Aufholen ohne einzuholen

Die Wirtschaft der DDR erreichte ein ansehnliches Wachstumstempo und Produktivitätsniveau

Über den Zustand der DDR-Wirtschaft hat sich ein Meer von Legenden gebildet, die widersprüchlich sind und oft mit der Realität wenig gemein haben. So will ein Wirtschaftswissenschaftler herausgefunden haben, dass sich die DDR an ihrem Ende auf dem Produktivitätsstand des Deutschen Reichs um 1914 befand. Waren zehntausende osteuropäische Schnitter bei der Getreideernte 1914 so produktiv wie die Mähdrescher in den Volksgütern und LPGs in den 1980er Jahren? Eine Neuveröffentlichung sorgt nun für faktenreiche Aufklärung.

Professor Gerhard Heske, ein ausgewiesener Experte mit Insiderwissen aus den statistischen Ämtern der Bundesrepublik wie auch der DDR, hat die wirtschaftliche Entwicklung beider deutscher Staaten mit den gängigen statistischen Methoden berechnet und analysiert. Für die DDR-Wirtschaft ist die Bilanz zunächst wenig schmeichelhaft: 1989 betrug der Rückstand der DDR beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner immer noch 44 Prozent. Dem Bundesbürger standen Waren und Dienstleistungen in Höhe von im Schnitt 22 250 Euro (Preisniveau 1995) zur Verfügung, dem DDR-Bürger nur von 12 516 Euro.

Dieser Wert kann nicht losgelöst von der Entwicklung seit 1950 beurteilt werden. Die DDR hatte ein höheres jährliches Durchschnittswachstum aufzuweisen als die Bundesrepublik: 4,5 Prozent gegenüber 4,3 Prozent. Selbst in den 80er Jahren war das Wirtschaftswachstum der DDR (2,6 Prozent) höher als in der Bundesrepublik (2,0 Prozent). Nebenbei bemerkt: Heute jubeln hiesige Konjunkturexperten bereits über 0,3 Prozent Wirtschaftswachstum.

Unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung

Nicht zu unterschlagen ist bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung, dass die Einwohnerzahl in der Bundesrepublik von 1950 bis 1989 um 12 Millionen zunahm, in der DDR sich aber um 2,2 Millionen verringerte. Dadurch wuchs das BIP je Einwohner in dem Zeitraum noch schneller: auf das 6,2-fache in der DDR, in der Bundesrepublik auf das 4,3-fache.

Dieses ansehnliche Wachstumstempo in der DDR reichte aber nicht aus, den zu Beginn bestehenden eklatanten Rückstand aufzuholen: Zum Start 1950 lag das BIP je Einwohner in der Bundesrepublik bei 5240, aber lediglich bei 2028 Euro in der DDR.

Man kann deshalb Prof. Heske nur zustimmen, wenn er schreibt: »Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass die DDR über ein optimales Wirtschaftssystem verfügt hätte und alle wirtschaftspolitischen Entscheidungen der DDR-Führung und Regierung dem Prinzip der ökonomischen Rationalität entsprochen hätten, was nicht der Fall war, so wäre das Erreichen eines wirtschaftlichen Gleichstandes nur unter der Bedingung der ökonomischen Stagnation der westdeutschen Wirtschaft bzw. einer erheblichen Beschleunigung des Wachstums in der DDR möglich gewesen.« Weiter argumentiert der Autor, in der DDR wäre ein Wachstum von 6,2 Prozent beim BIP je Erwerbstätigen nötig gewesen, um den Anfangsrückstand auszugleichen. Die Realisierung eines derart lang anhaltenden Entwicklungstempos wäre selbst für die DDR-Planungsbehörden unter den damaligen wirtschaftlichen Bedingungen ein völlig unrealistisches Szenarium gewesen.

Wachstumsträger war die Industrie

Auch die Struktur des Aufkommens des BIP in beiden deutschen Staaten wird für die vier Jahrzehnte ihrer Parallelexistenz analysiert. Hauptträger des Wachstums in der DDR war das produzierende Gewerbe einschließlich der Bauwirtschaft. 1989 erbrachte dieser Bereich die Hälfte der Bruttowertschöpfung aller Bereiche, in der Bundesrepublik betrug der Anteil nur 37 Prozent. Dominierend war hier der Bereich Finanzierung, Vermietung, öffentliche und private Dienstleistungen mit einem Anteil von 45 Prozent. Unterschiedlich war auch die Verwendung des BIP. Das höhere Aufkommen in der Bundesrepublik ermöglichte es dort, auch mehr Investitionen einzusetzen, was angesichts der Konjunkturzyklen nicht immer kontinuierlich verlief. Während in den 50er Jahren pro Einwohner in der DDR 18 Prozent des westdeutschen Investitionsvolumens eingesetzt werden konnte, reichte die wachsende Investitionskraft in der DDR in den 80ern lediglich aus, um 50 bis 60 Prozent des Investitionsniveaus je Einwohner in der Bundesrepublik zu erzielen.

Heske legt die Methodik seiner Untersuchungen präzise offen. Schritt für Schritt kann so verfolgt werden, welche Quellen erschlossen wurden und wie mit den Ursprungsdaten die vorgelegte Analyse entstanden ist.

Berechtigt ist die Frage, warum die zuständige Statistikbehörde der Bundesrepublik nicht bereit war, die Erfolg versprechend begonnenen Berechnungen für die DDR und die Bundesrepublik weiterzuführen. Volkswirtschaftliche Kennziffern von 1925 bis 1938 für das frühere Bundesgebiet werden regelmäßig im Statischem Jahrbuch publiziert. Wie kann es da nicht möglich sein, die viel jüngeren und umfangreicheren statistischen Daten der DDR zu durchleuchten und zu veröffentlichen?

Gerhard Heske: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950-1989. Daten, Methoden, Vergleiche. Köln, 2009, 360 S., 12 €.

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