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Achtsamkeitsverwahrlostes Vorstadtidyll

In der Serie »Barcelona for Beginners« versuchen großstadtflüchtige Helikopter-Eltern alles richtig zu machen – und machen deshalb vieles falsch

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn man alles richtig machen will, macht man schon das meiste falsch.
Wenn man alles richtig machen will, macht man schon das meiste falsch.

Das Verhalten Einheimischer, die an besonders beliebten Reisezielen leben, verhält sich ungefähr umgekehrt proportional zum Verhalten all derer, die sie besuchen. Während es Letztere millionenfach an Orte wie Amsterdam, Mallorca, Hallstatt oder Venedig zieht, suchen die Bewohner zusehends das Weite.

Auch Mariana (Aina Clotet) und Sam (Marcel Borràs) waren von Barcelona derart genervt, dass sie aus ihrer heillos überfüllten Stadt geflohen sind. Wenngleich vom Regen in die Traufe. Denn die grünen Hügel über der katalanischen Metropole mögen meilenweit weg sein vom Trubel darunter; doch vor Zivilisationsproblemen ist das Ehepaar mit seinen zwei kleinen Kindern auch im waldgesäumten Einzelhaus mit Ausblick nicht sicher.

Es geht um die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit moderner Vorstellungen vom richtigen Leben im falschen.

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Während Sams Frau in aller Welt Sozialprojekte managt, kämpft der IT-Techniker im Sabbatical allein unter Frauen um den Titel der effektivsten Helikopter-Mum. Ein schwieriges Unterfangen mit Baby vorm Bauch plus sechsjähriger Tochter Lia an der Hand, die Gleichaltrige zu beißen beginnt, weil sie wie alle anderen hier am Landleben leidet.

Kein Wunder, dass die vorstädtische Zweckgemeinschaft beim alltäglichen Stresstest neidisch auf sechs Schweden blickt, die aus dem gelobten Land legendärer Harmonie zugezogen und Vorbilder wider Willen sind. Zumindest bis zu jener fatalen Nacht, als sich der älteste Sohn von Annika (Liv Mjönes) vor aller Augen aus dem Fenster stürzt und mit ihm auch das Klischee skandinavischer Sorglosigkeit stirbt. Weil Bullerbü an Spaniens Küste abbrennt, also definitiv nicht Schweden ist, wurde der tragikomische Achtteiler entsprechend »Esta no es Suecia« (Dies ist nicht Schweden) getauft.

Warum das Erste aus der internationalen Übersetzung »This ist not Sweden« den komplett sinnlosen, ja sinnentstellenden Titel »Barcelona for Beginners« macht und zu allem Unglück noch mit »Familien und andere Katastrophen« garniert, bleibt da eines dieser typisch deutschen Titel-Mysterien. Schließlich brächte »Hier ist nicht Schweden« viel passender zum Ausdruck, worum es Hauptdarstellerin Aina Clotet als Regisseurin ihres eigenen, autobiografisch geprägten Drehbuches geht: die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit moderner Vorstellungen vom richtigen Leben im Falschen.

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Alle hier wollen selbstverständlich nur das Beste für Kind und Kegel: ein harmonisches, gesundes, behütetes, zucker- und gefahrenfreies Aufwachsen ihrer Schutzbefohlenen etwa. Genau dafür legen sie allerdings Maßstäbe zugrunde, an denen selbst perfekte Eltern in idealer Umgebung eigentlich nur scheitern können. Kein Wunder, dass Mariana Gummibärchen, mit denen sie sich die Gunst von Lia erkaufen will, lieber klaut als kauft.

Es ist daher ein ebenso origineller wie zielführender Twist, dass sich die halbe Nachbarschaft zu Beginn jeder Folge mit einer Psychotherapeutin (Elisenda Pascual Martí) trifft, um ihre Familienprobleme zu diskutieren. Wie vermeintlich Gleichgesinnte dabei Erziehungsdinge debattieren, entlarvt allerdings eine Aggressivität, gegen die Lias Zähnefletschen zwar sichtbarer, nicht aber schmerzhafter ist.

Weil Clotet dieses Gegen-Miteinander unprätentiös mit Figuren fernab gängiger Schönheitsideale in Szene setzt, wurde sie kürzlich bei Canneseries, dem Serienfestival des bekannten Filmfestes, zur besten Hauptdarstellerin gekürt, nachdem »This is not Sweden« bereits den Prix Europe als beste Serie gewonnen hatte. Wie sie zeitgenössische Familien- und Geschlechterverhältnisse seziert, ist jedoch nicht nur aus künstlerischer, sondern auch geografischer Sicht bemerkenswert – erweisen sich vermeintlich deutsche Angewohnheiten darin doch als verblüffend international.

Wenn Mariana in der Gruppentherapie ihren Mann dafür lobt, zwölf Monate Elternzeit genommen zu haben, zwischen den Zeilen aber anklagt, sie hätte zuvor volle fünf Jahre investiert, wird der grenzüberschreitende Spagat zwischen traditioneller Rollenaufteilung und ihrer unfallfreien Auflösung überdeutlich. Damit erinnert »Barcelona for Beginners« trotz der körperlich schmerzhaften Synchronisation an die Kölner TNT-Mockumentary »Andere Eltern« mit einer Spur von Caroline Links brillanter Kinderpsychiatrie-Serie »Safe«.

Dass »This is not Sweden« dabei viel richtig macht, liegt womöglich daran, dass Aina Clotet und Marcel Borràs auch in der rauen Wirklichkeit ein Paar mit zwei Kindern sind. Mitverantwortlich ist dafür hingegen definitiv Nilo Zimmermanns Kamera, die die innere Zerrüttung ihrer Objekte unscheinbar wackelnd einfängt, ohne zu zappeln. Heimlicher Star ist allerdings die junge Violeta Sanvisens. Wie sie ihre Lia zum achtsamkeitsverwahrlosten Kindergartenmonster mutieren lässt, ist allein schon das Einschalten wert.

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