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Albanien ist Europameister

Zirkus Europa: Auf dem DFB-Campus spielen die Fan-Teams der Nationalmannschaften um den EM-Titel

Die albanischen Europameister in Rot samt Pokal und ihre deutschen Finalgegner.
Die albanischen Europameister in Rot samt Pokal und ihre deutschen Finalgegner.

Zwischen einer chinesischen Palastruine mit pompösem Pagodendach, die mal ein Luxushotel werden sollte, und der fernen Frankfurter Skyline liegt der DFB-Campus. Im beschaulichen Süden der Mainmetropole kommt die angenehme Luft vom nahen Stadtwald, schräge Gesänge weht der Wind von dem weitläufigen Gelände herüber. Die quietschig klirrende Musik klingt irgendwie vertraut – es ist die schottische Nationalhymne.

Hier ist Europameisterschaft. Alles ein wenig kleiner, gespielt wird auf dem Halbfeld mit jeweils sechs Feldspielern und einem Torwart. Aber das Ziel ist der EM-Titel. Eingeladen zu diesem Turnier hat der »Fan-Club Nationalmannschaft«. Gekommen sind Teams aus sieben europäischen Ländern. Geplant waren eigentlich acht, aber die dänische Fan-Auswahl hatte ihr Nationalteam nach dem Spiel gegen England zu lange gefeiert.

Feiern und Fußball spielen

Wer feiern kann, der kann auch Fußball spielen, denken sich die Engländer. Ball und Körper laufen an diesem sonnigen Nachmittag dann aber nicht so gut. Sie werden Letzter – das aber immerhin im Stil ihrer Vorbilder: Im Elfmeterschießen verlieren sie das Spiel um Platz sieben gegen die Schweiz. Einiges ähnelt hier der offiziellen Europameisterschaft, so auch das satte Grün des Spielfeldes. »Der Rasen ist unglaublich«, schwärmt Steffen. Er ist der Kapitän des deutschen Teams vom »Fan-Club Nationalmannschaft«, das die weißen Originaltrikots der DFB-Elf trägt.

Manches ist sogar besser als bei der Euro 2024. Während Steffen zustimmend nickt, als ich nach zwei Siegen in der Gruppenphase gegen die Schweiz und Kroatien den Vergleich zu seinem Kapitänskollegen İlkay Gündoğan und Co ziehe, ruft einer seiner Mitspieler: »Nein, wir sind besser, wir spielen zu null.« Hochmut kommt auch hier vor dem Gegentor, im Halbfinale heißt es 1:1 gegen die Ukraine, gejubelt wird nach dem anschließenden Duell vom Punkt trotzdem. Prompt werden auch die Antworten professioneller. »Nein, nervös nicht, sondern motiviert«, erklärt Steffen die Gefühlslage vor dem Spiel der Spiele um den EM-Titel.

Reisen und Punkte sammeln

Der »Fan-Club Nationalmannschaft« hat mittlerweile fast 60 000 Mitglieder. Den meisten geht es darum, die Chancen auf Eintrittskarten für Länderspiele und Turniere zu erhöhen. Das funktioniert mit einem 2016 eingeführten Bonussystem, bei dem man mit Besuchen von Länderspielen Punkte sammelt. Das funktioniert sogar gut, wie mir zwei Fan-Club-Mitglieder beim Schlangestehen an der Gepäckaufbewahrung in Stuttgart kürzlich verrieten – mit ihren Tickets für das Spiel der DFB-Elf gegen Ungarn in der Hand. Schade sei, dass sich niemand wirklich um Choreografien oder Gesänge kümmere.

Manche Mitglieder wollen auch Fußball spielen. Der Job von »Bundestrainer« Patrick ist nicht leichter als der von Julian Nagelsmann. Aus mehr als 100 Bewerbungen musste er sein zehnköpfiges Team bauen. Anika ist die einzige Frau. Sie schießt beim 2:0 gegen Schottland ein wichtiges Tor, schließlich ging die Generalprobe bei einem der sogenannten Fan-Matches, diesmal im Rahmen des EM-Auftaktspiels zwischen Deutschland und Schottland, mit 1:6 verloren. Der Mythos von der deutschen Turniermannschaft endet mit einem 0:3 im Endspiel – Albanien ist Europameister.

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