Fußball-EM: Das Kaderverkündungsmärchen

Unser Autor regt an, die Medienkampagne des DFB noch auszuweiten

Von Influencern, Prominenten und Dönerverkäufern »geleakt«: Der EM-Kader plus Trainer Julian Nagelsmann
Von Influencern, Prominenten und Dönerverkäufern »geleakt«: Der EM-Kader plus Trainer Julian Nagelsmann

Die EM-Euphorie in Deutschland hat ihren Siedepunkt erreicht. Nun schürte der DFB die Begeisterung mit einer geschickten Medienkampagne: Der EM-Kader wurde von Influencern, Prominenten und Dönerverkäufern in den sozialen Medien »geleakt«. Immer mal wieder verriet irgendjemand ein Mannschaftsmitglied. Damit machte es der DFB besonders spannend. Das war clever, denn das eigentliche Turnier könnte für die Deutschen so schnell zu Ende sein wie die WM in Katar. Da nimmt man solch ein Extra an Unterhaltung gerne mit.

Überhaupt ist es zu begrüßen, wenn der DFB sein Unterhaltungsportfolio ein bisschen erweitert. Diesen ewigen Fußballmist will doch sowieso niemand mehr gucken, erst recht nicht, wenn die Nationalmannschaft so unerfolgreich spielt wie in den letzten Jahren. Deshalb wäre es zu begrüßen, wenn die Medienkampagnen noch etwas ausgeweitet würden.

Andreas Koristka

Andreas Koristka ist Redakteur der Satirezeitschrift »Eulenspiegel«. Für »nd.DieWoche« schreibt er alle zwei Wochen die Kolumne »Betreutes Lesen«. Alle Texte unter dasnd.de/koristka.

Was spräche dagegen, wenn bei der nächsten Kader-Reveal-Kampagne für ein Testspiel gegen die Färöer-Inseln Manuel Neuer nackt aus einer Torte springt, die vorher von einem Hubschrauber in die Fußgängerzone von Leverkusen herabgelassen würde? All dies, um zu verkünden, dass er derzeit noch an einer Bänderverletzung herumlaboriere und deshalb leider nicht am Spiel teilnehmen könne. Irgendjemand wird sich finden, der die Sache filmt und auf Instagram einstellt. Am besten wäre es, wenn es ein beliebter Influencer wie Rezo oder Maximilian Krah wäre.

Oder man organisiert einen spektakulären Boxkampf auf dem Niveau von Raab-Halmich. Viele Fußballfans sähen nur allzu gern ein Duell zwischen Joshua Kimmich und Mike Tyson. Wenn Kimmich dann am Ende des Kampfes blutüberströmt und mit abgebissenem Ohr verkündet, dass er mit größtem Vergnügen an der nächsten USA-Reise der Fußballnationalmannschaft teilnimmt, dann haben alle was davon.

Am schönsten wäre es aber, wenn man die spektakulärste Nationalmannschaftsentscheidung im Rewe-Markt im Berliner Gesundbrunnencenter verkünden würde. Dort könnte Robert Habeck auf einer kleinen Bühne überraschend bekannt geben, dass Paule der Adler nicht mehr das offizielle Maskottchen der deutschen Nationalmannschaft ist. Sein Amt wird fortan vom Bundeswirtschaftsminister höchstselbst übernommen. Es wäre zu schön, wenn Habeck die Mannschaft bei allen Spielen unterstützen würde. Dabei dürfte er selbstverständlich, wie alle berühmten Maskottchen, keine Hose tragen, wohl aber ein standortpatriotisches Adidas-Trikot. Dann würden Robby und Schwarz-Rot-Gold für immer zusammengehören. Ein Stück deutscher Identität.

Aber bis es so weit ist, müssen wohl noch ein paar Bedenkenträger beim DFB überzeugt werden. Erst mal darf man sich wohl auf den abendfüllenden Dokumentarfilm in den Kinos freuen, der die Entstehung und Umsetzung der aktuellen Medienkampagne beleuchtet. Das wird toll, denn wie gesagt: Alles, was von diesem langweiligen Fußball ablenkt, ist gut für den DFB.

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