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Vertrauen großgeschrieben

»Mein Sprung ins kalte Wasser« – Bernhard Weßling lässt China hautnah erleben

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Diese Stadt ist fast 100 Kilometer breit: Shenzhen, im Südosten Chinas
Diese Stadt ist fast 100 Kilometer breit: Shenzhen, im Südosten Chinas

Was historische Betrachtungen und politische Analysen betrifft, reagiert der Buchmarkt durchaus auf die wachsende wirtschaftliche Bedeutung Chinas. Ebenso auf touristisches Interesse: Wer möchte nicht schon mal die Große Mauer ersteigen? Auch der Unternehmer Bernhard Weßling hat das getan, als seine Frau Marika bei ihm zu Besuch war, denn es war schon lange ihr Traum. Aber im Unterschied zu anderen währte sein Aufenthalt nicht Tage und Wochen, sondern 13 Jahre, in denen er nicht bloß Zaungast sein konnte, sondern sich in eine zunächst fremde Umgebung einleben musste.

Das wollte er von Anfang an. In diesem Buch begegnet man einem Menschen, der besondere Begabungen vereint: Forscherdrang, Zuversicht, Mitmenschlichkeit. Als promovierter Chemiker hat er ein neuartiges Verfahren in der Kunststofftechnologie entwickelt und zum Patent gebracht. Es ging dabei um ein organisches Polymer, das elektrisch leitfähig ist, wichtig für die Herstellung von Leiterplatten. Er interessierte sich aber auch fürs Praktische: die Produktion, die Vermarktung. Dass China ein wichtiger Markt sein würde, war ihm frühzeitig klar. Doch lief es nicht so wie erhofft. »Unsere Kunden wollten die Prozesse nicht so fahren, wie wir sie entwickelt hatten, und beklagten sich dann über Qualitätsprobleme.« Aber Weßling ist kein Mensch, der klagt. Schwierigkeiten reizen ihn sogar. Sich auf Ungewohntes einzulassen, was viele scheuen, solche Herausforderungen wünscht er sich geradezu. Aber nicht als Einzelkämpfer, sondern indem er sich mit anderen verbündet.

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Ein Junge aus dem Ruhrgebiet, fünftes von sechs Kindern einer »armen, nicht reisenden Familie«, der von klein auf extrem neugierig war, sich auch als Erfolgreicher nie über andere erheben wollte. Miteinander beginnt mit der Sprache. Also begann er Chinesisch zu lernen. Wie sich Beziehungen herstellten zu zunächst fremden Menschen, beschreibt er so, dass es einem selber beim Lesen guttut. Immer wieder kamen ihm Zufälle zu Hilfe. Er hat mit »Was für ein Zufall!« unlängst ja auch ein physikalisch-philosophisches Buch »über Unvorhersehbarkeit, Komplexität und das Wesen der Zeit« veröffentlicht. Dabei besitzt er wohl auch ein Gespür dafür, wann aus Zufällen Chancen entstehen. Während eines zufällig beobachteten Fußballspiels in der Nähe seiner Wohnung in Shenzhen hat er einmal den erschöpften Torwart abgelöst, hielt die Bälle – und fand bald eine Mannschaft, bei der er blieb. »Lăo Wèi nannten sie ihn, weil «Weßling» schwierig auszusprechen war. Diesen Namen gab er dann seiner chinesischen Firma.

Die Stadt Shenzhen, wo er arbeitete, breitet sich von Ost nach West über fast 100 Kilometer aus. Im Süden grenzt sie an die Sonderverwaltungszone Hongkong und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. Schon 2005, als er dorthin kam, gab es dort nur noch Elektroautos.

Staunen darf man bei der Lektüre über die «chinesischen Dimensionen», die viel mit der boomenden Wirtschaft zu tun haben. Aber meist dominiert die Nahaufnahme. Bei alltäglichen Situationen sind wir dabei – in einem chinesischen Krankenhaus und an einem Sonntagmorgen beim Zahnarzt. Wir bekommen Einblick in Familien, erleben ein chinesisches Neujahrsfest und beobachten mit dem Autor zusammen Rotohr-Bülbüls, Eisvögel, Schmetterlinge, Frösche, Fledermäuse, Glühwürmchen.

China als Naturparadies: Bernhard Weßling hat mit Marika Reisen durchs Land unternommen, allerdings nicht, um Sehenswürdigkeiten abzuhaken, wie es Touristen tun, die in kurzer Zeit viel sehen wollen. Nach dem Motto «Weniger ist mehr» geht er’s ruhiger an. Auch an weniger bekannten Orten will er sich überraschen lassen – vom Weinbau in China oder von wilden Przewalski-Pferden. Eine besondere Freude war es für ihn, am Hochgebirgssee QuinHai Schwarzhalskraniche zu beobachten. Schließlich hat er sich auch in der internationalen Kranichforschung einen Namen gemacht, wie seinem Band «Der Ruf der Kraniche» zu entnehmen ist.

Aus nächster Nähe ergibt sich hier ein anderes China-Bild, als es gemeinhin in westlichen Medien gezeichnet wird. «Merkwürdige Feststellungen in Büchern und Artikeln über China» – das vorletzte Kapitel ist geradezu erheiternd. Interessant auch, wie wir «Westler» von Chinesen gesehen werden. Heute und auf lange Sicht kann es Weßlings Ansicht nach keine andere Möglichkeit geben, als mit China zusammenzuarbeiten. Er hat erlebt, wie das im Einzelnen gelingt: durch Sorgfalt, Verlässlichkeit, Offenheit. Das Wort «VERTRAUEN» hat er großgeschrieben.

Bernhard Weßling: Mein Sprung ins kalte Wasser. Mit offenen Augen und Ohren in China leben und arbeiten. Verlag am Park/Edition Ost, 401 S., br., 24 €;
Gespräch der Rezensentin mit dem Buchautor im nd-Literatursalon am 28.2., 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin.

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