Jane McAlevey: »Voller Hoffnung, dass wir gewinnen werden«

Jane McAlevey war eine der bedeutendsten Gewerkschafterinnen unserer Zeit

  • Florian Wilde
  • Lesedauer: 7 Min.
Zu Besuch in Deutschland: Im Jahr 2021 veröffentlichte die Pionierin des Organizing Jane McAlevey ihr Buch »Macht. Gemeinsame Sache«.
Zu Besuch in Deutschland: Im Jahr 2021 veröffentlichte die Pionierin des Organizing Jane McAlevey ihr Buch »Macht. Gemeinsame Sache«.

Sonntagfrüh ist Jane McAlevey nach langem Kampf gegen eine unheilbare Krebserkrankung im Alter von 59 Jahren gestorben. Mit ihr ist die wohl bedeutendste zeitgenössische Theoretikerin und Praktikerin eines gewerkschaftlichen Machtaufbaus durch Organizing viel zu früh gegangen. Über drei Jahrzehnte leitete und beriet sie Gewerkschaftskampagnen in den USA und international und konnte in den verschiedensten Branchen – von Krankenhäusern über Hotelketten bis zu Schlachthöfen – große Erfolge mit durchgreifenden Verbesserungen für die Beschäftigten erkämpfen. Ihre in mehreren Büchern niedergelegten theoretischen Reflexionen etablierten sie darüber hinaus auch als bedeutende Intellektuelle der Arbeiter*innenbewegung.

McAlevey wurde quasi in die Gewerkschaftsbewegung hineingeboren: Schon als Kind begleitete sie ihren alleinerziehenden Vater regelmäßig auf Streikposten in ihrer Heimatstadt New York. Als Studentin schloss sie sich einer Studierendengewerkschaft an und engagierte sich in der Solidaritätsbewegung für die sandinistische Revolution in Nicaragua. Nach dem Studium arbeitete sie mehrere Jahre als Community-Organizerin für eine Umweltschutz-Organisation. Hier machte sie in einer gemeinsamen Kampagne mit einer Chemiearbeiter-Gewerkschaft eine für ihren weiteren Weg zentrale Erfahrung: Um gewinnen zu können, braucht es die Macht einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse – und ihre stärkste Waffe: den Streik.

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Als im Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO 1995 eine Erneuerungsströmung die Führung übernahm und einen stärkeren Fokus auf Organizing durchsetzte, entschied sich Jane McAlevey für den Beruf einer Gewerkschafts-Organizerin. Die folgenden 15 Jahre arbeitete sie in leitender Position bei diversen Organizing-Kampagnen von AFL-CIO und SEIU (Service Employees International Union) und konnte diese von Krankenhäusern über Schulen und Hotels bis zu Schlachthäusern zu großen und bemerkenswerten Erfolgen führen.

Methoden, um zu siegen

McAleveys Methoden eines auf die Gewinnung breiter betrieblicher Mehrheiten abzielenden »Deep Organizing« inspirierten auch die deutschen Gewerkschaften. Kern dieses von McAlevey systematisierten Verständnisses ist eine Gewerkschaftsarbeit, in deren Zentrum der gezielte Aufbau betrieblicher gewerkschaftlicher Mehrheiten steht. Sie definieren dabei die für sie relevanten, oft lebensverändernd weitgehenden Forderungen selbst und können jeden Schritt einer sie betreffenden Auseinandersetzung eigenständig bestimmen und gestalten.

Eine zentrale Methode für den Aufbau dieser betrieblichen Mehrheiten sind strukturierte, von Angesicht zu Angesicht geführte Organizing-Gespräche. Damit werden auch die Kolleg*innen gewonnen, die der Gewerkschaft gegenüber bisher eher indifferent bis feindlich eingestellt waren – darunter vor allem die in einer Belegschaft besonders angesehenen Kolleg*innen, sogenannte Organic Leaders (organische Führungspersönlichkeiten). Durch Stärketests bauen die gewerkschaftlich organisierten Belegschaften ihre kollektive Handlungsfähigkeit und ihre betriebliche Basis Schritt für Schritt aus. Auch zu anderen Belegschaften, Gewerkschaften und Akteur*innen nehmen sie aktiv Kontakt auf, um sie für eine gemeinsam geführte Auseinandersetzung zu gewinnen. Schließlich treten die organisierten Belegschaften – möglichst in einem strategischen Zeitfenster erhöhter gesellschaftlicher Aufmerksamkeit wie einem Wahlkampf – mit großer Mehrheit in den Streik, um ihre Macht voll zu entfalten und die Gegenseite in eine Krise zu treiben.

Doch McAlevey bleibt hier nicht stehen. Sie geht einen Schritt weiter und bezieht auch die anschließende Tarifverhandlung in einen Machtaufbau durch Organizing ein. Ihr Grundgedanke dabei ist ein einfacher: Je stärker die Beschäftigten ihre Forderungen nicht nur selbst aufstellen, sondern auch den Verhandlungsprozess aktiv mitgestalten, desto engagierter und geschlossener treten sie für ihre Sache ein. Je mehr Beschäftigte bei einer Tarifverhandlung in direktem Austausch mit der Arbeitgeberseite in einem Raum sitzen, desto größer werden das Wissen, die kollektive Stärke und damit die Durchsetzungsmacht der Beschäftigten – und entsprechend größer die Furcht der Arbeitgeberseite vor ihnen.

