Am anderen Ende der Lieferkette: Hungerlohn und ein Leben im Slum

Für Bangladeschs Fabrikarbeiter haben die Lieferkettengesetze kaum etwas an ihrer prekären Situation geändert

  • Felix Lill
  • Lesedauer: 8 Min.
Bangladeschs Textilarbeiterinnen verdienen etwa 100 Euro im Monat und müssen meist in slumähnlichen Verhältnissen leben.
Bangladeschs Textilarbeiterinnen verdienen etwa 100 Euro im Monat und müssen meist in slumähnlichen Verhältnissen leben.

Khalid Hossain kommt ins Schwärmen, wenn er von den Entwicklungen in seiner Branche berichtet. »Wir befinden uns auf einer aufregenden Reise«, ruft der gepflegt rasierte Mann im beigen Anzug, während er ein Mikrofon dicht vor seinen Mund hält. Dutzende Studierende sitzen ihm in einer Aula gegenüber und machen fleißig Notizen. »Wir machen wirklich große Fortschritte«, wiederholt Hossain. Und das sei für alle hier Anwesenden eine gute Nachricht. Denn wenn sie erst fertig studiert haben, werde es für sie mehr gute Jobs geben als je zuvor.

Hossain sitzt auf dem Podium eines Hörsaals der BGMEA University of Fashion and Technology, einer der führenden Hochschulen für alle möglichen Spezialfächer rund um Textilien in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Als führender Vertreter der Bangladesh Apparel Exchange, eines Verbands der hiesigen Textilindustrie, weiß Khalid Hossain, wovon er spricht. »Wir können wirklich damit prahlen, was wir alles geschafft haben in den letzten Jahren.« Die Branche werde nämlich nicht nur wachsen: Sie werde nachhaltig wachsen.

Kein Zufall, dass er so etwas bei genau dieser Veranstaltung sagt. Übersetzt trägt sie den Titel »Das Dilemma um den Textilhandel zwischen Bangladesch und Deutschland: Schnelles Wachstum mit Nachhaltigkeit in Einklang bringen.« Immerhin nimmt Deutschland, Bangladeschs zweitgrößter Abnehmer von Exporten, seit Kurzem eine Vorreiterrolle ein, wenn es um den Versuch der Vereinbarung dieser zwei oft widerstreitenden Ziele geht: Das 2021 verabschiedete Lieferkettengesetz soll sicherstellen, dass künftig Menschenrechte und Umweltstandards geschützt werden.

Und in Zukunft soll dies zum Standard werden. Denn Mitte März beschloss die Europäische Union zusätzlich das EU-Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Für Länder wie Bangladesch – dem nach China zweitgrößten Textilexporteur der Welt – müsste sich damit einiges ändern. Und dies ist es, was Khalid Hossain vor den Studierenden nicht müde wird zu betonen. Mit viel Verve in der Stimme verspricht er: »Wir sind führend, wenn es um nachhaltiges Wachstum geht!« Denn bei der Ausarbeitung der neuen Gesetze sei man im engen Austausch mit Deutschland und der EU gewesen. Die Studierenden nicken.

Kaum irgendwo sind Gesetze, die Lieferketten überwachen, so wichtig wie in Bangladesch. Im südasiatischen 175-Millionen-Land arbeiten rund vier Millionen Menschen im Textilsektor. Die Branche ist die größte der heimischen Volkswirtschaft, steuert mehr als zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und befindet sich seit Jahrzehnten auf Wachstumskurs. Auch deshalb führt der nationale Industrieverband BGMEA (Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association) – mit dem auch die Bangladesh Apparel Exchange von Khalid Hossain verbunden ist – seit einigen Jahren diese moderne Hochschule am Rande von Dhaka.

Aber reich geworden am Textilboom im Land sind eher die produzierenden Betriebe. Diejenigen, die unter hohen Temperaturen oft zwölf Stunden am Tag an den Nähmaschinen arbeiten, müssen nicht nur mit niedrigen Löhnen auskommen. Sie waren und sind auch immer wieder Gefahren ausgesetzt. Der bekannteste Vorfall – wenn auch nur der schlimmste unter vielen – war der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik nahe Dhaka im Jahr 2013, als über 1100 Menschen starben und mehr als 2000 verletzt wurden. Die Fabrik produzierte für Firmen wie Primark, Benetton, Mango und Kik.

