Die Macht der Konsumenten

Ric O'Barry, Ex-Tiertrainer für die TV-Serie »Flipper«, über das Geschäft mit Delfinarien

Ric O'Barry (Jg. 1941) war ein gemachter Mann, nachdem er als Tiertrainer für die in den 60er Jahren weltweit populäre Fernsehserie »Flipper« engagiert worden war. Als ein Delfin in seinen Armen starb, entschied er sich, die Seiten zu wechseln. Seit knapp 40 Jahren appelliert er, den Tieren ihre Freiheit zu lassen. Bei seinen Nachforschungen in Japan stieß er auf eine Bucht, in der Tiere für Delfinarien gefangen werden, ein Großteil aber in einem grausamen Prozess abgeschlachtet wird. Erstmals zeigt »The Cove« Bilder dieses grausamen Mordens. Im Zentrum des Films, der derzeit in den deutschen Kinos läuft, steht aber das Engagement des Umweltaktivisten Ric O'Barry.

ND: Mr. Barry, war Flipper für die Delfine ein Segen oder ein Fluch?
Die Serie hat die Tiere noch populärer gemacht als sie schon waren, denn es gibt über kein anderes Tier so viele Geschichten, dass sie Menschen das Leben gerettet hätten. Ihr Gesicht, auf dem ein ewiges Lächeln eingebrannt scheint, hat den Rest bewirkt. Ich erinnere mich an einen schrecklichen Vorfall. Ein Delfin ist während einer Show an einem Herzanfall gestorben. Das Publikum hat es nicht bemerkt und zum Schluss applaudiert. Sie sahen nur einen glücklich ausschauenden Delfin. Das ist eine optische Illusion. In den Delfinarien sehen wir Delfine mit Jobs, die zu einer Millionen-Dollar-Industrie gehören. Vor Drehbeginn von »Flipper« existierten weltweit drei Seaquarien. Heute sind es alleine in Großbritannien 13 oder in Japan 50 Delfinarien. Sie brauchen ständig Nachschub, denn die Tiere leben in der Gefangenschaft nicht lange. Was kein Wunder ist. Ich war Ende September im Hamburger Zoo. Dort ist das Aquarium kaum größer als dieses Zimmer.

Sie haben damals selbst in einem Seaquarium gearbeitet. Was hat Sie umgestimmt?
Das war ein langsamer Prozess. Ich war damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe sieben Jahre lang für das Fernsehen gearbeitet. Ich habe eine spezielle Beziehung zu allen fünf Tieren, die Flipper darstellten, aufgebaut. Aber eine besonders innige zu einem der Tiere mit dem Namen Cathy. Sie hat Selbstmord begangen.

Selbstmord?
Delfine können einfach aufhören zu atmen. Das war der Anlass, um endgültig auszusteigen. Zuvor hatte ich erkannt, dass man ein professioneller Lügner sein muss, um als erfolgreicher Trainer zu arbeiten. Jeden Tag habe ich die Medien und das Publikum angelogen. Und das konnte ich nicht mehr.

Worin bestand die Lüge?
In den Delfinarien wird behauptet, dass das Publikum belehrt wird und dass Forschung betrieben wird. Wenn man sich die Shows ansieht und ehrlich zu sich selbst ist, muss man sich doch eingestehen, dass es ein Spektakel der menschlichen Dominanz ist, das mehr über uns als die Intelligenz der Tiere sagt. Delfine führen Kunststücke vor, die sie in freier Wildbahn nie machen würden. Es geht um Entertainment, um Geld und nicht um den Schutz der Tiere.

Im Film heißt es, nur Weibchen seien für die Delfinarien geeignet?
Man kann auch Männchen dressieren. Aber die Delfinarien wollen Weibchen, weil die leichter zu trainieren und berechenbarer sind. Auch für »Flipper« hatten wir fünf Weibchen.

Aber man brauchte die Männchen nicht abzuschlachten wie es in Japan passiert?
Ich habe den Fischern finanzielle Hilfe angeboten, um auszusteigen. Es war nur ein Bluff, denn ich habe das Geld nicht. Aber es geht ihnen nicht ums Geld. Ihnen wurde eingeredet, dass sie nichts fangen, weil die Fische von den Delfinen gefressen werden. Das ist schon paradox. Erst vernichten die Menschen die Fischgründe. Dann geben sie den Delfinen die Schuld und haben einen Grund gefunden, ein Genozid an ihnen zu verüben. Ein Töten, das sonst völlig sinnlos ist. Das Fleisch der Delfine ist so stark mit Quecksilber belastet, dass es für den menschlichen Verzehr ungenießbar ist. Die systematische Vergiftung der Tiere durch unseren Umweltmüll wirft auch ein Problem auf, von dem wir nicht so richtig wissen, welche Langzeitwirkungen es hat. Keiner kann die Folgen der systematischen Vergiftung der Delfine durch Quecksilber einschätzen.

Das ist aber ein Problem, das nur weltweit zu lösen ist?
Der Konsument hat die meiste Macht. Wenn er kein Ticket für Delfinarien kauft, müssen sie schließen. Und wenn er kein Delfinfleisch mehr isst, werden die Tiere nicht geschlachtet. Vergleichen Sie es mit dem Elfenbein. Unsere Gier danach hat die Elefanten gefährdet, nicht der einfache Jäger. Ich sehe aber keinen Menschen an der Bucht, um das Einfangen von Delfinen und das Schlachten zu verhindern. Ich sehe keinen Vertreter der Weltvereinigung der Zoos und Aquarien. Auf sie dürfen wir ebenso wenig hoffen wie auf die Regierungen.

Sollte die Vereinigung der Zoos und Aquarien eingreifen, würde Sie doch ihr eigenes Konzept in Frage stellen, denn was für Delfine gilt, müsste für alle Tiere gelten?
Natürlich wirft das die Frage nach anderen Tieren auf. Dort geht es nur ums Geld. Nehmen sie zum Beispiel den Tiger. Ihm hat es bis heute nicht geholfen zu überleben, weil Tiere dieser Art in jedem Zoo vertreten sind. Trotzdem gibt es Verrückte, die sie jagen, und wir alle zerstören ihren Lebensraum. Da wird der Zoo zum Feigenblatt.

Ist die Idee des Zoos tot?
Das sollte sie sein. Man sollte Fänge verbieten, Geburtskontrollen einführen und gefangene Tiere frei lassen.

Interview: Katharina Dockhorn

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