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Ein Turnier wie im Rausch: Volleyballer erreichen Olympia 2024

Deutschen Volleyballern gelingt in Rio de Janeiro sensationell die Olympiaqualifikation

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.
Johannes Tille, Anton Brehme und Georg Grozer (v.l.) waren die Garanten für den deutschen Durchmarsch bei der Olympiaqualifikation.
Johannes Tille, Anton Brehme und Georg Grozer (v.l.) waren die Garanten für den deutschen Durchmarsch bei der Olympiaqualifikation.

Georg Grozer hatte sichtbar Schwierigkeiten, seine Tränen zurückzuhalten. »Man sollte einfach nie aufhören, an seine Träume zu glauben«, sagte der beste deutsche Volleyballer, als er seinen sehnlichsten Wunsch von einer Rückkehr auf die olympische Bühne mit 38 Jahren doch noch verwirklicht hatte. »Wir haben es einfach gemacht – und jetzt fahren wir nach Paris.« 2012 war Grozer in London einmal dabei gewesen, vor den Spielen 2016 und 2021 war er hingegen in Berlin zweimal knapp an den Qualifikations-Turniersiegern Russland und Frankreich gescheitert. Immer wieder stand er danach kurz davor, seine Karriere im Nationalteam zu beenden. Doch jedes Mal kam er zurück. Der Traum vom olympischen Comeback hatte ihn einfach nie losgelassen.

Dass es im Herbst 2023 klappen würde, hatte der Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands allerdings kaum ein Experte noch zugetraut. Zwar wurden diesmal zwei Tickets verteilt, doch beim Olympiasieger von 2016 Brasilien und gegen Weltmeister Italien war Deutschland krasser Außenseiter. Auch Kuba und Iran standen höher in der Weltrangliste. Dann folgte jedoch ein 3:1-Sieg dem nächsten gegen alle vier Favoriten und anschließend zwei 3:0-Erfolge über Tschechien und in der Nacht zum Sonntag gegen Katar. Plötzlich war das Ticket gelöst. »Ich weiß gar nicht, wie wir das in so kurzer Zeit hinbekommen haben. Aber wir haben wirklich gekämpft, wir waren eins«, so Grozer.

Die Verwunderung selbst bei den Protagonisten war verständlich, schließlich lief es im Sommer sehr stockend. Im Anschluss an Rang 15 bei der WM 2022 folgte nun Platz elf in der Nations League und ein enttäuschender neunter Platz bei der EM. »Aber im Sport können schwierige Momente ein Team zusammenschweißen«, erklärte Bundestrainer Michał Winiarski den Durchmarsch durchs Turnier in Rio de Janeiro. »Ich bin so stolz auf die Spieler. Wir mussten uns ständig neu aufstellen, aber das hat uns stärker gemacht.«

Neben der jüngsten Pleitenserie hätte auch der verletzungsbedingte Ausfall von Zuspieler und Kapitän Lukas Kampa im ersten Spiel in Rio dem Team einen Knacks geben können. Doch Johannes Tille vom deutschen Meister Berlin Volleys sprang als neuer Lenker des deutschen Angriffsspiels ein und zeigte keine Angst vor den Meistern auf der anderen Seite des Netzes, egal ob da Brasiliens Superstar Bruno oder Italiens Simone Giannelli standen, die als die besten Zuspieler der Welt gelten.

Tille verhalf nicht nur Grozer zum zwischenzeitlichen Turnierbestwert von 132 Punkten. Er bildete zudem mit Mittelblocker Anton Brehme ein kongeniales Duo im Zentrum. Beide hatten vergangene Saison schon gemeinsam in Berlin brilliert. Kurz vor Brehmes Wechsel in die italienische Spitzenliga nach Modena zeigten beide nun ihr Können noch mal auf internationaler Bühne. Zwei-Meter-Schnellangriffe, über Kopf zugespielt, aus der Feldabwehr heraus, so etwas zeigt kaum ein anderes Duo. »Wir gehören hier definitiv zu den Top-3. Wenn überhaupt noch ein Duo besser ist, dann Bruno und Lucas, die sich seit Jahren in- und auswendig kennen«, sagte Tille noch voller Selbstbewusstsein am Morgen nach dem Erfolg dem »nd«. Brehmes 49 Angriffspunkte waren absoluter Turnierbestwert für alle Mittelblocker. Mit insgesamt 62 Zählern aus Angriff, Block und Aufschlag war er sogar auf einem Level mit Grozer anzusiedeln, da Mittelblocker nur gut die Hälfte der Spielzeit auf dem Feld stehen.

Das vom Weltverband überreichte rote Kuscheltier des Olympiamaskottchens von Paris durfte aber Tille mit ins Hotelbett nehmen. Schon auf dem Feld hatte Grozer den nur 1,84 großen Berliner lange umarmt und sich bei ihm bedankt. »Er sagte mir, wie unglaublich stolz er auf mich ist«, erinnerte sich Tille an den Moment. Stolz und Dank waren wohlverdient, schließlich hatte der Zuspieler im Training immer auf der anderen Seite des Netzes gestanden, während sich Grozer mit Kampa einspielen sollte. Dass es Tille nach Kampas Ausfall trotzdem schaffte, mit dem Star des Teams so gut zu harmonieren, war bemerkenswert – sogar für den 26-Jährigen selbst. »Dass ich nächstes Jahr zu Olympia fahren darf, fühlt sich irgendwie verrückt an«, sagte Tille.

Außer den Altmeistern Grozer, der im November seinen 39. Geburtstag feiern wird, Kampa (36) und Denys Kaliberda (33) wird der Rest des Teams im nächsten Sommer in Paris seine Olympiapremiere feiern. In London hatte es 2012 immerhin zu Platz fünf gereicht. Zwei Jahre später folgte der Höhepunkt jener Generation mit WM-Bronze. Danach aber kam der Absturz. Den neuen Nationalspielern um Tille, Brehme und die Außenangreifer Ruben Schott und Moritz Reichert wurde der Sprung nach ganz oben gar nicht mehr zugetraut. In Rio gelang er nun aber doch. »Das ganze Turnier war wie im Rausch«, sagte der 28-jährige Reichert danach. »Es ist einfach überwältigend.«

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