»The Quiet Girl«: Liebe ist ... ein Kimberley-Keks

In »The Quiet Girl« beweist Regisseur Colm Bairéad, dass grandiose Filme nicht viele Worte brauchen

  • Christin Odoj
  • Lesedauer: 6 Min.
Cáit (Catherine Clinch) blüht in der neuen Umgebung ihrer Pflegefamilie auf und erfährt das erste Mal, was Zuneigung ist.
Cáit (Catherine Clinch) blüht in der neuen Umgebung ihrer Pflegefamilie auf und erfährt das erste Mal, was Zuneigung ist.

Es gibt Filme, deren Essenz sich in einer einzigen Szene zeigt. So ein Film ist »The Quiet Girl« des irischen Regisseurs Colm Bairéad. Die ganze Poesie und Feinfühligkeit des Drehbuchs (ebenfalls Colm Bairéad) steckt in einer Szene, in der es um einen Keks geht. Genauer gesagt, um einen Kimberley-Keks, in Irland ein Grundnahrungsmittel. Oben zwei Biscuit-Scheiben, in der Mitte Schaumfüllung, natürlich Ingwer-Geschmack. Der Keks drückt in dieser Szene aus, wozu Sprache nicht in der Lage ist: Es tut mir leid. Ich sehe dich. Du bist mir wichtig.

Und so ist »The Quiet Girl« ein Film, in dem es 94 Minuten um die verschiedenen Arten von Schweigen geht. Das klingt anstrengend. Aber Bairéad macht aus seinem ersten Spielfilm kein kryptisches Schwarz-Weiß-Drama und erhebt Unzugänglichkeit zur Pose, um den Jurys weltweiter Arthouse-Preisverleihungen klarzumachen, dass es sich hier um einen künstlerisch wirklich sehr sehr sehr wertvollen Film handelt. Colm Bairéad ist einfach ein grandioser Beobachter dessen, was sich Leben nennt.

Die neunjährige Cáit (Catherine Clinch, wohl die schauspielerische Entdeckung des Jahres) lebt in einer Familie, die von ihren Lebensumständen gebeutelt ist. Die überforderte Mehrfach-Mutter (Kate Nic Chonaonaigh), die bereits mit dem nächsten Kind schwanger ist, kann sich von ihrem versoffenen, komplett gefühlsklotzigen Ehemann (Michael Patric) sicherlich keinen (seelischen) Halt versprechen. Und so geben die Eltern Cáit, um nicht vollends den Kopf zu verlieren, kurzerhand zur Cousine der Mutter, zumindest, bis das Baby da ist.

Kinder sind für die prekär lebenden Landarbeiter ein reiner Kostenfaktor. Die Farm, die die Familie bewirtschaftet, kann sie nur schwerlich satt machen, Geld bringt sie schon gar keins ein. Von den Wänden des Hauses blättert die Tapete, jeden Lichtstrahl scheint die heruntergekommene Einrichtung komplett zu absorbieren. Man riecht förmlich die nasse Kälte und den Schimmel in ihrem Haus. Irland in den 1980er Jahren unterscheidet sich zumindest in der Schicht, in der Cáit aufwächst, nicht so sehr vom verarmten Irland des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Alltag lässt hier keine Zeit für Gute-Nacht-Geschichten und warmen Kakao. Die Kinder müssen funktionieren, wenn sie einem schon die Haare vom Kopf fressen. Das sind die Umstände, in denen Cáit und ihre Geschwister aufwachsen.

Wie eine andere Welt kommt ihr dann der bescheidene Wohlstand ihrer Tante Eibhlín (Carrie Crowley) vor, die zusammen mit ihrem Mann Séan (Andrew Bennett) einen Rinderbetrieb führt. Die beiden leben nur zu zweit und nehmen Cáit sehr herzlich bei sich auf. Obwohl Séan anfangs überaus reserviert auf die neue Pflegetochter reagiert und schlagartig den Raum verlässt, sobald er mit ihr allein ist, taut der grimmige alte Mann mit der Zeit auf und es kommt zu dieser überaus berührenden Keks-Szene, nachdem Cáit auf dem Hofgelände einfach verschwindet – weil sie ein Kind und daher neugierig ist und sich in der neuen, warmherzigen Umgebung traut, aus ihrem Korsett, gemacht aus Unterordnung und Bestrafung, auszubrechen. Séan findet sie unbeschadet im Stall wieder, wird ihr gegenüber aber laut aus Sorge, ihr hätte etwas passieren können.

