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U17-Weltmeistertrainer Wück: »Die Klubs müssen jetzt Wege finden«

Christian Wück fordert von den Vereinen, den U17-Weltmeistern zu vertrauen und die DFB-Nachwuchsreform umzusetzen

  • Interview: Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Die deutschen U17-Weltmeister ließen überraschend ihren Trainer Christian Wück (M.) als Ersten den Pokal in den Himmel über Surakarta strecken.
Die deutschen U17-Weltmeister ließen überraschend ihren Trainer Christian Wück (M.) als Ersten den Pokal in den Himmel über Surakarta strecken.
Interview

Christian Wück schaffte als Fußballprofi den Aufstieg in die Bundes­liga. Er spielte in Nürnberg, Karlsruhe, Wolfsburg und Bielefeld. Trotz 14 Spielen für die U21-Nationalmannschaft schaffte er nie den Sprung ins A-Team. Den wünscht er nun den von ihm zum Titel geführten U17-Weltmeistern. Es war der größte Erfolg Wücks, der schon seit elf Jahren verschiedene Nachwuchsteams des DFB betreut.

Was dachten Sie, als die deutschen U17-Weltmeister den Pokal bei der Siegerehrung sofort an Sie übergeben haben?

Das war sensationell. Ich stand ja in der hinteren Reihe und hatte gehofft, dass ich irgendwann auch drankomme. Wir haben drei Jahre lang eine gemeinsame Reise unternommen, bei der sich jeder Einzelne auch charakterlich entwickelt hat. Es war eine außergewöhnliche Zeit, weil wir eine Entwicklung hingelegt haben, die in diesem Weltmeistertitel gipfelte. Man realisiert langsam, dass die gewonnene Europameisterschaft im Juni nur ein Zwischenziel war. Die Freude wird sicherlich noch größer werden. Das ist etwas Einmaliges. Ich gebe diese Mannschaft wirklich nur ungern ab. Aber Hanno Balitsch wird ihnen bei der U18 neue Impulse geben können, davon bin ich überzeugt.

Ihr Spieler Paris Brunner hat auf der Bühne zur WM-Party gesagt: »Was in Indonesien passiert, bleibt in Indonesien.« Wie haben Sie die Feierlichkeiten erlebt?

Aus diesem Grund war ich nicht dabei – die Jungs sollten sich austoben und das Ganze genießen. Das Wichtigste: Es waren alle pünktlich zur Busabfahrt wieder da. (lacht) Ich glaube, ich habe mich nach dem EM-Finale mehr gefreut als diesmal. Nach dem WM-Endspiel war es mehr eine tiefe Zufriedenheit. Ich bin auch unfassbar stolz auf das Team um mich herum: Wir hatten zwei Ärzte und drei Physiotherapeuten dabei. Die haben gefühlt 24 Stunden am Tag jede Woche gearbeitet. Wir haben den Jungs im Vorfeld gesagt, dass wir ihnen bei den besonderen Bedingungen in Indonesien garantieren, dass sie fit sind. Wir hatten ja immer nur zwei Tage Pause zwischen den Spielen und sind mit Ausfällen und Krankheiten klargekommen.

Brunner ist zum besten Spieler der EM und WM gewählt worden, hatte aber bei Borussia Dortmund offenbar einige Probleme. Sonst wäre er im Oktober nicht aus disziplinarischen Gründen suspendiert worden. Wie sind Sie mit einem solchen Spielertyp umgegangen?

Paris Brunner kann Spiele allein entscheiden. Er ist ein Individualist – und genau solche Spieler brauchen wir ja. Ich habe ihm im Vorfeld gesagt, er soll diese Individualität auf dem Platz zeigen, muss sich aber auch bewusst sein, dass er nur mit einer Mannschaft gewinnen kann. Er wird das ohne die anderen nicht schaffen. Das hat er hinbekommen und uns sehr geholfen, aber er hat auch das erste Gegentor gegen Argentinien verschuldet. Auch Paris muss noch lernen. Er ist noch mittendrin in seiner Entwicklung.

Anderen Spielern wird wie ihm eine Karriere in der A-Nationalmannschaft zugetraut. Was muss als Nächstes passieren?

Jeder hat in diesem Bereich das Ziel, Profi zu werden. Ich habe den Spielern gesagt, der nächste Schritt muss von ihnen kommen und in den Vereinen stattfinden. Die Klubs müssen Mittel und Wege finden, ihnen Spielzeit auf höchstem Niveau zu geben. Das ist unser Nadelöhr in Deutschland. Wir haben genügend Talente, aber wir bekommen es momentan nicht hin, den Jungs im Übergangsbereich ausreichend Spielzeit zu geben. Wir schaffen das nicht in der Bundesliga, nicht in der 2. Liga und in der 3. Liga auch nicht. Mein ehemaliger Mitspieler Manfred Schwabl hat gesagt, wir müssten uns eigentlich dafür schämen, weil wir ja gute Spieler haben. Engländer, Franzosen, Spanier: Alle kriegen es hin – nur wir nicht.

Woran liegt das konkret?

Man muss den Jungs wirklich Vertrauen geben. Das war das große Plus in unserem Team: Wir haben den Spielern vertraut, sie haben uns vertraut. Ich glaube, dieses Vertrauen haben die Profivereine nicht. Die Frage ist, warum nicht. Beim FC Barcelona spielen zwei Akteure aus dem 2006er-Jahrgang in der ersten Mannschaft. Ohne gute Ausbildung, ohne gute Talente werden die A-Nationalmannschaft und die U21 nicht gefüttert mit jungen Spielern. Das würde ich mir in Deutschland vermehrt wünschen.

Ihr Jahrgang ist im Grunde noch nach den alten Prinzipien der Nachwuchsförderung ausgebildet und so gut geworden. Braucht es überhaupt die Nachwuchsreform, wenn solche Talente herauskommen?

Ja. Kurz und knapp.

Und wie lautet die Begründung?

Weil wir uns beim DFB täglich darüber Gedanken machen, wie wir mehr Talente entwickeln können. Das Zwei-gegen-zwei, Drei-gegen-drei, Vier-gegen-vier ist einfach elementar wichtig, um Jungs und Mädchen künftig offensiv und defensiv besser auszubilden.

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