele Firmen nicht bloß Kostensteigerungen «weitergegeben», sondern zusätzlich auf den Preis aufgeschlagen. Ähnlich sieht es in ganz Europa aus, wo trotz der massiv verteuerten Energie die Gewinne der 600 größten Konzerne 2022 um ein Fünftel zulegten. Dies «spiegelt eine umfassende Robustheit in einem schwierigen Umfeld wider», erklärte Paul Quinsee von J.P. Morgan Asset Management.

Von den hohen Gewinnen profitieren die Anteilseigner*innen. Für 2022 werden die 100 größten deutschen Aktiengesellschaften etwa 62 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten, das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Einen Großteil davon zahlen die besonders profitablen deutschen Autobauer. Auch in den folgenden Jahren «werden die Gewinne und Dividenden ihren parallelen Lauf fortsetzen», prognostiziert die DZ Bank.

Die Löhne sinken

Das Nachsehen haben dagegen jene, die als Lohnabhängige und Endverbraucher*innen die gestiegenen Preise letztlich zahlen müssen. Sie verlieren an Kaufkraft. Laut Europäischer Zentralbank (EZB) lagen die realen, also inflationsbereinigten Tariflöhne Ende 2022 sieben Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Es läuft eine Verarmung historischen Ausmaßes. «Die Reallohneinbußen in der Eurozone sind seit Gründung der Eurozone 1999 noch nie größer gewesen», meldet die VP Bank. Ähnlich in den USA, wo «die inflationsbereinige Entlohnung pro Stunde im Vergleich zum Vorjahr so stark im Minus liegt wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs». Um ihren Konsum aufrechtzuerhalten, müssen die privaten Haushalte ihre Anschaffungen zunehmend aus ihren Ersparnissen finanzieren.

Ökonom*innen gehen davon aus, dass sich an dieser Situation so bald nichts ändern wird. Zwar erhebt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi derzeit relativ hohe Lohnforderungen. Sie sind laut VP Bank aber keine Vorboten von breiten Lohnerhöhungen in allen Wirtschaftsbereichen. Denn viele Industriebranchen stünden wegen hoher Energiekosten und ausländischer Konkurrenz stark unter Kostendruck. Zudem dürfte das absehbar schwache Wirtschaftswachstum die Position der Gewerkschaften tendenziell schwächen. «Aus den Tarifverhandlungen in Europa und den Lohnerhöhungsabsichten in den USA lässt sich ableiten, dass gesamtvolkswirtschaftlich vorerst weiterhin mit Reallohneinbußen zu rechnen ist», so die VP-Bank-Analysten. Das gilt unter Ökonomen und Zentralbankern allerdings als gute Nachricht. Denn weil die Löhne den Preisen nicht folgen, werde eine «Lohn-Preis-Spirale» verhindert.

Trotz der Lohneinbußen aber liegt die Inflationsrate weiter sehr hoch. Zwar verteuert sich Energie inzwischen nicht mehr weiter. Aufwärts geht es aber weiter mit der Kerninflationsrate, aus der Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet sind. Sie legte in der Eurozone im März von 5,6 auf 5,7 Prozent zu, in Deutschland dürfte sie von 5,7 auf 5,9 Prozent gestiegen sein. Als Ursache dafür rücken nun zunehmend die steigenden Gewinne der Unternehmen in den Fokus. «Die Inflation wird nicht von überzogenen Lohnerhöhungen getrieben, sondern von extremen Gewinnen großer Firmen», schrieb jüngst Marcel Fratzscher, Chef des Forschungsinstituts DIW.

Ob das tatsächlich so ist, bleibt unter Ökonom*innen allerdings umstritten. Einiges spricht dafür. So zeigt eine Berechnung von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, dass zwischen Anfang und Ende 2022 die Profite in Europa doppelt so schnell zulegten wie die Löhne. Nach einer Schätzung der französischen Großbank Natixis haben zwischen Ende 2020 und Ende 2022 höhere Gewinnspannen die Inflationsrate in der Eurozone um fast zwei Prozentpunkte jedes Jahr erhöht.

