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  • »Die Menschen vom Himmel«

Die Stadt des weißen Mannes

Agitprop kann auch gut sein: John Sanfords wiederentdeckter Roman »Die Menschen vom Himmel« von 1943

  • Frank Schäfer
  • Lesedauer: 6 Min.
Kann und wird die Kommunistische Partei USA den Schwarzen helfen - oder helfen sie der Partei, klar zu sehen?
Kann und wird die Kommunistische Partei USA den Schwarzen helfen - oder helfen sie der Partei, klar zu sehen?

Dieser Roman ist von 1943. Er heißt »Die Menschen vom Himmel« und läuft auf eine beinahe spätwesternliche Duell-Szene hinaus, in der Eli Bishop, der teuflische Verführer der All-American-Kleinstadt Warrensburg, zu triumphieren droht. Zuvor hat er immer wieder sein rassistisches Gift ausgeträufelt, bis die Bewohner so kontaminiert sind und moralisch auf den Hund gekommen, dass sie ihm seinen Willen erfüllen – beinahe. »Das hier war mal eine Stadt des weißen Mannes«, endet Bishop seinen letzten Monolog, »und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie wieder ganz und gar weiß ist.«

Der »Indianer«, die »Nigger-Frau«, »der Mischlingsjunge des Indianers« und natürlich der »Hurensohn von einem Juden« sollen in einer Prozession der Schande die Stadt verlassen, das ist sein Wille, doch dann setzt ausgerechnet die schwarze Frau, der man den sprechenden Namen America Smith gibt, diesem Spuk ein Ende. Mit roher Gewalt, zu der die Intellektuellen, der Prediger und der Arzt zumal, sich zuvor nicht aufraffen konnten.

Wenn man John Sanfords »Die Menschen vom Himmel« etwas vorwerfen kann, dann seine deutliche Tendenz. Kein Wunder, Sanford war Mitglied der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA), wenn auch nicht sehr doktrinenfest. Ihn langweilte marxistische Theorie, er war ganz einfach auf der Seite der Unterprivilegierten, Ausgestoßenen und Verlorenen – welcher anderen Partei sollte man da sonst angehören? Die CPUSA allerdings versuchte das Buch zu verhindern, weil man befürchtete, es werde allenfalls die Black Community in Unruhe versetzen, und so eine Teil-Revolte sei zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Immerhin, die Partei traute ihm einiges an Wirkung zu.

Tatsächlich ist »Die Menschen vom Himmel« ein Agitprop-Roman erster Güte. Sanford will literarisch beweisen, dass die jahrhundertelange Eroberungs-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsgeschichte Amerikas keineswegs ein Ende gefunden hat. Die damit einhergehenden chauvinistischen und rassistischen Haltungen haben sich so tief eingebrannt im unhinterfragten Alltagswissen der Menschen, dass sich ihr Gewaltpotenzial jederzeit wieder mobilisieren lässt.

Bemerkenswerterweise schmälern die etwas zu offensichtlichen Einflüsterungen, was man als Leser meinen und denken soll, die literarische Qualität dieses Romans nur marginal. Sanford hat nämlich sowohl sprachlich als auch narrativ noch viel mehr zu bieten. »Die Menschen vom Himmel« ist in die Breite erzählt, Sanford ruft ein umfangreiches Figurenarsenal auf und lässt seine Protagonisten in kurzen, dialogreichen Szenen agieren. Seine einjährige Arbeit als Drehbuchautor in Hollywood scheint in der Romanstruktur nachzuwirken. Aber die Form besitzt eben auch ihre ästhetische Notwendigkeit. Auf diese Weise kann er das Soziotop quasi von innen ausleuchten.

Miteinander im Gespräch zeigen die Menschen, wes Geistes Kind sie sind. Und so formt sich aus vielen kleinen Anekdoten, angedeuteten Skandälchen, Lästereien und Gerüchten ein durchaus plastisches Bild einer durchschnittlichen Kleinstadt in den Adirondack Mountains, New York.