Zweite Welle des Organizing

Ihren ersten Auftritt in Deutschland hatte McAlevey 2019 bei der vierten Konferenz gewerkschaftliche Erneuerung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), bei der sie ihr von der Stiftung herausgegebenes Buch »Keine halben Sachen« präsentierte und mit ihrem Vortrag »Winning Conflicts« in einem Hörsaal der TU Braunschweig ein vielhundertköpfiges Publikum begeisterte. Es folgten die Übersetzung und Herausgabe weiterer Bücher und weitere Einladungen nach Deutschland für Organizing-Trainings mit der IG Metall und mit Verdi sowie die strategische Beratung der Verdi-Krankenhausbewegung in Berlin.

In deren Rahmen wurden die McAlevey-Methoden eines strukturbasierten Organizings erstmals vollumfänglich in Deutschland ausgerollt: mit gezielter Organisierung von Teams und Stationen; mit Mehrheitspetitionen und Unterschriften-Transparenten, auf denen bis zu Tausende Beschäftigte ihre Verbindung zu den gewerkschaftlichen Zielen und ihre Bereitschaft zum Kampf um diese erklärten; mit der Wahl von Teamdelegierten, die der Tarifbewegung eine neue Form demokratischer Steuerung von unten ermöglichte; mit Versammlungen von Hunderten dieser gewählten Delegierten in einem Fußballstadion, um gemeinsam über den Fortgang der Auseinandersetzung zu entscheiden; mit der strategischen Platzierung einer Eskalation des Konfliktes hin zum Streik mitten in einen Landtagswahlkampf hinein; mit der Nutzung der Netzwerke der Beschäftigten als eine Machtressource zur Mobilisierung der Stadtgesellschaft zur Unterstützung des Streiks; bis hin zur Einbeziehung der Teamdelegierten in die Tarifverhandlung, die durch die Tarifkommission auf Schritt und Tritt über den Gang der Verhandlungen informiert wurden und über den weiteren Verlauf entscheiden.

Wie noch nie zuvor kamen McAleveys Methoden eines Machtaufbaus durch Organizing in einer deutschen Tarifbewegung zum Einsatz – und das mit durchschlagendem Erfolg: Zum ersten Mal überhaupt gelang es, die Arbeitgeber zu einer wirklich verbindlichen Mindestpersonalbemessung in den Krankenhäusern zu zwingen und so die Situation Zehntausender Beschäftigter und Hunderttausender Patient*innen nachhaltig zu verbessern. Ein Beispiel, das dann auch die Verdi-Krankenhausbewegung in Nordrhein-Westfalen stark inspirierte.

Ab 2020 starteten in Kooperation mit der RLS ihre Online-Schulungen »Organizing for Power« (O4P) – und damit eine Globalisierung der McAlevey-Methoden. Seitdem haben über 40 000 Personen von mehr als 1800 Gewerkschaften, linken Organisationen und sozialen Bewegungen aus 115 Ländern an Kursen teilgenommen. Die sechswöchigen Veranstaltungen wurden immer zweimal täglich über alle Zeitzonen hinweg angeboten und in 19 Sprachen simultan verdolmetscht.

Ihr Kampf lebt weiter

Ich durfte Jane im April 2023 in New York zu ihrer »Not Dead Yet«-Abschiedsparty anlässlich der Präsentation ihres letzten Buches »Rules to win by« besuchen, auf der sie und ihr Lebenswerk von engen Freunden, Genossen*innen und ihrer vielköpfigen Familie gefeiert wurden. Ein halbes Jahr später wurde ihre unheilbare Krebserkrankung erstmals publik gemacht. Und auch in diesem Kampf war Jane McAlevey unfassbar zäh, warf sich mit experimentellen Krebs-Therapien in ihren letzten Kampf, den sie mit unglaublicher Disziplin und ungeheuer beeindruckender Stärke führte, auf alle Menschen um sie herum weiter größte Lebensfreude und -lust ausstrahlend.

Ihren letzten öffentlichen Auftritt für »Organizing for Power« hatte sie im Dezember im Rahmen der online Veranstaltung »The Fight of our Lives«. Die ihrem Äußeren nach so zarte und im persönlichen Umgang so zugewandte, ja fast zurückhaltende McAlevey legte hier, bereits sichtbar vom Krebs gezeichnet, noch einmal in deutlichen Worten ihr Selbstbild und ihre Überzeugungen dar: »Ich bin eine Soldatin im Klassenkampf, und die Klimakrise erhöht mehr denn je den Druck, ihn schnell zu gewinnen. Und ich glaube, dass wir es schaffen können: Es gibt die Methoden dafür; wir müssen sie lehren und verbreiten, damit die arbeitenden Menschen ihre Ohnmacht überwinden und sich effektiv organisieren. Deswegen bin ich auch jeden Tag voller Hoffnung, dass wir gewinnen werden!«

Doch ihren letzten Kampf gegen den Krebs konnte Jane McAlevey nicht gewinnen. Welch großer Verlust für die linke und Gewerkschaftsbewegung ihr Tod ist, geht auch aus den Würdigungen hervor, die sie erfährt: Die Zeitschrift »The New Yorker« bezeichnete sie als die Frau, die die Arbeiter*innenbewegung des 21. Jahrhunderts transformierte, die »New York Times« als Organizerin, die Arbeiter*innen auf der ganzen Welt ermächtigte, und der O4P-Koordinator Ethan Earle ehrt sie in einem Nachruf als »Leuchtturm für die internationale Arbeiter*innenbewegung«.

Jane McAleveys Wirkung wird ihren Tod überdauern. Sie hat weltweit Zehntausende Organizer*innen ausgebildet, die ihre Methoden weitertragen und ihre Arbeit fortführen. Diese Saat wird aufgehen, und sie wird dazu beitragen, die Gewerkschafts- und Arbeiter*innenbewegung und irgendwann auch die ganze Welt zu transformieren.

Unser Autor ist Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dort für aktivierende und internationale Gewerkschaftspolitik tätig.

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