Wollen Sie feiern oder vergessen?

Peter Jacobs hat den Ostwitz studiert, ein einzigartiges Kulturgut

Kenn’Se den? »Was ist Glück? – Dass wir in der DDR leben. Was ist Pech? – Dass wir so viel Glück haben.« Es gab wohl kein humorigeres Völkchen unter dem Firmament als die Bürger des ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaats. In jeder Lebenslage hatten sie einen Witz parat. Der Ostwitz ist ein deutsches Kulturgut, das zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden sollte. Er offenbart viel mehr über die Seele und das Selbstverständnis einer Ethnie als etwa das bajuwarische Schuhplattlern, er zeugt von Esprit und Eigensinn.

Wer nunmehr einwenden mag, dass die DDR vor über 30 Jahren entschwunden ist und sich somit die Sache erübrigt habe, der sei auf mehrtausendjähriges, von der Unesco als bewahrenswert erachtetes Erbe verwiesen. Zudem sind mit dem ostdeutschen Staat nicht die Ostdeutschen ausgestorben, sie denken gar nicht daran auszusterben, wie ihre Aufmüpfigkeit und Widerständigkeit vom Fichtelberg bis Kap Arkona immer wieder beweist. Und so wabert auch der Ostwitz unsterblich weiter durch die ostdeutsche Gesellschaft.

Um als ein schützenswerter immaterieller Schatz der Menschheit geadelt zu werden, bedarf es freilich eines ausführlichen Antrags mit fundierter Begründung. Worin besteht die Besonderheit des Ostwitzes? Wer erfand und wer pflegte ihn, wann und warum? Dafür wüsste ich einen taffen, tapferen Mann, der Ostwitze in ihrer Blütezeit erlebt und selbst kolportiert hat, so viele kennt wie wohl kein zweiter und nun auch deren Hintergründe und Inhalte beleuchtet: Peter Jacobs, Jahrgang 1938. Der erfahrene Journalist zitiert nicht nur vortreffliche Beispiele für den befreienden Umgang der DDR-Bürger mit Ärgernissen und Anachronismen in ihrer Lebens- und Arbeitswelt, von Versorgungsengpässen (Im HO-Laden fragt einer nach Klopapier. »Ham wa nich. Komm’Se morgen wieder.« – »Solange kann ich nicht warten.«) über den Stress sozialistischer Wettbewerbe und die Helden der Arbeit (»Wo wir sind, klappt nichts, aber wir können nicht überall sein.«) bis hin zu Schulungen in Marxismus-Leninismus und sonstigem. (»Die Theorie ist Marx, die Praxis ist Murks.«) Und natürlich – wofür Wessis zu feige sind – das lustvolle sich Lustigmachen über »die da oben«. (Honecker hat sich den Arm gebrochen. Er wollte sich auf die Jugend stützen.)

Jakobs sieht den Ostwitz als heitere statt zynische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Widrigkeiten. »Im Lachen über die Pointen waren wir Komplizen.« Die ärgsten Witze über die realsozialistischen Oberhäuptlinge kamen vermutlich gar aus dem ZK oder Politbüro selbst, wie etwa dieser: »Wann forderte Lenin: ›Lernen, lernen und nochmals lernen‹? Als er das Schulzeugnis von Erich Mielke sah.« Die wortwörtliche Erfüllung der staatlichen Parole »Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen« durch das werktätige Volk hingegen dürfte VEB-Direktoren nicht amüsiert haben; der Kleptomanie war schwieriger zu begegnen als der Devisenknappheit.

Wende und Vereinigung haben den Ostwitz verkümmern lassen, zu grausam die Wirklichkeit. Und doch ist er nicht tot, lebt noch. Kenn’Se den? In einem Restaurant: »Herr Ober, welchen Wein empfehlen Sie zum Jahrestag der Einheit?« – »Kommt ganz darauf an.« – »Worauf?« – »Wollen Sie feiern oder vergessen?«

Peter Jacobs: Der Ostwitz. Ein deutsches Sittenbild. Bild und Heimat, 127 S., geb., 12 €.
Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, 21. März, 15 Uhr, bei »Rendezvous« in der Hellen Panke, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin, vor.

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