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Fahrt durch die Geschichte mit Manfred Schell

Der ehemalige Chef der Lokführergewerkschaft hat seine Autobiografie geschrieben

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
So richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gekommen ist Manfred Schell erst im 65. Lebensjahr und auf der Zielgerade seiner Karriere – als der Autovermieter Sixt bundesweit Anzeigen mit seinem Gesicht und der Aufschrift »Danke, Manfred Schell!« schaltete und die Deutsche Bahn den damaligen Chef der Lokführergewerkschaft GDL in ganzseitigen Zeitungsannoncen aufforderte: »Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!«

Knapp ein Jahr nachdem er in Pension gegangen ist, hat Schell im Rotbuch-Verlag eine Autobiografie herausgegeben – in einer Reihe mit den Memoiren von Fidel Castro.

Schell, der 2007 ein halbes Jahr lang mehr mit Streikandrohungen als mit realen Streiktagen Bahnmanagement und Öffentlichkeit in Atem hielt und letztlich immer wieder vor einem längeren, für Industrie und Wirtschaft schmerzhaft spürbaren Arbeitskampf zurückschreckte, wurde in dieser Zeit ein Idol und Hoffnungsträger für manchen linken Klassenkämpfer in der Republik. Dass der GDL-Boss in den vergangenen Jahren überhaupt so glänzen konnte, hat er indes vor allem seinem langjährigen gewerkschaftlichen Kontrahenten und Transnetvorsitzenden, dem heutigen Bahnmanager Norbert Hansen zu verdanken und dessen Schmusekurs mit DB-Chef Mehdorn und deren offener Propagierung eines Börsengangs der Bahn AG. So arbeitet sich Schell in seinem Buch auch fleißig an Hansen und Mehdorn ab.

Die Autobiografie setzt sich kritisch mit dem Privatisierungskurs der Bahn auseinander. Schell kann sich damit brüsten, dass er 1993 als einziger CDU-Bundestagsabgeordneter gegen den Einstieg in die Bahnprivatisierung stimmte. Damals wurden Bundesbahn und Reichsbahn in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ein halbes Jahr später jedoch stimmte auch der Abgeordnete Schell ohne Skrupel der Privatisierung von Post und Telekom zu.

Alle kritischen Worte Schells können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er und die GDL sich nach 1994 den Gegebenheiten anpassten und die privatisierungskritische Linie aufgaben. »Vom Grundsatz her haben wir nichts gegen einen Börsengang«, erklärte er Anfang 2004 in einem Interview. Auch das starke Medienecho in der Tarifbewegung 2007 wollte Schell nicht für klare Botschaften gegen den Börsengang nutzen. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, erklärte er damals. Dass der Börsengang im Herbst 2008 vorläufig gestoppt wurde, ist weder der GDL noch anderen Gewerkschaften, sondern vor allem der Wirtschaftskrise zu verdanken.

Auf solche differenzierten Darstellungen hat Schell in seinem Buch verzichtet. Dafür erfährt der Leser interessante Details und Anekdoten aus seiner Kindheit im Aachen der Nachkriegszeit, seiner gründlichen Ausbildung auf Dampfloks und seinem ersten Engagement in der GDL und im Deutschen Beamtenbund. Seine nunmehr bald 40-jährige CDU-Mitgliedschaft begründet Schell unter anderem damit, »dass Kohl als Kanzler eine sozial sehr ausgewogene Politik betrieben hat. Mit den Kürzungen der Sozialleistungen und der Schaffung von Hartz IV hat dann ja die SPD begonnen«, schreibt er. So werden Legenden gebildet.

Offenbar hat Schell vergessen, dass im Juni 1996 350 000 Gewerkschafter auf einer bundesweiten DGB-Demonstration in Bonn gegen Kohls »Sparpaket« demonstrierten, das die Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und weitere Angriffe auf soziale Errungenschaften brachte. Dass Schells hessischer CDU-Landesvorsitzender Roland Koch ein besonderer Scharfmacher bei den Hartz-Gesetzen war, ist für den Autor offenbar ein Buch mit sieben Siegeln. »Die Bundesrepublik wurde nicht geprägt von jenem Klassenkampf, wie er in den alten Büchern steht«, ist er überzeugt.

Interessant sind die Erinnerungen an die gezielte Intervention der GDL-West in der sich auflösenden DDR des Jahres 1990, als sich Schell und seine Mitstreiter die Abneigung gegen den FDGB und Großgewerkschaften zunutze machten und bei den Lokführern der Deutschen Reichsbahn bald einen hohen Organisationsgrad erreichten. Er propagiert das Prinzip kleiner Gewerkschaften und empfiehlt Berufsgruppen wie Flugbegleitern konsequent die Abkehr von großen DGB-Gewerkschaften wie ver.di. Schließlich will Schell »nicht die alte Floskel vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit aufwärmen«.

Manfred Schell »Die Lok zieht die Bahn« Rotbuch 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, 19,90 EUR.

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