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Eine atemberaubende Zeitreise

»Rein ins Gemälde!« – Das Deutsche Historische Museum hat ein Präsent für Kinder parat

»Die kugenZauberdrachen«, Mitglieder des Kinderbeirats des DHM, beim Betrachten des Augsburger Monatsbild während der Vorbereitung der Ausstelung
»Die kugenZauberdrachen«, Mitglieder des Kinderbeirats des DHM, beim Betrachten des Augsburger Monatsbild während der Vorbereitung der Ausstelung

Wow, die silberne Ritterrüstung imponierte dem Enkel. Und das Turnierspiel ist »toll«: Auf einem stilisierten Holzpferd muss er Geschicklichkeit mit der Lanze beweisen. Aber auch die Kogge fasziniert, exakter: das Modell eines Kraweelschiffs, das in einer Vitrine zu bestaunen ist. Dahinter ein Globus: Der Enkel staunt, wie winzig Europa sich im Vergleich zu Afrika, Asien und dem amerikanischen Doppelkontinent ausmacht. Aber eigentlich möchte er mit Oma Schach spielen, denn nebst einem kunstvoll aus verschiedenen Hölzern gefertigtem, mit Intarsien verziertem Brett hinter Glas ist noch eines zur Benutzung aufgestellt. Er hat das »Spiel der Könige« just erlernt, an seinem eigenen Schachbrett, vorschuldkindgerecht mit lustigen Tierfiguren. Oma will sich jedoch erst einmal anhören, was die Damen und Herren der Historiografie zu sagen haben.

Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum (DHM), ist stolz, der hauptstädtischen Presse die erste Kinderausstellung seines Hauses präsentieren zu können. Ein Experiment: Wie kann man Kinder im Grundschulalter »ein epochales Verständnis von Geschichte« vermitteln? Dies soll mit der zum Internationalen Kindertag am heutigen Samstag eröffnenden Ausstellung im Pei-Bau des DHM erkundet werden. »Der Versuch ist für uns auch wichtig zur Vorbereitung unserer neuen Ständigen Ausstellung, die einen großen Kinder- und Familienbereich enthalten wird.« Die Dauerausstellung im von Schinkel entworfenen ehemaligen Zeughaus Unter den Linden in Berlin ist zurzeit geschlossen.

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Kindgerecht geglückt ist die neue Sonderausstellung zweifelsohne. Lehrreich und spielerisch, Neugier und Tatendrang weckend, lädt sie zu einer Zeitreise ins 16. Jahrhundert ein, »in die Frühe Neuzeit«, wie Gross verschmitzt betont, einen landläufig verbreiteten Irrtum korrigierend, der gerade auch von der Presse zuweilen kolportiert wird. War zwar auch das Mittelalter keine finstere Periode Menschheitsgeschichte, wie oft unterstellt, so brachte die Frühe Neuzeit mit einem neuen Menschenbild, der vom Humanismus geprägten Renaissance, der Erfindung des Buchdrucks und zahlreichen anderen technischen Neuerungen, mit atemberaubenden Expeditionen rund um den Globus, geografischen Entdeckungen und der Ausweitung des Handels in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß gesamtgesellschaftlich Aufbruchstimmung. Weshalb Zeitgenossen die zwei Jahrhunderte vom Spätmittelalter bis zur Großen Französischen Revolution »positiv beschrieben«, wie Stephanie Neuner mitteilt, die den Hut auf hat bei der Überarbeitung der Ständigen Ausstellung.

»Rein ins Gemälde!« ist die Ausstellung überschrieben, für die Kuratorin Petra Larass maßgeblich verantwortlich zeichnet. Eingangs begrüßen vier überdimensionierte Schattenfiguren die Besucher. Sodann ist durch einen Vorhang, drapiert wie ein Bilderrahmen, zu schreiten. Der Blick fällt zunächst auf ein monumentales Gemälde. Eine imposante Stadt, reich bevölkert, vor einer Gebirgskulisse. Es handelt sich um eines von vier Augsburger Monatsbildern aus der Sammlung des Museums und eines der Highlights der alten Dauerausstellung. Die Gemälde sind in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert worden. Der Zyklus für Januar, Februar und März ist nun erstmals wieder öffentlich zu bestaunen. Das vielfältige Treiben, das Leben dereinst in einer Stadt, wird durch ausgewählte Exponate vergegenständlicht.

