Zweifel an der Krankenhausreform

Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit sieht sich als Leitveranstaltung für die Branche

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf dem alljährlichen Hauptstadtkongress Gesundheit und Medizin wurden mehr als 5000 Besucher begrüßt, so viele nahmen jedenfalls an der Eröffnung vor Ort am Mittwoch teil. Angesprochen wird mit der Veranstaltung vor allem die Gesundheitswirtschaft, wenn es auch diverse Nebentermine gibt, darunter einen Pflegemanagementkongress und ein Ärzteforum. Für die Profis aus der Branche ist das Ganze im Bereich zwischen 329 bis 849 Euro Brutto kostenpflichtig. Die Industrie darf, wie meist üblich, zu Satellitensymposien einladen. Pfizer will hier Impulse für einen Masterplan Pflege geben, während die Mylan Germany GmbH den Übergang eines Medikaments gegen erektile Dysfunktion in die Freiverkäuflichkeit diskutieren lässt, inklusive der Bedeutung für Patienten und Gesundheitssystem. Interessant ist auch das Format des ethischen Cafés, das von unternehmensfreundlichen Thesen ausgeht. So spricht etwa ein Vertreter des Krankenhauskonzerns Helios zum Thema »Geld verdienen und ein guter Mensch sein«.

Die Themen- und Anbietervielfalt ist groß, und das könnte eines der Probleme der Gesamtveranstaltung sein, die durchaus von großen Nachrichtenagenturen ignoriert wird. Als Kongresspräsident fungiert Karl Max Einhäupl, Neurologe und ehemaliger Charité-Vorstand. Es dürfte unter anderem seiner Bekanntheit zu verdanken sein, dass zur Eröffnung des dreitägigen Kongresses am Mittwoch in Berlin einiges an Prominenz aufgeboten werden konnte.

Einhäupl gibt ein paar Stichpunkte aus der aktuellen Debatte vor: Es fehlen Fachkräfte von der Pflege bis hin zu Ärzten. »Aber in dieser Frage wird es nie wieder, wie es war.« Der Medizin-Veteran weiß, wo es in Zukunft hingehen wird: »Mit weniger Kräften muss mehr Arbeit geleistet werden.« Zielvorstellungen hat er auch in Sachen Krankenhausreform: Es ginge nicht einfach um Schließungen, sondern um mehr Qualität.

Ausführlicher wird Einhäupl, der einst auch Vorsitzender des Wissenschaftsrates war, beim Thema Digitalisierung. Eine große Herausforderung wäre die Mustererkennung in Fächern wie der Radiologie, der Pathologie und der Dermatologie. Hier könnten Fachärzte entlastet werden. Der Neurologe hofft zugleich auf Wearables, die wie Uhren getragen werden und Körperfunktionen registrieren. Sie könnten anhand von Bewegungs- und Sprachmustern die Diagnose von psychischen Krankheiten erleichtern, so die Vorstellung. Auch hier stehen Personalprobleme vor der Tür: Die IT-basierte Molekulardiagnostik, die für immer mehr Therapien nötig ist, bräuchte ebenfalls Spezialisten, die kaum auf dem Arbeitsmarkt verfügbar seien.

Darüber hinaus gerät die Kongresseröffnung zum Schlagabtausch in Sachen Krankenhausreform, in dem der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) pauschal gegen das Prozedere bei der Krankenhausreform austeilt. Nicht überraschend beharrt der Minister auf der Zuständigkeit der Länder für die Klinikplanung und weist darauf hin, dass jede Vergütungsreform des Bundes von den Ländern verfassungsrechtlich geprüft werden könne. Mit populistischer Geste stellt sich Holetschek vor »die Menschen, die täglich in der Praxis ihr Bestes geben«. Krankenhäusern in der Fläche, wo diese Beschäftigten Dienst tun, dürfe man nicht einfach die Qualität absprechen. Andererseits bestreitet auch Holetschek nicht, dass eine Reform nötig sei. Nur dürfe nicht der Bund entscheiden, wo welche Versorgung nötig ist. Eine intelligente Strukturreform müsse mit allen Beteiligten gemacht werden, darunter auch mit den niedergelassenen Ärzten, und das ginge nur im Dialog.

In die Kerbe schlägt auch die Vertreterin der Hausärzte, Nicola Buhlinger-Göpfahrt. Ihre Berufsgruppe hätte in der Pandemie fünf Prozent der Covid-Patienten in Kliniken überwiesen, der Rest sei ambulant versorgt worden. Die Krankenhausreform betreffe alle Sektoren, entsprechend müssten gemeinsame Konzepte entwickelt werden. Stattdessen, so auch ihr Vorwurf, würde über die Hausärzte geredet und nicht mit ihnen. Auch Gerald Gaß von der Deutschen Krankenhausgesellschaft findet den Prozess der Reform »miserabel vom Bund aufgesetzt« und verweist auf den »riesigen Streit zwischen Bund und Ländern«. Er befürchtet, dass die Reform wieder nur kleinteilige Regeln bringe und dennoch »ein ähnliches Durchwursteln wie bisher«.

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