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NSU-Mord an Kiesewetter: BKA könnte Motiv übersehen haben

Die Polizistin Michèle Kiesewetter könnte ein Neonazi-Treffen in einer Gaststätte vereitelt haben

Ein Jahr bevor sie vom selbsternannten »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) in Heilbronn ermordet wurde, hat die Polizistin Michèle Kiesewetter womöglich ein Treffen von Neonazis in einer damaligen Gaststätte in Thüringen verhindert. Das soll aus einem Vermerk hervorgehen, den die Bundestagsabgeordnete Martina Renner in den damaligen Ermittlungsunterlagen gefunden hat und über den das Magazin »MDR Investigativ« berichtet.

Damit hätten die als Täter angesehenen Mitglieder des NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, ein Motiv für den Mord an der Polizistin. Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. hatten den Ermittlungen zufolge mit geöffneten Türen in ihrem Streifenwagen gesessen und eine Pause eingelegt. A. war bei dem Angriff wie Kiesewetter in den Kopf geschossen worden, er überlebte schwer verletzt.

Den Recherchen zufolge existiert in den NSU-Ermittlungsakten eine Zeugenaussage zu einer am 18. März 2006 von der NPD in dem Dorf Lichtenhain organisierten Veranstaltung in der Gaststätte »Zur Bergbahn«. Diese wurde von der Polizei und dem Ordnungsamt aufgelöst. Der Anstoß dazu kam mutmaßlich von Kiesewetter.

Das fragliche Lokal in Lichtenhain liegt nur einen Kilometer von dem Ort Oberweißbach entfernt, in dem Kiesewetter aufgewachsen war. Der Betreiber David F. war offenbar mit Beate Zschäpe befreundet und später auch verpartnert. Nach der Selbstenttarnung des NSU und dem Tod von Mundlos und Böhnhardt wurde Zschäpe als einzig noch lebendes NSU-Mitglied zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA) zufolge hat Kiesewetter in der Woche, in der das Treffen in der Gaststätte stattfinden sollte, eine Woche dienstfrei gehabt. Ob sie an dem Tag in Oberweißbach oder Lichtenhain war, ließ sich aber nicht mehr feststellen.

Die Linke-Abgeordnete Renner fragt nun, warum dem Vermerk in den polizeilichen Ermittlungen nicht nachgegangen worden sei. Auch in den Untersuchungsausschüssen sei dieser nicht bekannt gewesen. Der Generalbundesanwalt teilte »MDR Investigativ« dazu mit, das BKA habe den Hinweis damals verfolgt, aber »keine tatrelevanten Ermittlungsansätze« gefunden. Weder der Gaststättenbesitzer F. noch der als NSU-Helfer verurteilte Ralf Wohlleben hätten zu einem möglichen Einfluss Kiesewetters zur Verhinderung der NPD-Veranstaltung ausgesagt.

Der 2007 begangene Mord an Michèle Kiesewetter war der letzte von insgesamt zehn Morden des NSU. Um diese Taten sowie 15 Raubüberfälle und drei Bombenanschläge des Trios aufzuklären, hatten verschiedene Landesparlamente sowie der Bundestag 15 Untersuchungsausschüsse eingerichtet. Dort setzte sich wie auch im NSU-Prozess die These durch, dass der Mord an der Polizistin Kiesewetter zur Waffenbeschaffung gedient haben könnte. Spekuliert wurde auch, ob sie und ihr Kollege »Zufallsopfer« des NSU gewesen sein könnten.

Womöglich war der NSU bei dem Mord an Kiesewetter aber auch zu dritt: In den Überresten des von Zschäpe durch eine Explosion zerstörten NSU-Wohnhauses in Zwickau fand die Polizei eine graue Jogginghose, auf der winzige Blutspritzer von Kiesewetter festgestellt wurden. Einem Gutachten zufolge hat eine dritte Person, also nicht Böhnhardt und Mundlos, die Hose getragen und damit während der Schüsse auf Kiesewetter und ihren Kollegen neben oder hinter dem Mörder gestanden.

Das Gericht zollte dem Gutachten aber keine Aufmerksamkeit, obwohl Zschäpe die dritte Person in Heilbronn gewesen sein könnte: Es ist immer noch unklar, wo sich Zschäpe am Tattag aufgehalten hatte.

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