Vier bunte Pappfiguren, die Schattenfiguren eingangs aufgreifend, allesamt dem Gemälde entsprungen, nehmen den Besucher an die Hand respektive »flüstern« ihm an Audiostationen ins Ohr. Die Patrizierin: »Wilgekommen in minem hus! Du wirst viele Dinge aus unserem Alltag sehen, lass dich überraschen!« Der Turnierreiter, eigentlich ein Patriziersohn, der zwar Laute zu spielen gelernt hat, aber das Lanzenstechen spannender empfindet: »Hey, willkommen in Augsburg, schön, dass du da bist.« Und der Sprössling eines Kaufmannes aus Lissabon grüßt: »Olá, como vai. Hallo, wie geht es dir? Die Reise von Portugal nach Süddeutschland dauerte ewig und war ganz schön abenteuerlich.« Ein Würfelspiel ermöglicht jungen Besuchern, dessen letzte Stationen von Venedig nach Augsburg nachzuvollziehen. Sodann lockt der Hirte, auf dem Gemälde hoch oben in den Bergen an ein paar lodernden Holzscheiten sitzend und die Schalmei blasend: »Komm und wärme dich am Feuer! Es ist noch ganz schön kalt, auch wenn sich der Frühling ankündigt.« Er macht den Zuhörer auf einen Bauern auf dem Gemälde aufmerksam: »Hoffentlich gibt es im Sommer eine gute Ernte. Wenn das Wetter verrücktspielt, war die ganze Arbeit umsonst.«

Die vier Figuren symbolisieren die vier großen Themen der Ausstellung. Die Menschen und das Leben in einer frühneuzeitlichen Stadt, Patrizier und Plebejer, unermesslicher Reichtum und bitterste Armut dicht beieinander, dargestellt anhand silbernen Tafelgeschirrs einerseits sowie eines profanen Holztellers und schlichten Keramikkruges andererseits, Luxus und Elend. Die Kinderrassel mit Glöckchen und Pfeife aus Gold, Silber und Bärenzahn stammt aus der Wiege einer betuchten Bürger- oder Adelsfamilie, das gab es nicht in der Hütte eines Knechts und einer Magd. Üppige Bankette und Feste konnten sich gleichwohl nur die Oberschicht leisten. Schach war ein Spiel der Reichen, während das schlichtere Backgammon beim sogenannten gemeinen Mann beliebt war. Beide Brettspiele sind aus Indien und Persien zu den Europäern gelangt, die sich freilich als solche damals noch nicht verstanden. Natürlich fehlen in dieser Schau Spielkarten nicht, war doch Augsburg für deren Herstellung bekannt. Und sie sind ebenso auf dem titelgebenden Gemälde zu finden, so man denn Geduld bei dessen Betrachtung aufbringt.

Das Handwerk wird gerühmt, die Plattner, Weber, Buchdrucker, Feinmechaniker. Ob die hier zu sehende kleine Reisesonnenuhr mit Kompass oder die automatische Wanduhr einem der Fugger gehörte, die im Laufe von drei Generationen zur führenden Kaufmannsfamilie Augsburgs und einer der einflussreichsten Dynastie Europas, gar zu Kaisermachern avancierten, ist nicht überliefert. Augsburg war eine Drehscheibe des Handels mit der ganzen Welt, soweit diese damals bekannt war. Stoffe, Silber und Salz wurden in klingender Münze gegen begehrte teure Gewürze wie Pfeffer, Zimt und Zucker getauscht. Zu den über die Weltmeere geschifften Waren gehörten auch Menschen, Sklaven, ist in der Ausstellung zu erfahren.

Tim staunt.
Tim staunt.

Alle Sinne werden angesprochen. Neben Audio- und Spielstationen sowie die Möglichkeit des Ertastens und Fühlens gibt es auch Riechproben. Minze und Lorbeer und allerlei andere nützliche Pflanzen sind in Dosen neben dem Glaskasten zu erschnuppern, in dem ein voluminöses Heilkräuterbuch aufgeschlagen liegt. Problematisiert wird die Abhängigkeit des Menschen von der Natur, von Wetterunbill, die zu Hungersnöten führen. Aber auch die Vergehen der Menschen an der Natur. Ganze Wälder werden gerodet, um den sich ausbreitenden Städten Raum zu schaffen. Stollen fressen sich immer tiefer in die Berge. Nicht nur die Münzprägung hungert nach Erzen. Der Schalmei spielende Hirte gaukelt eigentlich eine bereits damals schwindende Idylle vor. Das Verhältnis von Mensch und Natur begann sukzessive irreparablen Schaden zu nehmen.

