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Die Pallas der Revolution

Steffen Kopetzky erinnert an die Kommissarin und Literatin Larissa Reissner

  • Karla Dyck
  • Lesedauer: 5 Min.
Larissa Reissner auf einer 1931 in der »A-I-Z« erschienenen Fotografie
Larissa Reissner auf einer 1931 in der »A-I-Z« erschienenen Fotografie

Die Wolga, die mächtige und oft besungene Wolga, strömt erhaben über alles hinweg, als sei nie etwas geschehen. Dreimal schon war ich bei ihr, zuletzt 2018. Ich hatte ein Quartier in Selenodolsk, 30 Kilometer von Kasan entfernt, bezogen und saß hier manches Mal an einer unscheinbaren Fähranlegestelle, direkt neben einer imposanten Eisenbahnbrücke, die unentwegt die schweren russischen Züge über sich passieren ließ, von Nord nach Süd und umgekehrt. Natürlich fuhr ich mit der Fähre nach gegenüber, von dessen kleiner Bahnstation Swijaschsk aus Leo Trotzki in seinem berühmten Panzerzug einst die große Kasan-Operation befehligte und zugleich die Rote Armee mit Freiwilligen aus der Taufe hob. Die bürgerkriegswichtige, anfangs fast aussichtslose Schlacht um »meine« Brücke dauerte im Sommer 1918 vier Wochen und endete siegreich.

Genau 100 Jahre später verkehrte ich justament hier noch völlig ahnungslos von der Geschichtsträchtigkeit dieses jetzt friedlichen Örtchens. Ich hatte keinen Schimmer, dass auch die legendäre Revolutionärin Larissa Reissner hier kämpfte, intelligent und mutig, geradezu verwegen. Allein durch ihre listreiche Aufklärung im Hinterland gelang es, die zwei aufgeriebenen Teile der 5. Armee wieder zusammenzufügen und auch die Hoheit über die Wolga zurückzuerobern. Sie war die erste Kommissarin der Roten Armee überhaupt, ihr Können über alle Maßen geschätzt. Bald nach meiner bislang letzten Russlandreise schenkte mir mein Freund, der Historiker Werner Abel, ein in dunkelrotes Leinen gebundenes Buch mit einem in goldenen Lettern eingeprägten Titel »Oktober«. Es umfasst fast alle Bände von Larissa Reissner, 1926, nach ihrem Tod, herausgegeben von Karl Radek, ihrem letzten Lebensgefährten. Seither weiß ich mehr über Larissa Reissner und über »meine« Brücke«. Damit noch nicht genug. Jüngst überließ mir mein Freund, von der Buchmesse kommend, das neueste Buch von Steffen Kopetzky: »Damenopfer«. Es nennt sich Roman, ist aber eher eine Biografie, die den ganzen Kosmos der Reissner akribisch eingefangen hat, soweit es die gegenwärtige Archivlage zulässt. Beide Bücher taten mir gut.

Die 1895 in Lublin geborene Larissa Reissner entstammte einer hochgebildeten bolschewistischen Professorenfamilie, die 1903 nach Deutschland emigrieren musste. In Berlin besuchte Larissa die Schule, lernte im Elternhaus August Bebel und Karl Liebknecht und die Briefe Lenins an ihren Vater kennen. Seit 1907 lebte die Familie wieder in Russland. Larissa schrieb Gedichte, Theaterstücke und Artikel und gab als Studentin sogar eine gegen den drohenden Krieg gerichtete Zeitschrift namens »Rudin« heraus. Auch in Gorkis Zeitschriften veröffentlichte sie Arbeiten. Sie liebte die Literatur und zeitweilig manchen Dichter, wie z.B. Nikolai Gumiljow. Vor und während des Oktober 1917 politisierte sie sich, betreute schreibende Matrosen in Kronstadt. Hier verliebte sie sich in den Leutnant der Baltischen Flotte Raskolnikow und heiratete ihn. Unmittelbar nach Ausbruch des Bürgerkrieges 1918 gingen beide an die Front, er als Kommandeur der Wolgaflottille, sie als Kommissarin, und kämpften, von der bereits erwähnten Kasan-Operation über die gesamte Wolga bis ans Kaspische Meer, siegreich über die Weißen und die englischen Besatzer in Persien.

