Fick dich, Lebenslauf

Berlinale Generation: In »Ellbogen« sucht die junge Hazal nach einer Gewalttat Zuflucht in der Türkei. Wird jetzt alles einfacher?

An der Clubtür abgewiesen und dann auch noch ein übergriffiger Typ: Hazal (Melia Kara, rechts) und ihre Freundinnen haben es nicht leicht in dieser Berliner Nacht.
An der Clubtür abgewiesen und dann auch noch ein übergriffiger Typ: Hazal (Melia Kara, rechts) und ihre Freundinnen haben es nicht leicht in dieser Berliner Nacht.

Am Anfang steht ein Zitat, in dem es heißt, man solle sich entscheiden, wer man ist, und der Welt aufzwingen, mit einem klarzukommen, nicht mit der Vorstellung von einem. So einen Satz kann nur jemand wie James Baldwin sagen. Die Suche nach der eigenen Identität war sein Lebensthema. So, nur nicht ganz so poetisch, geht es auch der Hauptfigur Hazal (Melia Kara) in Aslı Özarslans Spielfilmdebüt »Ellbogen« nach dem gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir.

Hazal würde zwar nicht von Welten und Ideen sprechen, sie würde sagen: »Fick dich«, aber sie und Baldwin meinen das Gleiche. Hazal wächst im Berliner Wedding auf, und von jeder Seite wird ihr beigebracht, dass sie eigentlich nicht gut ist, wie sie ist. Ihre Bewerbung um einen Ausbildungsplatz scheitert daran, dass sie angeblich zu wenig Allgemeinbildung habe, was immer das sein soll; im Drogeriemarkt wird sie vom Ladendetektiv gefilzt, obwohl sie nichts getan hat, weil der seine Statistik pushen will und bei einem Mädchen wie ihr keiner blöde Fragen stellen wird. Ihre Mutter gibt ihr deutlich zu verstehen, dass sie sie (im Gegensatz zu ihrer studierten Schwester) für eine Loserin hält.

Man muss schon ein ganz schönes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn man in diesem Kontext klarkommen will. Zu allem Überfluss werden Hazal und ihre Freundinnen auch noch an Hazals 18. Geburtstag an der Clubtür abgewiesen. Das Drama spitzt sich zu, als die Mädchen danach am U-Bahnhof auf einen übergriffigen Typen treffen, der die drei mit einem sexistisch-rassistischen Scheißspruch anmacht.

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Ganz allgemein würde sich Hazal am liebsten auflösen, was sich in einer der besten Szenen des Films materialisiert, in der sie ihren Lebenslauf am Computer schreibt und die Autokorrektur aus ihrem türkischen Nachnamen das Wort »Agenda« macht.

Regisseurin Özarslan zeigt eine wütende junge Frau, deren Energie sich aus Dutzenden, wenn nicht gar Hunderten Mikro- und Makroverletzungen speist, die ihr das kurze Leben bisher schon zugefügt hat. Der ständige Druck, den die Familie und die rassistische Klassengesellschaft auf sie ausüben, kulminiert in für die Außenwelt schockierend explosiver Gewalt, die also nicht Produkt einer einzelnen Provokation ist, sondern ihren Ursprung in den vielen Herabwürdigungen hat, die diese junge Frau erleben musste.

In ihrer Verzweiflung sucht sie einen Anker, einen Sehnsuchtsort, an dem sie von vorne anfangen kann, und flieht zu einem Typen nach Istanbul, den sie bisher nur aus Videochats kennt. Alles soll sich hier leichter anfühlen, aber Özarslan inszeniert die Ankunft in der neuen Umgebung so, dass man nach und nach entdeckt, dass es sich hier um einen Trugschluss handelt. Sie greift die Ambiguität von Migrationsbiografien auf, und so merkt Hazal ziemlich deutlich, dass sie in der Türkei die »Deutschländerin« ist, die noch dazu keine Ahnung von den politischen Umständen in der Türkei hat. Kurdenfrage? Staatsterror? Noch nie gehört. »Ich muss das nicht wissen, du weißt auch nicht alles«, ist Hazals trotzige Reaktion auf die herablassende Art ihres WG-Mitbewohners, und Hazal hat recht.

Özarslans Inszenierung dieser rat- und rastlosen jungen Frau ist nicht immer gut zugänglich, manche Szenen enden abrupt oder beginnen ohne Kontext. Als Sympathieträgerin taugt diese Hazal nicht, man hat auch kein Mitleid mit ihr, was zu den Stärken des Films gehört, denn die Regisseurin überlässt die Hauptfigur völlig sich selbst und verbietet ihr jede Opfergeste.

Für einen Jugendfilm ist »Ellbogen« äußerst anspruchsvoll und sehr unversöhnlich. Am Ende wirft uns die Protagonistin nur einen vor Stolz strotzenden Blick zu, und wir sind mit unserem Wunsch nach einer Story, an der wir uns irgendwie festhalten können, endgültig alleingelassen.

Aber so sind gute Filme nun mal, sie werfen uns auf uns selbst zurück. In dieser Hinsicht steht »Ellbogen« im krassen Gegensatz zu einigen Filmen, die ebenfalls in der Berlinale-Sektion Generation laufen und sich mit dem Thema Identität von Kindern und Jugendlichen jenseits der weißen Mehrheitsgesellschaft beschäftigen. So sucht und findet in »Sieger sein« ein aus Syrien geflüchtetes Mädchen ihren Platz im Wedding (schon wieder), weil sie sich ganz gut anpassen kann – im Gegensatz zu Hazal.

»Ellbogen«, Deutschland 2024. Regie: Aslı Özarslan. Mit: Melia Kara, Jamilah Bagdach, Asya Utku. 86 Min. Nächster und letzter Termin: 25.2., 19 Uhr, HKW 1/Miriam-Makeba-Auditorium.

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