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Holocaust-Überlebende: Nur sie allein

In Israel gab es 2021 einen Schönheitswettbewerb für Frauen, die den Holocaust überlebt haben – Radek Wegrzyn hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.
Sie spielen mit, wenn auch unter Vorbehalt: Die Frauen beim Wettbewerb »Miss Holocaust Survivor«
Sie spielen mit, wenn auch unter Vorbehalt: Die Frauen beim Wettbewerb »Miss Holocaust Survivor«

Ein Schönheitswettbewerb mit überlebenden Frauen des Holocaust? Einigen ging das in Israel zu weit. Colette Avital, Vorsitzende aller Holocaust-Organisationen, nannte dies eine »makabre Veranstaltung«. Tatsächlich wirkt der Titel »Miss Holocaust Survivor« wie ein sehr schlechter Scherz. Doch in unserer medialen Wirklichkeit scheint Aufmerksamkeit die einzige Währung zu sein, die zählt. Und so war der heftig umstrittene Wettbewerb zur »Miss Holocaust Survivor« 2021 in Israel aller Munde – und in den Schlagzeilen. Brauchte es solch eine fragwürdige Werbung? Einerseits natürlich nicht, andererseits lebt ein Viertel aller Holocaustüberlebenden in Israel unterhalb der Armutsgrenze. Auch darauf galt es mit den wiederholten Wettbewerben aufmerksam zu machen – notfalls mit dem schrillen Mittel einer solch offenkundigen Geschmacklosigkeit.

Sieht man die Dokumentation von Radek Wegrzyn, der die Vorbereitungen des Wettbewerbs in Haifa mit der Kamera begleitete, rückt dies auch die schiefen Worte der Therapeutin Izabela Grinberg, die den Wettbewerb erfand, wieder zurecht. Sie hatte gesagt, sie wolle »das Schwarz-Weiß der Vergangenheit mit ein bisschen Farbe der Gegenwart auflockern«. Das klingt gefährlich naiv. Doch die zwölf Frauen, die die Probe auf diese makabre Ankündigung machen sollen, unterlaufen sie souverän mit ihren eigenen Geschichten.

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Was den Film also rettet, sind die Lebensgeschichten der zwölf Frauen, die beim Wettbewerb auftreten. Sie erzählen sie dem Regisseur wie nebenbei in Pausen während der Proben zum Auftritt bei »Miss Holocaust Survivor«, der glücklicherweise immer mehr in den Hintergrund rückt. Sie sind keineswegs naiv, aber besitzen genug Lebensklugheit, sich auch auf solch absurde Szenerien einlassen zu können, ohne sich dabei verleugnen zu müssen.

Diese zwölf haben zudem das – fragwürdige – Glück, in einem recht komfortablen Heim für Shoah-Überlebende wohnen zu können, das von evangelikalen Christen finanziert wird. Von denen haben einige obskure Vorstellungen über die Rolle der Juden in der Geschichte, so wie John Hage, der Gründer der Organisation »Christians United for Israel«, der Hitler als Teil des »göttlichen Plans« zur Gründung eines Staates der Juden interpretiert. Aber diejenigen, die hier wohnen, nehmen solchen Unsinn gelassen. Sie haben in ihrem Leben so viel Schreckliches erlebt, dass man ihnen über die Absurditäten von Geschichte nichts Neues mehr sagen kann. Ob man überlebt hat oder nicht, das sei im Grunde bloßer Zufall gewesen, so ihr Fazit.

Doch was folgt daraus? Zuerst, dass sie das Recht haben, sich auf eine Weise zu amüsieren, über die sie nur allein und niemand anders entscheidet. Sie haben überlebt, später dann geheiratet, viel gearbeitet, Kinder, Enkel, Urenkel bekommen. Da war keine Zeit zurückzuschauen, sagen sie, sie brauchten all ihre Kraft für den Alltag. Ist Überleben nicht auch ein Grund zur Freude? Nein, sagen sie, es ist vor allem eine Bürde angesichts der vielen Getöteten. Viele Jahre lang hätten sie gar nichts empfunden, weder Glück noch Schmerz, seien sie innerlich wie abgestorben gewesen. Erst jetzt im hohen Alter sei das anders geworden. Da wollen sie beides zulassen, Glück ebenso wie den Schmerz.