Zum Abschluss der Ausstellung wird Einblick in die Arbeit der Museologen und Restauratoren gegeben. Ein löchriges, halb zerfetztes Gemälde, Leinwandproben, Farbfläschchen, Pinsel, Pinzette sowie Lupe zeugen von deren Mühsal, Altem zu neuem Glanz zu verhelfen. Auch hier können sich Kinder ausprobieren. Eine Herausforderung sind die in diesem Raum ausliegenden Puzzles, die an der Rückwand des Gemäldes zum Nachbilden der Augsburger Monatsbilder bitten. Enkel und Oma scheitern grandios.

Eine spannende Zeitreise, die zu unternehmen sich lohnt. Doch: Warum gerade Augsburg? Warum wurde ein Wimmelbild aus dieser süddeutschen Stadt gewählt? Hätte nicht auch ein solches von Hieronymus Bosch einen guten Aufhänger geboten? Gewiss, ein (nach heutiger Lesart) Niederländer, dessen Heimat damals aber zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Und dessen Landsleute mit als Erste die Schwelle zur »Frühmoderne«, sprich zur frühkapitalistischen Ordnung überschritten, mit der Ostindischen Compagnie erste globale Handelsmonopole erwarben und mit der Gründung von Batavia (heute Java, Indonesien) schon so etwas wie eine Kolonie errichteten. Dort aber zugleich einen der ersten Völkermorde verübten (1621 allein 15 000 massakrierte Einheimische). Die »nd«-Nachfrage beantwortet Gross mit einem Bedauern: »Einen Bosch hätten wir auch gern genommen, wenn wir einen in unserem Bestand hätten.« Der Museumsdirektor fügt hinzu, man verstehe sich als ein nationales Museum, weshalb man auch nicht Berlin erwählte. Okay, das ist versständlich, zumal die Residenzstadt brandenburgisch-preußischer Kurfürsten und Könige im 16. Jahrhundert im Vergleich zu Augsburg noch einem Kuhdorf glich und erst mit dem Zustrom aus Frankreich vertriebener Hugenotten aufblühte.

Trotzdem, in Boschs Bildern steckt viel Gesellschaftskritik, für Kinder sicherlich zu allegorisch, selbst für Erwachsene schwer zu entschlüsseln. So ist also letztlich gut entschieden worden. »Die klugen Zauberdrachen«, der seit drei Jahren bestehende Kinderbeirat des Museums, sechs bis zwölfjährige Mädchen und Jungen, die nicht nur als erste Konsumenten der Ausstellung, sondern auch als Inspirateure und Kritiker fungierten, artikulieren sich vor der Presse sehr zufrieden. Sie hätten viel gelernt. Davon zeugt in der Tat unter anderem, wie mühelos ihnen Fachausdrücke und Fremdwörter wie Intarsien oder Trateggio über die Lippen kommen. Erfreulich auch die von ihnen geäußerte Erkenntnis, dass sehr viel Arbeit in einer Ausstellung steckt, eine solche stets ein Gemeinschaftswerk ist, von Wissenschaftlern und Handwerkern.

Es bleiben Fragen: Wurden die Reformation und der Bauernkrieg im 16. Jahrhundert explizit ausgespart? Um Kinder nicht zu verwirren? Wünschenswert wäre es jedenfalls gewesen, hätten die Ausstellungsgestalter bei den thematischen Schwerpunkten eine Brücke zu heute geschlagen, mit aktuellen Bezügen. Man überfordert damit Kindern nicht, wachsame Zeitgenossen, die gewiss einiges aus eigener Erlebniswelt kennen dürften. Museen sollten den Standard von »logo!«, der Nachrichtensendung von KiKA, dem Kinderfernsehen vom ZDF, anstreben respektive übertreffen.

Nicht nur in den ab der Frühen Neuzeit von Europäern unterworfenen und versklavten Völkern grassiert noch heute Elend, in der reichen Bundesrepublik Deutschland lebt jedes fünfte Kind an der Armutsgrenze. Kinder in Rio de Janeiro und Kalkutta hausen in Slums und in Afrika sortieren sie auf stinkenden, giftigen Abfallhalden westlichen Wohlstandsmüll. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt die Hälfte des Weltvermögens. Den Welthandel dominiert der Westen. Kriege werden nach wie vor aus ökonomischen Interessen angezettelt. Und die Menschheit ist dem klimatischen Kipppunkt lebensgefährlich nah. Geschichte ist Gegenwart.

Apropos: »Tritt ein ins Gemälde« hätte gefälliger geklungen als die etwas plumpe Aufforderung »Rein ins Gemälde!«

»Rein ins Gemälde!«, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, bis 29. Januar 2025, tägl. geöffnet 10–18 Uhr, Eintritt ab 18 Jahre 10 Euro; begleitendes interaktives Video unter www.dhm.de/zeitreise/spiel

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