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Berliner Molkenmarkt: Schönheit hat ihren Preis

Von günstigen Wohnungen am Molkenmarkt ist in der aktuellen Ausschreibung des Senats keine Rede

  • Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit Langem wird vor einem exklusiven Quartier gewarnt. Nun nährt die Veröffentlichung der Ausschreibung für das Gestaltungshandbuch Molkenmarkt neue Sorgen. »Es muss befürchtet werden, dass die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum durch dieses Gestaltungshandbuch verhindert wird«, meint Matthias Grünzig von der Initiative Offene Mitte Berlin. Denn in der 21-seitigen Ausschreibung zum Gestaltungshandbuch ist keine Rede von bezahlbarem Wohnraum. Dabei ist dieses Handbuch eine Grundlage für die weiteren Planungen und Wettbewerbe für das umstrittene Stadtentwicklungsprojekt hinter dem Roten Rathaus.

Stuck für wenige statt Wohnen für alle?

Als Ziel wird in der Ausschreibung zwar kein bezahlbares, aber ein Quartier mit »hohem Anspruch an die architektonische und gestalterische Qualität« ausgegeben. Die Entwicklung von Wohnflächen solle sich an »konkreten qualitativen Anforderungen orientieren, insbesondere im Hinblick auf die städtebauliche und architektonische Gestaltung«. CDU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, bezahlbares Wohnen mit kleinteiliger Architektur zu verbinden. 450 Wohnungen sollen am Molkenmarkt überwiegend durch landeseigene Wohnungsunternehmen gebaut werden. Die Hälfte der landeseigenen Wohnungen sollen im »mietpreisdämpfenden Segment« angeboten werden. So steht es in dem im September 2023 beschlossenen Rahmenplan.

»Der ist die Richtschnur für unser Handeln und die weitere Entwicklung«, betont Martin Pallgen. Der Sprecher des Baussenators Christian Gaebler (SPD) sagt hinsichtlich der Aufregung um das Gestaltungshandbuch auch: »Die Ausschreibung für das Gestaltungshandbuch wurde im Übrigen mit den zukünftigen Bauherren WBM und degewo abgestimmt. Das sind bekanntlich landeseigene Wohnungsbaugesellschaften, die für bezahlbaren Wohnungsneubau stehen.«

Bausenator Christian Gaebler (SPD) hatte selbst wiederholt versichert, dass bezahlbare Wohnungen das vorrangige Ziel am Molkenmarkt seien. »Es bleibt dabei, dass bezahlbares Wohnen dort im Vordergrund steht«, sagte er Ende vergangenen Jahres im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses. Zwar könne beispielsweise mittels der Gestaltung der Fassaden eine »kleinteiligere Außenwirkung« der Neubauten erreicht werden. Diese müsse aber baulich so umsetzbar sein, dass kostengünstiges Wohnen realisierbar bleibe.

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Keine kostengünstigen Lösungen

Matthias Grünzig von der Initiative Offene Mitte befürchtet allerdings, dass die in der Ausschreibung aufgelisteten Kriterien den Bau von bezahlbarem Wohnraum behindern könnten.

Seit dem Abbruch des Wettbewerbsverfahrens ohne Sieger im September 2022 durch Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos, für SPD) wird befürchtet, dass durch kleinteilige Gestaltungsvorgaben der Bau von bezahlbarem Wohnraum unmöglich gemacht wird. Denn aufwendige Gestaltungen erhöhen die Baukosten. Eine hohe Anzahl an Erschließungskernen beispielsweise, unter anderem mit eigenem Treppenhaus, verursacht erhebliche Kosten.

In der Ausschreibung des Gestaltungshandbuchs werden nun Vorgaben zu Eingängen, zur Fassadengestaltung und auch zur Dachform gemacht. Grünzig meint, dass dadurch die Spielräume für kostengünstige Lösungen wie der Einsatz vorgefertigter Bauelemente eingeschränkt werden. Gerade angesichts der Baukostensteigerung wären diese aber notwendig, um die Bezahlbarkeit der am Molkenmarkt entstehenden Wohnungen zu garantieren.

Planung ohne Ende

Auch die Auswahlkriterien, die das Gestaltungshandbuch, für die Büros aufstellt, kritisiert Grünzig. Zwar würden von den Bewerbern Referenzen für die »Berücksichtigung historischer Bezüge« verlangt. Von Erfahrungen bei der Planung von bezahlbarem Wohnraum ist dagegen keine Rede. Es wäre also denkbar, dass ein Büro hier Ideen formuliert, die sich nicht kostengünstig umsetzen lassen.

Interessant ist, wer am Ende den Zuschlag erhält. Eine Studie zu der Frage, wie archäologische Funde am Molkenmarkt präsentiert werden können, war zuletzt von einem Architekturbüro erstellt worden, das sich ursprünglich einmal mit einem historisierenden Entwurf für das entsprechende Wettbewerbsverfahren zur Bebauung beworben hatte.

Was das Gestaltungshandbuch angeht ist im Ausschreibungstext von einem geplanten Abschluss der Erarbeitung im dritten Quartal 2024 die Rede. Auf der Basis des Handbuches und anderer Dokumente soll dann eine »Charta Molkenmarkt« entstehen. Diese bildet die Grundlage für die konkreten Wettbewerbe für den Hochbau und den Freiraum. Bereits im November mahnte Bausenator Gaebler mehr Tempo bei der eigenen Verwaltung an. Bislang wird noch mit einem Baustart 2028 geplant.

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