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Der Einzelne und seine Feinde

Benjamin Brittens »Peter Grimes« an der Oper Leipzig

  • Kai Köhler
  • Lesedauer: 4 Min.
Es gibt die Fanatiker und die zunächst Besonnenen und die Abwartenden.
Es gibt die Fanatiker und die zunächst Besonnenen und die Abwartenden.

Am Anfang steht ein vergifteter Freispruch. Der Fischer Peter Grimes steht in Benjamin Brittens gleichnamiger Oper unter Verdacht, auf hoher See den Tod seines Lehrjungen verschuldet zu haben. Grimes widerspricht, der Richter glaubt ihm, die Dorfgemeinschaft nicht. Ohnehin lehnen die meisten den Außenseiter ab. Nur wenige stehen zu ihm: der pensionierte Kapitän Balstrone und die Lehrerswitwe Ellen Orford. Sie alle scheitern. Zuletzt stürzt ein weiterer Lehrjunge zu Tode. Balstrone rät dem Freund, als letzte Möglichkeit mit seinem Fischerboot aufs Meer zu fahren und sich dort zu versenken. Die Dorfgemeinschaft schaut Grimes’ Sterben ungerührt zu.

Man sieht und hört also die Geschichte einer Gruppe und eines Außenseiters, wobei die zwei Parteien aufeinander verwiesen sind. Die Gruppe ist keineswegs einheitlich. Es gibt die Fanatiker und die zunächst Besonnenen; den Sektenprediger, die tablettenabhängige und mordaufklärungsgierige Frömmlerin, die Abwartenden. Man trifft sich in der Kirche oder im Pub von »Auntie«, der als Hauptattraktion zwei attraktive »Nichten« zu bieten hat. Auch manche dieser Leute könnten durchaus zum Feind erklärt werden – aber warum trifft es ausgerechnet Grimes? Man ahnt es allenfalls.

Sehr wohl aber erfährt man, auf welche Weise alles falsch wird, sobald er erst mal zum Außenseiter geworden ist. Betont Grimes seine Unabhängigkeit, liefert er neue Gründe für den Hass. Aber wenn er sich anzupassen versucht, ist das vielleicht noch schlimmer. Und Anerkennung will er. Leider hat er verschrobene Vorstellungen davon, wie die zu erreichen sei. Ellen Orford würde ihn heiraten – aber er will sie erst dann heiraten, wenn er durch Fischfang und –handel reich geworden ist. Verbohrt weist er sie zurück, ebenso verbohrt zwingt er den neuen Lehrjungen, sogar am Sonntag zu arbeiten. Der arme Kerl (wir sind im England des 19. Jahrhunderts) wurde aus dem Armenhaus an ihn verkauft, und alle Dorfbewohner finden dies eine Schande. Ihr Mitleid ist nicht unbegründet; wahrscheinlich bezieht es sich nur auf den willkommenen Einzelfall.

Die Musik ist unmittelbar wirksam wie kaum je sonst in Brittens Opern – nicht zufällig ist »Peter Grimes« das Stück, mit dem er 1945 seinen ersten großen Bühnenerfolg feiern konnte. Mit einer Aufführungsdauer von etwa drei Stunden ist sie doch dramatisch konzentriert. Bei aller Einheitlichkeit und motivischen Konsequenz gibt es für die einzelnen Szenen und Figuren verschiedene Stilschichten, die von (leicht verfremdeten) folkloristischen Momenten bis zu expressiven Soli reichen. Die Bühnenmusik beim Dorffest klingt beinahe so schäbig wie die Tanzkapelle in Alban Bergs »Wozzeck«. Die Orchesterzwischenspiele sind, oberflächlich betrachtet, farbenreiche Naturschilderungen – später hat Britten sie unter dem Titel »Four Sea Interludes« zusammengefasst. Das Gewandhausorchester Leipzig unter Christoph Gedschold traf all diese Idiome, und dies mit einer Genauigkeit der Phrasierung und dynamischen Abstufung, wie sie nur sehr selten zu hören ist.

Was machte Regisseur Kay Link aus dieser Vorlage? Er beseitigt Zeitkolorit und Äußerlichkeiten. Die Natur mag in dieser Oper wichtig sein, Sturmfluten mögen am Land nagen und die Gemeinschaft bedrohen – doch interessiert uns kein Fischerdorf um 1830, sondern Ausgrenzung und die Reaktion darauf. Die gefährliche wie die ruhige Natur verweisen in »Peter Grimes« auf das Innere der Menschen, besonders der Titelfigur. Entsprechend sind in Leipzig die Räume (Bühnenbild Dirk Becker) nicht naturalistisch, sondern durch wenige Requisititen nur angedeutet. Die Vorgänge gehen uns an.

Entsprechend wenig war in dieser Inszenierung zu sehen von einem möglichen Grund für Brittens Interesse an diesem Stoff, nämlich dem, dass er als Homosexueller zu Lebzeiten in der britischen Gesellschaft (und nicht nur der) ausgegrenzt und kriminalisiert war. Das Werk aufs Biografische zurückzuführen, ist eher Gefahr als Chance, und die Gefahr wurde hier vermieden. An wenigen, orchestral zarten Stellen ist zu erahnen, dass Grimes an seinem neuen Lehrjungen nicht nur als Arbeitskraft interessiert ist und dass dies der Grund für den Hass sein könnte, der ihn trifft. Angemessen andeutungsweise arbeitete hier die Regie. Einzuwenden wäre eher, dass die Schuld Grimes’, nämlich für seinen ökonomischen Erfolg den Lehrjungen auszunutzen, szenisch blass bleibt. Einzuwenden gegen die im Ganzen überzeugende Inszenierung ist außerdem der exzessive Einsatz von Videoprojektionen, der nicht nur die Wahrnehmung der Musik, sondern auch die kluge Personenführung zu überdecken droht.

Und die durchweg guten Sänger verkleinert. Unter denen ragt Breden Gunnell in der fordernden Titelrolle hervor, mit heller Stimme klar hervortretend, ohne je zu forcieren. Tuomas Pursias Balstrone vermag auch stimmlich durchzudringen und so zu vermitteln, wie er den Freund verteidigt, solange es eben möglich ist. Karin Lovelius zeigt als Auntie, wie eine Figur am Rande des gesellschaftlich Akzeptierten zu balancieren hat.

Nächste Vorstellungen: 20.5., 19 Uhr, 31.5., 19.30 Uhr, 3.6., 19 Uhr

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