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Der Unfall war ein Weckruf für Arbeitsbedingungen in der Textilbranche weltweit. Das in Deutschland nach Jahren hitziger Diskussion beschlossene Lieferkettengesetz verpflichtet nun alle in Deutschland ansässigen Unternehmen, die zumindest 1000 Mitarbeitende beschäftigen, alle Ebenen der eigenen Lieferketten zu überwachen. Die mehr als 5000 betroffenen Betriebe müssen dafür Sorge tragen, dass weder Kinder- noch Zwangsarbeit möglich sind, zudem Arbeitnehmerinnenrechte gelten und die Umwelt weitgehend geschützt wird.

Wenn ab 2032 das EU-Gesetz – das aus Deutschland von der FDP in mehreren Punkten abgeschwächt wurde – vollumfänglich gilt, sind europäische Betriebe noch durch etwas strengere Vorgaben reguliert. Ein großer Erfolg also? Beim Diskussionsevent an der Textilhochschule, wo neben Khalid Hossain unter anderem noch ein Professor und ein Vertreter des Industrieministeriums auf dem Podium sitzen, ist man sich einig. Salim Ullah vom Industrieministerium sagt: »Wir haben jetzt mehr als 300 grüne Fabriken im Land. Wir können stolz sein!« Denn solche Anlagen seien umweltfreundlich. Und die Arbeiter? »Die sind glücklich mit den Fortschritten«, sagt ein Anderer auf dem Podium.

Eine Autostunde von der Hochschule entfernt, im Zentrum von Dhaka, ist die Stimmung nicht ganz so positiv. »Wir sind überhaupt nicht glücklich!«, platzt es aus Halima Begum heraus, als sie erfährt, was gegenüber den Studierenden an der Hochschule der BGMEA gesagt worden ist. »Auf die Idee, alles sei gut, kann man nur kommen, wenn man uns nicht zuhört!« Halima Begum, die in einer Fabrik arbeitet, die unter anderem für Tchibo produziert, geht das kahle Treppenhaus der AWAJ Foundation hinunter, einer Stiftung, die sich dem Kampf um Arbeiterrechte im Textilsektor verschrieben hat.

Die 32-Jährige kommt gerade aus einer Besprechung mit Gewerkschafterinnen anderer Fabriken. Und sagt auf Nachfrage: »Von einem Lieferkettengesetz hat in den Fabriken niemand ein Wort gehört.« Aufklärungsbemühungen seitens der Arbeitgeber habe es nicht gegeben. Halima Begum habe nur über die AWAJ Foundation davon erfahren. »Aber es hat sich seitdem eigentlich auch nichts geändert in den Fabriken.« Sie wisse das, denn sie sei täglich vor Ort. Schon als Kind fing sie vor rund 20 Jahren an in der Branche. Heute ist sie zu einer Managerin aufgestiegen.

Dass sich in den letzten paar Jahren nichts mehr verändert hat, kann auch ein gutes Zeichen sein: Denn insbesondere europäische Marken haben sich zuletzt zusammengeschlossen, um neuen Gesetzgebungen zuvorzukommen. »In den Fabriken, die für Europa arbeiten, werden die Arbeiterinnen heute nicht mehr geschlagen«, sagt Halima Begum und muss bitter grinsen. »Das ist ein Fortschritt. Man wird vielleicht auch nicht mehr angegrabscht.« Aber sei es dies, was Arbeitsbedingungen ausmache, auf die ein Land stolz sein könne?

Halima Begum setzt sich auf einen harten Stuhl in einem Büro der AWAJ Foundation, rückt ihr Kopftuch zurecht, deutet auf ihren Nacken. »Ich habe seit Jahren Schmerzen, weil ich stundenlang an der Nähmaschine sitzen und den Kopf beugen musste.« Medizinische Versorgung sei erst seit Kurzem Teil des Arbeitsrechts. »Und jetzt sind es auch nur zwei Untersuchungen pro Jahr.« Wenn sie eine größere Behandlung brauche, müsse sie die Kosten dafür vom eigenen Lohn bezahlen – wie auch das Pendeln zum Arbeitsplatz.

