Berlin-Lichtenberg: Wut und Angst im Hönower Wiesenweg

Wenn Bezirke illegale Trailerparks oder Zeltlager auflösen wollen, braucht es alternativen Wohnraum

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

»Niemand redet mit uns, niemand hilft uns. Jetzt kommt der Winter und wir können nicht heizen. Es ist feucht. Wir haben Kranke und Kinder bei uns.« Eine Bewohnerin des Trailerparks im Hönower Wiesenweg zeigt sich wütend und verzweifelt. Im Lichtenberger Ortsteil Karlshorst wohnen über 200 Menschen in Wohnwagen und Containern und zahlen hohe Mieten dafür. Doch vor zwei Wochen wurde ihnen von der Stromnetz Berlin GmbH der Strom abgedreht und sie befürchten, dass ihnen eine Räumung bevorsteht. Deshalb haben einige Bewohner*innen am Montagabend an einer Podiumsdiskussion über Räumungen von Trailerparks und Camps teilgenommen, organisiert vom Berliner Bündnis gegen Antiziganismus und für Roma*-Empowerment (Bare).

Auf dem Podium fehlten allerdings die Ansprechpartner*innen. So musste die Treptow-Köpenicker Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung Claudia Leistner (Grüne) darauf verweisen, dass der Bezirk Lichtenberg, namentlich Stadtrat Kevin Hönicke (SPD), verantwortlich sei. Sie selbst konnte nur vom Umgang ihres eigenen Bezirks in einer ähnlichen Situation berichten: Derselbe Eigentümer betrieb auch in der Moosstraße in Grünau illegalerweise eine Containersiedlung in unhaltbaren Zuständen. »Der Brandschutz war überhaupt nicht gewährleistet. Es gab eine Rattenplage. Einige der Container hatten keine Fenster«, sagte Leistner.

Der Bezirk beschloss, die Siedlung räumen zu lassen. Doch zuvor seien intensive Gespräche und Unterstützungsangebote an die Bewohner*innen erfolgt. »Wir haben es geschafft, sie in Wohnungen der landeseigenen Wohnungsunternehmen unterzubringen«, so die Bezirksstadträtin. Die ehemaligen Bewohner*innen Frank und Isi bestätigten diese Darstellung. »Nach vielen, vielen Behördengängen hatten wir endlich alle notwendigen Papiere zusammen und haben nun eine Wohnung bekommen«, sagte Frank.

Ähnlich wie in der Moosstraße wurde im Mai auch ein informelles Zeltlager am Hauptbahnhof geräumt, nachdem der Bezirk Mitte eine alternative Unterkunft für die Bewohner*innen organisiert hatte. Dort konnte die Gruppe gemeinsam untergebracht werden und Familien können zusammen wohnen, was ein großer Vorteil gegenüber den meisten Wohnungslosenunterkünften in Berlin ist.

Bobi, ein ehemaliger Bewohner des Zeltlagers, erzählt, dass er seit etwa acht Jahren in Berlin lebe und bislang immer im Zelt gewohnt habe. Dann sei ein Vertreter des Bezirksamts gekommen und habe angeboten, die Gruppe in der Unterkunft unterzubringen. »Ich dachte, er hilft uns dann mit den ganzen Anträgen, um eine Arbeit und Wohnung zu finden. Ich hielt das für eine gute Sache«, so Bobi auf dem Podium. Eine Arbeit habe er gefunden. Allerdings sei der Vertrag auf sechs Monate befristet und nun müsse noch geklärt werden, ob er weiter beschäftigt werde. »Wir sind zufrieden. Alle Kinder gehen zur Schule. Wenn die Kinder zur Schule gehen und wir Arbeit haben, dann wird es uns gut gehen in den nächsten Jahren.«

Währenddessen fühlen sich die Bewohner*innen des Trailerparks in Lichtenberg allein gelassen. »Wir haben alle Mietverträge, wir zahlen den Strom, die meisten von uns haben einen Job«, sagt eine von ihnen. Weder Sozialarbeiter*innen noch Bezirksvertreter*innen seien bislang mit Unterstützungsangeboten auf sie zugekommen. »Die wollen uns in Obdachlosenunterkünfte bringen. Was sollen wir denn da?« Ihre Notlage möchten sie nicht weiter hinnehmen und planen nun, sich tatsächlich an Bezirksstadtrat Kevin Hönicke zu wenden. Das Bündnis Bare wolle dabei unterstützen, sagt Thomas Herr aus der Projektkoordination zu »nd«.

Der Bezirk Lichtenberg ließ eine Anfrage des »nd« bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Auf X (ehemals Twitter) schreibt Hönicke allerdings, das Sozialamt biete den Bewohner*innen an, sie in Unterkünfte zu vermitteln. Auch teilte das Bezirksamt Ende September mit, dass es mit »Mitarbeitenden des Sozial-, Gesundheits- und Jugendamtes sowie des Katastrophenschutzes vor Ort« sei und die »Anwohner*innen bei Bedarf« unterstütze. »Der Eigentümer steht ganz klar in der Verantwortung, illegales Vorgehen zu verhindern und sich um die Menschen, die er dort angesiedelt hat, entsprechend zu kümmern«, äußert sich Hönicke in der Mitteilung.

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