Das alles ist spannend in ihrem Buch »Die Front 1918–1919« geschildert. Im Kapitel »Swijaschsk« schreibt sie: »Keiner der demobilisierten alten Rotarmisten, der Gründer der Arbeiter- und Bauernarmee, wird, wenn er nach Hause kommt und an die drei Jahre Bürgerkrieg zurückdenkt, diese märchenhafte Epopöe bei Swijaschsk vergessen, von dem aus, nach allen vier Seiten, die Wellen der revolutionären Angriffe sich in Bewegung setzten. Im Osten — nach dem Ural, im Süden — nach dem Kaspischen Meer, Kaukasus und den persischen Grenzen, im Norden — nach Archangelsk und Polen. Das alles kam natürlich nicht auf einmal, nicht gleichzeitig, aber erst nach Swijaschsk und Kasan kristallisierte sich die Rote Armee …«

Zeitlebens schrieb und veröffentlichte sie Reportagen, aus Afghanistan, wo sie von 1921–1923 als Ehefrau des Botschafters Raskolnikow agierte, vielfach aus Deutschland, vorrangig aus der Zeit der gescheiterten Aufbrüche 1923 und 1924, und immer wieder fuhr sie, auch aus Unzufriedenheit mit der NÖP, zu den russischen Arbeitern, in die Fabriken und Bergwerke des Ural und Donbass, oder zu den polnisch-russischen Friedensverhandlungen in Riga 1921. Larissa Reissner, und das ist von Kopetzky wunderbar beschrieben, war auch eine Komintern-Agentin. Sie hing, trotz der deutschen Niederlagen, dem Gedanken der »permanenten Revolution« an und knüpfte deshalb — sehr selbstständig — internationale Kontakte für eine künftige ausbeutungsfreie Welt. Dabei opferte sie manches Mal kühl kalkuliert ihre »Dame«, um schon beim nächsten Zug den König in die Enge zu treiben. Ja, sie handelte analytisch, immer das wesentliche Ziel vor Augen.

Trotz ihres Charmes und ihrer Begehrtheit sollte das persönliche Glück nicht dauerhaft sein. Mit 30 Jahren, im Februar 1926, verstarb sie an Typhus. Ihr Begräbnis wurde zum Ereignis. Es kamen Trotzki und Radek, Tuchatschewski und die Kollontai, unzählige Dichter wie Pasternak und Babel und Pilnjak, viele Schauspieler und natürlich Matrosen und Offiziere aus ihrer gemeinsamen Zeit der siegreichen Wolgaflottille. Nicht wenigen Bedrängten hat sie immerwährende Hilfen gewährt, Mandelstam und der Achmatowa Lebensmittel überbracht, ermutigende Briefe und schärfste Verteidigungen zur Durchsetzung von Büchern geschrieben. Ihre kompromisslose und unbestechliche Stimme gegen Korruption und Speichelleckerei wurde nun vermisst. Nur durch den Tod konnte sie dem Stalinschen Terror entkommen, im Gegensatz zu fast all ihren Freunden.

Boris Pasternak widmete ihr das nachdenkliche Gedicht »Larissa Reissner zum Gedenken« und rezitierte es am Grab. Auch Leo Trotzki sprach. Seine Worte sind in seiner Autobiografie »Mein Leben« aufgehoben: »Diese herrliche junge Frau, die so viele bezauberte, ist wie ein feuriger Meteor am Himmel der Revolution vorübergezogen. Mit dem Äußeren einer olympischen Göttin verband sie einen feinen ironischen Verstand und die Tapferkeit eines Kriegers ... In wenigen Jahren wuchs sie zu einer erstklassigen Schriftstellerin empor. Unversehrt durch Feuer und Wasser hindurchgegangen, verbrannte diese Pallas der Revolution plötzlich an Typhus …  Wir alle, die wir heute an ihrem Grab stehen, sind fassungslos ob dieses Verlustes für die internationale Arbeiterbewegung und die Weltrevolution.«

Unter »meiner« imposanten Eisenbahnbrücke strömt die Wolga erhaben und stumm, als wäre nie etwas geschehen.

Steffen Kopetzky: Damenopfer. Rowohlt,
443 S., geb., 26 €.

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