Allerdings, so EZB-Direktorin Isabel Schnabel in der FAZ, sei fraglich, ob höhere Gewinnspannen im heutigen Umfeld zu einem selbstverstärkenden Inflationsprozess führen könnten. «Wenn die Preise über einen längeren Zeitraum stärker steigen als die Löhne und somit die Reallöhne fallen, können sich die Haushalte die hohen Preise irgendwann nicht mehr leisten – was den Preissetzungsspielraum der Unternehmen begrenzen dürfte.» Laut Philipp Heimberger, Ökonom am Wieder Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche WIIW, «liegen zum genauen Einfluss der Inflation auf die Unternehmensgewinne und umgekehrt viel zu wenig Daten vor».

Starke Position der Unternehmen

So ist also die Lage: Die Entwicklung der Löhne ist zwar nicht die Ursache für die hohe Inflation. Gleichzeitig aber wird die Warnung vor «Lohn-Preis-Spiralen» aufrechterhalten und den Beschäftigten damit die Botschaft gesendet, dass sie die gelaufene und die laufende Verringerung ihrer Einkommen als neue Normalität hinzunehmen haben und nicht versuchen dürfen, ihre Verluste zu kompensieren.

Für die Unternehmen wiederum sieht es weiter günstig aus: Die Krisen seit 2020 und die Reallohneinbußen «zeigen erstens, dass Europas Unternehmen gegenüber den Beschäftigten in einer starken Verhandlungsposition sind», erklärt Natixis. Stark sei zweitens ihre Preissetzungsmacht, also ihre Verhandlungsposition gegenüber den Konsument*innen. Beides resultiert in Gewinnspannen, die seit Mitte 2021 zulegen. «Diese doppelte Verhandlungsmacht», so Natixis, «erklärt die Widerstandsfähigkeit der Gewinne und Investitionen wie auch die Schwäche des privaten Konsums trotz staatlicher Beihilfen. In der Eurozone tragen private Haushalte und Regierungen die Hauptlast der gestiegenen Rohstoffpreise.»

Die schrittweise Verarmung der Haushalte könnte dieses Jahr zwar zu einer Rezession führen, was auch die Unternehmensbilanzen belastet. Gleichzeitig aber haben die Konzerne sich bereits in den vergangenen Krisen sehr widerstandsfähig gezeigt. Zudem verfügen die Haushalte noch über hohe Ersparnisse – in der Eurozone im Wert von 14 Prozent eines Jahres-Konsumbudgets – die sich die Unternehmen über Preissteigerungen aneignen können. Und schließlich entspannen sich die Lieferketten, Materialmängel lassen nach, Energiepreise sinken. Die Stimmung in den Chefetagen bessert sich daher stetig: Diese Woche erlebte der Ifo-Geschäftsklimaindex seinen fünften Anstieg in Folge. «Dabei zeigten sich die Unternehmen sowohl bezüglich der aktuellen Geschäfte als auch hinsichtlich ihrer Geschäftserwartungen der nächsten sechs Monate zuversichtlicher», so die Deka-Bank.

Und selbst wenn es zu einer Rezession kommt, dürfte sie nicht zu schwer werden, prognostiziert die Commerzbank. Denn «die Unternehmensbilanzen sind in guter Form», sprich: Die Konzerne haben in den vergangenen Jahren satt verdient. «Unternehmen in allen Industrieländern sitzen auf Geldreserven, die ein Drittel höher sind als vor der Corona-Pandemie», schreibt das britische Magazin «Economist». Allein in der Eurozone haben die Unternehmen außerhalb des Finanzsektors nach Natixis-Berechnungen Cash-Reserven in Höhe von fast 30 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Das ist doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Damit können sie eine wirtschaftliche Schwäche im Zuge der Reallohnsenkungen wahrscheinlich aussitzen. Die DZ Bank hat daher jetzt schon mal ihre Kursprognose für den Dax von 15 000 auf 16 000 Punkte Ende 2023 erhöht.

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