Die Geschichte spielt also im Nordosten, auch das hat seinen Sinn: Es sind eben keine konförderierten Ex-Sklavenhalter, die sich hier verführen lassen, sondern Nordstaatler. Der ebenso kauzige wie prinzipienfeste Greis Little Johnny Littlejohn muss sich dann auch schwer wundern, als ihm sein Pfleger erzählt, »die Stadt« wolle, dass die »Nigger-Frau« verschwinde. »Ein halbes Glas warme Milch traf den Pfleger ins Gesicht. ›Herrgott im Himmel!‹, sagte der alte Mann. ›Ich sagte, der Süden hat diesen Krieg verloren!‹.«

Sanford kontrastiert die locker verbundenen Kleinstadt-Szenen mit Episoden aus der gewalttätigen US-Geschichte, die er mit beißendem Sarkasmus umdeutet und die sich auch stilistisch durch ihre gebundene Sprache unterscheiden. So zeichnet er noch einmal die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus nach, auf die dann auch der Titel zurückgeht. Die Indigenen sehen ihre Prophezeiungen erfüllt und halten die Fremden für »Menschen vom Himmel«. Aber bald schon stellen sie sich die Frage: »Wenn die hier wirklich Menschen vom Himmel sind, / warum kennen sie sich so Gott verdammt gut mit der Hölle aus?«

Diese Hölle paraphrasieren weitere Erzählgedichte über die Slaventransporte oder über die Hexenverbrennungen von Salem. Die Klage kulminiert im desillusionierten Monolog der Häuptlingstochter Pokahontas. »Warum, mein Volk, warum haben wir sie nicht vernichtet?« Sie selbst hat ihnen bekanntlich geholfen, Fuß zu fassen, und verzweifelt nun daran.

Diese sprachlich vielseitige Roman-Collage verlangt dem Leser schon etwas mehr Aufmerksamkeit ab als der handelsübliche 300-seitige Pageturner der Saison, aber Sanford zahlt es einem in mehrfacher Hinsicht zurück. Die vielen Lücken und Auslassungen im Text erzeugen einen Sog, weil man wie in einem Detektivroman nach den Hinweisen sucht, um sie auszufüllen. So ist dieser Roman gerade wegen seiner experimentellen Form durchaus spannend. Vor allem aber besticht er durch seine formale Souveränität und Wandlungsfähigkeit, mit der Sanford zwischen den unterschiedlichen Stilregistern hin und her blendet. Die hasserfüllten Invektiven eines in der Wolle gefärbten Rassisten imaginiert er genauso plausibel wie das rhetorisch gewiefte, an einen klassischen Dramentext gemahnende Streitgespräch der Intellektuellen, die wissen, dass sie eigentlich etwas unternehmen müssten gegen den Demagogen Eli Bishop, aber eben doch wieder nur reden.

Dazwischen setzt der Autor dann immer wieder kleine Beschreibungspreziosen, die deutlich machen, warum er in Hollywood nicht glücklich werden konnte. »Als die Tür aufgemacht wurde, kam der Wind hinein, und mit dem Wind der kalte Frühlingsregen. Der Rauch in der Luft wurde wie Heu zu Ballen verwirbelt, und von Wand zu Wand schwang der Schatten einer schaukelnden Hängelampe synkopisch. Und dann wurde die Tür geschlossen und der feuchte Wind ausgesperrt, und während der Rauch sich ausdehnte, pendelte die Lampe langsam aus und kam zur Ruhe. Wassertropfen liefen am Mantel der Frau hinab, klammerten sich einen Augenblick an die Fasern des Saums, glänzten und fielen zu Boden.« So kündigt Sanford den Auftritt seiner Protagonistin America Smith an. Das ist nicht nur eine expressive, in seiner Bildhaftigkeit überzeugende Darstellung des Moments, sondern auch eine symbolisch chiffrierte Vorausdeutung auf das, was im folgenden der Plot erst noch auserzählen muss. Am Ende sind es Tränen und Blut, die hinabrinnen. »Die Menschen vom Himmel« gehört zu den gar nicht so häufigen Tendenzwerken, die auch ästhetisch voll überzeugen.

John Sanford starb 2003. Er wurde 1904 als Julian Shapiro in New York geboren und änderte als Jude in den 30er Jahren auf Geheiß seines Schriftstellerfreundes und Mentors Nathaniel West seinen Namen, um sich nicht vom subkutanen Antisemitismus in der Verlagswelt die Karriere versauen zu lassen. Er wusste genau, wovon er spricht, wenn auch der »Hurensohn von einem Juden« aus der Stadt vertrieben werden soll.

John Sanford: Die Menschen vom Himmel. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel. Mit einem Nachwort von Jack Mearns. Edition Tiamat, 280 S., br., 30 €.

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