Gaza-Krieg: Journalisten wegen Kameradrohne getötet

US-Magazin sieht Belege für gezielte israelische Angriffe auf die Presse

  • Matthias Monroy
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Auto, in dem Hamza Al-Dahdouh und Mustafa Thuraya bei ihrer Rückkehr nach Rafah durch eine israelische Rakete getötet wurden
Das Auto, in dem Hamza Al-Dahdouh und Mustafa Thuraya bei ihrer Rückkehr nach Rafah durch eine israelische Rakete getötet wurden

Verschiedene Experten bezweifeln, dass ein Dokument, das Israels Militär zur Rechtfertigung der Tötung von zwei palästinensischen Journalisten präsentiert hat, authentisch ist. Ein von der Armee hierzu auf dem Kurznachrichtendienst X veröffentlichtes Papier, das angeblich vom Islamischen Dschihad in Palästina (PIJ) stammen soll, ist teilweise auf Englisch verfasst. Zwei von der britischen BBC befragte »regionale Experten« halten dies jedoch für »ungewöhnlich«. Ein Forscher aus Frankreich, der seit Jahren zum PIJ recherchiert, hat die Kombination aus englischem und arabischem Text bei der Organisation »noch nie gesehen«, zitiert ihn der Sender.

Die israelische Luftwaffe hatte das Auto von Mustafa Thuraya und Hamza al-Dahdouh vor einer Woche in der Grenzstadt Rafah mit einer Rakete beschossen, beide starben noch am Ort des Angriffs. Ein mitfahrender dritter Journalist wurde schwer verletzt. Zur Begründung sagte das Militär zunächst, ein »Terrorist« habe aus dem Fahrzeug heraus eine kleine Drohne gesteuert, davon hätten sich israelische Einheiten »bedroht« gefühlt. Das erklärt jedoch nicht, wieso das Auto beschossen wurde, nachdem die Insassen bereits auf der Rückfahrt und in Rafah angekommen waren.

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Al-Dahdouh arbeitete als Journalist und Kameramann für den in Katar ansässigen Nachrichtensender Al Jazeera, Thuraya war freiberuflicher Videofilmer. Der US-Sender NBC berichtete, dass die beiden vor ihrem Tod mit der Kameradrohne Aufnahmen von Zerstörungen nach israelischen Bombardements gemacht hatten.

Laut dem israelischen Militär soll Thuraya vor einigen Jahren »Mitglied der Gaza-Stadt-Brigade der Hamas« gewesen sein. Beweise dafür liefert ein Sprecher auch auf Nachfrage der BBC nicht. Zu al-Dahdouh schreibt die Armee auf X, dieser habe eine führende Rolle in der »Elektronikeinheit« des PIJ gespielt und sei früher der Kommandeur einer Raketenanlage gewesen. Das veröffentlichte Dokument soll dies belegen.

Die vom BBC befragte Familie al-Dahdouh nennt die angeblichen Beweise für terroristische Aktivitäten der Journalisten »israelische Erfindungen«. Auch der Cousin von Thuraya sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Behauptung des Militärs sei falsch. »Er war ein ehrgeiziger und professioneller junger Mann, der unter Journalisten für seine Arbeit bekannt war.« Seine Luftbilder hatte Thuraya an internationale Agenturen verkauft.

Al Jazeera, für den al-Dahdouh gearbeitet hatte, verurteilte die israelischen Ausführungen als »falsche und irreführende Versuche, die Ermordung unserer Kollegen zu rechtfertigen«. Der Kameramann sei getötet worden, weil er »Licht auf Ereignisse geworfen hat, die die israelische Armee lieber im Dunkeln gelassen hätte«. Israel nehme Dahdouhs Familie »systematisch ins Visier«, heißt es weiter.

Hamza Dahdouhs Vater Wael ist der Leiter des Gaza-Büros des Senders; dessen Frau Amna, sein einjähriger Enkel Adam, sein 15-jähriger Sohn Mahmoud und seine siebenjährige Tochter Sham wurden im Oktober bei einem israelischen Angriff im Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens getötet. Wael wurde selbst am 15. Dezember nach einem Drohnenangriff verletzt, sein Kollege Samer Abu Daqqa, ein Kameramann von Al Jazeera, dabei getötet. Die beiden hatten für Al Jazeera über das Bombardement einer UN-Schule berichtet, in der Geflüchtete untergebracht waren.

Am Freitag hat das US-Magazin »The Intercept« eine Recherche zu dem Angriff vom 15. Dezember veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass Israel wiederholt von humanitären Organisationen gedrängt worden sei, die Rettung von Daqqa zu ermöglichen. Das Militär habe dies jedoch über fünf Stunden verhindert, sodass der schwer Verletzte schließlich verblutete. Viele Beweise deuten zudem auf einen gezielten israelischen Angriff auf die Journalisten hin, schreibt »The Intercept«.

Das international anerkannte Committee to Protect Journalists (CPJ) zählt inzwischen 82 Journalisten und Medienschaffende, die vom israelischen Militär im Einsatz getötet wurden. Der Gaza-Krieg ist der tödlichste Konflikt für Medienschaffende seit Beginn der Aufzeichnungen des CPJ vor 30 Jahren. Reporter ohne Grenzen hat deshalb vor dem Internationalen Strafgerichtshof zwei Klagen wegen Kriegsverbrechen gegen Israel eingereicht.

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