Deswegen lebt ein Großteil der Textilfabrikarbeitskräfte Bangladeschs in fußläufiger Nähe ihres Arbeitsplatzes. Denn täglich eine Rikscha zu bezahlen, wäre zu teuer. »Bei den letzten Verhandlungen haben wir einen Mindestlohn von 24 000 Taka gefordert.« Das entspricht rund 200 Euro. Die Regierung aber hat sich letztlich auf 12 500 Taka festgelegt. »Das reicht nicht für ein vernünftiges Leben«, sagt Begum. »Ich habe zwei Kinder und ernähre außerdem noch meine Schwiegereltern mit. Wir leben in zwei Zimmern und müssen uns ein Bad mit vier anderen Wohnparteien teilen.« Wohlbemerkt: Als Managerin verdient Halima Begum heute 15 000 Taka im Monat, also deutlich mehr als der Mindestlohn.

Die Löhne der meisten Arbeitskräfte im Textilsektor sind bis heute so niedrig, dass sie nur für Lebensumstände in slumähnlichen Vierteln reichen. Das bestätigt Yusuf Saadat, ein edel gekleideter Herr, der nicht allzu weit vom mit lauten Ventilatoren gelüfteten Gebäude der AWAJ Foundation in einem schicken Büro mit Klimaanlage sitzt. »Wir haben ausgerechnet, dass man für eine vierköpfige Familie pro Monat mindestens 24 000 Taka allein für eine ausgewogene Ernährung bräuchte. Alle weiteren Kosten wie Miete und Gesundheit kommen noch obendrauf.«

Yusuf Saadat arbeitet für das Centre for Policy Dialogue, einen unabhängigen Thinktank in Dhaka. Er lässt kaum Zweifel daran, dass Bangladeschs bedeutendster Industriesektor über die vergangenen Jahrzehnte zwar viele Menschen aus der absoluten Armut gehievt hat. »Aber die Löhne sind bis heute viel zu gering.« Denn arm bleiben die Menschen, die hier arbeiten, in der Regel trotzdem. Und ein wichtiger Grund liege auf der Hand: »Die BGMEA ist die stärkste Lobby im Land. Viele Vertreter sind auch in der Politik engagiert.« So werde die seitens der Industrie so gelobte Kooperation mit den europäischen Marken für neue Standards oft auf dem Rücken der Arbeitskräfte ausgetragen.

Wie viel ist ein Lieferkettengesetz wert, wenn die Arbeitskräfte, die dadurch geschützt werden sollen, davon nichts wissen? Und wenn es trotz neuer Arbeitsstandards weiterhin keine Löhne garantiert, die ein Leben mit einer ausgewogenen Ernährung ermöglichen? Zumal Yusuf Saadat betont: »Betroffen von den neuen Gesetzen sind ja nur diejenigen Fabriken, die für deutsche oder bald auch europäische Marken produzieren.« Und auch in diesen Fällen greife die neue Regulierung oft nicht: »In Zeiten hoher Nachfrage weichen die Fabriken oft auf Subunternehmen aus, wo nicht unbedingt dieselben Standards gelten. Das können die Marken in Europa dann kaum überprüfen, selbst wenn sie es wollen.«

An der Hochschule geben sich die Experten auf dem Podium von solchen Problematiken eher unbeeindruckt. Wobei Khalid Hossain plötzlich etwas weniger schwärmerisch klingt, wenn er auf das Lohnniveau angesprochen wird. Er hält sich wieder das Mikrofon nah an den Mund, ringt jetzt aber einen Moment um Worte: »Wir haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass viele Fabriken grün geworden sind«, sagt er. »Aber das bezahlen ja nicht die Abnehmer in Europa, sondern wir.« Anders ausgedrückt: Umweltschutz oder Lohnerhöhungen – beides auf einmal gehe nicht. »Wir müssten sonst höhere Abnahmepreise aus Europa erhalten«, sagt Hossain.

Dies ist wohl die einzige Sache, in der Halima Begum, die Gewerkschafterin, dem Industrievertreter zustimmen würde. »Mein Vater hat Diabetes«, sagt Halima Begum zu Ende des Gesprächs. »Seine Medikamente kann ich mir aber nicht ganz leisten.« Sie kauft ihm nur die Hälfte der verschriebenen Menge. Damit sie von ihrem Lohn aus der Textilfabrik, die Kleidung für Tchibo herstellt, überhaupt noch genug Essen für ihre Kinder kaufen kann.

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