Was für Biografien! Rita Kasimow-Brown etwa ist Malerin, lehrte Philosophie und Psychologie und arbeitete als Psychotherapeutin. Mit Mitte achtzig trägt sie die grau-blonden langen Haare offen und hat die Sonnenbrille ins Haar hochgeschoben. Eine moderne Frau in jeder Hinsicht. Aber sie ist nur da, weil ihr Vater die Familie in einer Höhle versteckte, die sie unter dem Stall eines polnischen Bauern gruben. Neunzehn Monate harrten sie in dem dunklen Erdloch aus. Einmal aber hielt es Rita nicht mehr aus und sie schluckte alle Knöpfe ihrer Kleidung, um zu sterben. Aber sie überlebte. Als das Mädchen endlich ins Freie durfte, da konnte es nicht mehr laufen. Die Beine trugen sie nicht mehr. Nach dem Krieg ging sie in die USA und 1974 nach Israel. Sie berichtet, wie sie Wim Wenders’ Film »Der Himmel über Berlin« beeindruckt habe, in dem zwei Engel das Leben der Menschen in Westberlin beobachten. Was sind Engel, habe sie sich danach gefragt. Es sind jene Wesen, die kein Leid empfinden können. Sie wissen zwar, dass ihnen etwas fehlt, aber können es nicht empfinden. Wir aber, so Rita, sind vom Himmel gefallen, sind keine Engel mehr und müssen mit Freude ebenso wie mit Leid leben.

Oder Tova, die bereits 95 Jahre alt ist und Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hat. Täglich trainiert sie eine Stunde mit Hanteln und geht mindestens vier Kilometer. Stark bleiben, so lautet ihre Lebensmaxime nach dem Holocaust. Nie mehr schwach, nie mehr Opfer sein. Sie ist stolz darauf, dass sie dem Staat »acht Soldatinnen und Soldaten« geschenkt hat. Ihre Kinder sollen Israel jederzeit verteidigen. Wie sie wohl das Massaker der Hamas an friedlichen Kibbuz-Bewohnern oder den bestialischen Überfall auf ein Musikfestival empfunden hat? Hat dies ihre Idee des starken Israels zerstört, das sich gegen alle seine Feinde, notfalls militärisch, behaupten kann?

Alle diese zwölf Frauen sind streitbar und wollen in einem liberalen Land leben. Orthodoxie ist für sie keine Option. Auch deshalb machen sie mit beim »Miss Holocaust Survivor«-Contest in Haifa. Sie sorgen mit ihrer Präsenz schon dafür, dass es nicht ohne Hintersinn über die Bühne geht. Wer wird von ihnen gewinnen, wer ist die Schönste? Über diese Infantilität sind sie längst hinaus. Und dennoch spielen sie mit, wenn auch unter Vorbehalt. Gewinnt vielleicht die ausgeprägteste Persönlichkeit, Rita also, oder sie alle zwölf? Und so gehen sie, in aller selbstironischen Distanz und doch ganz bei sich selbst, zur Musik von Gloria Gaynors »I Will Survive« auf die Bühne. Erstaunlicherweise wirkt es nun sehr selbstverständlich.

Sie lassen es sich nicht aus der Hand nehmen, dies ist ihre Show und das zeigen sie – genießen es für Momente, die Bühne für sich zu haben, jetzt im hohen Alter. Sie wissen, dass auch dies etwas Absurdes hat, doch ebenso, dass man es bejahen muss, will man zugleich zurück und nach vorn schauen, ohne zu verzweifeln.

»Miss Holocaust Survivor«, Deutschland 2023. Regie: Radek Wegrzyn. 90 Min. Läuft im Kino.

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