Dieser Film braucht keine Worte, um zu beschreiben, was die einzelnen Charaktere ausmacht, sondern das ergibt sich aus ihrem Handeln (oder ihrer Stille). Séan legt Cáit nach dem Vorfall wortlos eben jenen Kimberley-Keks auf den Tisch und geht aus der Küche. Man weiß sofort, was dieser Keks bedeutet.

»The Quiet Girl«, der auf der Novelle »Foster« (pflegen, fördern) von Claire Keegan basiert, ist einer dieser Filme, deren Qualität sich daran bemisst, dass er nicht versucht, schlauer als die Zuschauer*innen zu sein, sondern auf kollektive Erinnerungen setzt. Bairéad gelingt es, eine universelle Sprache für den Film zu finden, und diese ist das Schweigen, entweder aus Schmerz, aus Scham, aus Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, aus Trauer oder aus Glück. Er speist sich aus dem, was wir in unserer Kindheit über das Menschsein lernen.

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Wenn Cáit in der Schule kaum einen Satz richtig vorlesen kann, dann weiß man, warum. Dazu braucht es keine Elternabend-Szene, in der die übermüdete und abgearbeitete Mutter zum Gespräch gebeten wird, um ihr mitzuteilen, dass sie ihr Kind vernachlässigt. Wenn sich Séan in einer Szene zu Cáit setzt und ihr zeigt, dass sie den Zeigefinger beim Lesen der Buchstaben zu Hilfe nehmen soll, um sich besser zu konzentrieren, dann sagt das alles.

In weniger präzise inszenierten Filmen löst Sprache, was die Handlung nicht zu vermitteln vermag, in »The Quiet Girl« merkt der Zuschauende schon an der Art, wie Cáit in eine Badewanne steigt, dass sie noch nie in einer solchen gesessen hat. Wenn anhand des Lichteinfalls im Badezimmer klar wird, wo die Warmherzigkeit zu Hause ist (Kamera Kate McCullough) und wo die vom Alltag überforderte Kälte, dann ist das mehr wert als jeder Dialog.

Der Film lebt davon, dass über die wirklichen Dramen nicht gesprochen wird, man erfährt von ihnen durch den Schmerz, der permanent präsent ist, aber keine wirkliche Verbalisierung findet. Man spürt den Schmerz durch das Schweigen zweier Eltern am Ende eines harten Tages, während sie im Auto sitzen, man erfährt ihn dann, wenn Eibhlín liebevoll durch Cáits schier unendlich lange Haare kämmt, wie sie das Badewasser testet, bevor Cáit ins Wasser steigt, man riecht den Schmerz förmlich, wenn Cáit den Kopf beim Vorlesen auf Eibhlíns Brust liegt und man sich vorstellt, wie dieser Kinderkopfgeruch ihr in die Nase steigt. All das sind Zeugnisse der Vergänglichkeit.

Zwischen den dreien entsteht in kurzer Zeit das, was eine Familie miteinander verbindet. Es sind nonverbale Codes, die nur in dieser kleinen Gemeinschaft entstehen, es sind die Erinnerungen, die nur innerhalb dieses Kreises an Wert gewinnen, weil sie mit sonst niemandem geteilt werden.

Bairéads Drehbuch ist nicht handlungs- sondern assoziationsgetrieben, und daraus entwickelt es eine so große emotionale Stärke, dass »The Quiet Girl«, der in diesem Jahr für den Auslands-Oscar nominiert war und 2022 auf der Berlinale lief, wohl zu einem der berührendsten Filme des ausgehenden Kinojahres zählt. Nicht zuletzt, weil die noch so junge Catherine Clinch, die hier in ihrer ersten Rolle überhaupt zu sehen ist, diesen Film mit ihrer fragilen Interpretation der schüchternen, aber schlauen Cáit dominiert. Man spürt in ihrer Körperhaltung, in ihren Blicken, wie die Figur immer mehr an Selbstbewusstsein gewinnt, allein dadurch, dass man sich ihr zuwendet, sie überhaupt beachtet, anstatt sie mit Beleidigungen zu überziehen (»die Rumtreiberin«) oder sie gleich ganz zu ignorieren.

Unweigerlich denkt man oft während des Films an Bettina Wegners »Kinder – Sind so kleine Hände«. Die Tränen – es sind nicht wenige – am Ende des Films trocknen nur langsam.

»The Quiet Girl«, Irland 2022, Regie und Drehbuch: Colm Bairéad. Mit: Carrie Crowley, Andrew Bennett, Catherine Clinch, Michael Patric, Kate Nic Chonaonaig. 94 Minuten, Start: 16.11.

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