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»Good Boy«: Den Horror an der kurzen Leine halten

Der Thriller »Good Boy«, in dem ein Mann lieber als Hund lebt, verschenkt sein Potenzial

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Nein, der beißt nicht! Der Hund namens Frank ist ein Mann, der nicht gerne Gesicht zeigt.
Nein, der beißt nicht! Der Hund namens Frank ist ein Mann, der nicht gerne Gesicht zeigt.

Die junge Studentin Sigrid (Katrine Lovise Øpstad Fredriksen) lernt den nur etwas älteren Christian (Gard Løkke) über eine Dating-App kennen, und es passt perfekt, und ist also zu schön, um wahr zu sein. Christian ist sehr hübsch, sweet und etwas schüchtern, aber trotzdem bestimmt und offen, er lebt allein auf einem großen Anwesen und zeigt auch seine Gefühle. Einer, der nicht nur Sex will. Erste Störungen entstehen, als Christian Sigrid seinem Hund Frank vorstellt. Der ist ganz offensichtlich ein Mensch auf allen Vieren im Fellkostüm. Frank (Nicolai Narvesen Lied) lebt bei Christian, frisst aus dem Napf, geht an der Leine und macht Hundegeräusche. Außerdem lässt er sich gerne kraulen. Christian fordert Sigrid auf, mitzuspielen. Das sei mit Frank eben so.

Der erste Verdacht natürlich: Hier ist irgendwas mit Fetisch im Gange, vielleicht stehen Christian und Frank auf kinky Hundesex. Sigrid spürt nachvollziehbar Fluchtimpulse, entscheidet sich dann aber doch, auf das große Anwesen zurückzukehren: aus Neugier, jugendlichem Leichtsinn, wegen des Wohlstands ihres neues Lovers und wohl auch, weil sie sich tatsächlich schon ein wenig verliebt hat.

Hat man die Prämisse, dass ein Mensch im Hundekostüm durch diese Szenerie stiefelt, als Zuschauer*in erst einmal akzeptiert, wird man sehr erwartungsfroh. Irgendwas muss der Film »Good Boy« mit dem bizarren Bild schließlich anfangen, das er da so abrupt wie glaubhaft etabliert hat. Nicolai Narvesen Lied spielt den Hund überzeugend – und mit Enthusiasmus. Und weil Fredriksen und Løkke als Paar so schön harmonieren, kann man die Entscheidung von Sigrid nachvollziehen. Zumal Hund Frank gut erzogen zu sein scheint.

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Das eventuell bald sehr perverse Trio fährt in das Ferienhaus von Franks Eltern. Dann kommen die ersten Anzeichen, die den geübten Horrorfilmgucker misstrauisch werden lassen: Handy abgeben, kein Mensch sonst da, seltsames Verhalten der zentralen heterosexuellen Männerfigur. Das Script von Regisseur Viljar Bøe wählt allerdings eine auf andere Art unerfreuliche Abbiegung. Die dann auch wieder überraschend ist. Denn nachdem sich der Film mit einigem schauspielerischen Aufwand und inszenatorischer Genauigkeit eine Bühne bereitet hat, findet auf ihr eigentlich nichts Nennenswertes mehr statt. Man kann nicht ohne zu spoilern beschreiben, in welcher Weise »Good Boy« in seinem letzten Drittel versackt, aber der Film wirkt in der Gesamtschau wie eine einzige große verschenkte Möglichkeit.

Was dann auch wieder ganz interessant ist. Interessant zu sehen, wie Genre-Standards und der Versuch, einen sicheren Ausgang aus der eigenen Geschichte zu finden, alles, was bis dahin etabliert wurde, zunichte machen können. Man hätte aus all dem eine schöne Dreiecksbeziehung machen können. Oder ein Eifersuchtsdrama, an dessen Ende Sigrid Frank an der Leine in den Sonnenaufgang führt und mit ihm durchbrennt. Stattdessen entsexualisiert »Good Boy« das ganze Geschehen sehr rasch und und geradezu eilfertig und belässt es im Finale bei einer Aneinanderreihung von Thriller- und Horror-Standards. Weglaufen, verstecken, zurückschlagen. Da rückt das Hundekostüm in den Hintergrund und alles wird egal. Vielleicht ist es Angst vor der eigenen Courage, vielleicht hat da doch noch jemand am Drehbuch rumgefuhrwerkt. So oder so, eine vertane Chance.

»Good Boy«, Norwegen 2023. Regie und Drehbuch: Viljar Bøe. Mit Katrine Lovise Øpstad Fredriksen, Nicolai Narvesen Lied, Gard Løkke. 80 Min. Ab heute im Kino

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