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Die Fackel des Glaubens

Magdeburg: Galgueras Ballett »Heilig!«

  • Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Fackel des Glaubens

Keine leichte Aufgabe, die sich Magdeburgs Ballettchef Gonzalo Galguera gestellt hat: eine ernüchterte, problembeladene Welt mit Fragen der Spiritualität zu konfrontieren. Zweieinhalb Stunden untersucht »Heilig!«, was Halt in unüberschaubarer Misere bieten könnte. Daraus ist weder ein Bekehrungsopus noch bloßes Zurschaustellen von Glauben geworden, weil Galguera das Thema feinsinnig mit rein künstlerischen Mitteln angeht. Denn »was aus der höchsten Not noch befreit, das Seltene, Schwerste – das preist er heilig«, zitiert eine Projektion Nietzsche.

Zwar haben ihn historische Figuren wie Franz von Assisi und die gut drei Jahrhunderte später wirkende Theresa von Ávila, beide religiöse Mystiker, angeregt, bekennt Galguera. Und doch ist die Gestalt des Sohnes, wie sie jesushaft das Stück durchzieht, auch als Außenseiter deutbar, als Besonderer, dem man nicht glauben mag, der sich wissend opfert, die Menschen bündelt, oder schlicht als Märtyrer. Ob sie ihm rechtens folgen, bleibt offen. In sechs Szenen gliedert sich die choreografische Komposition und setzt Maßstäbe für die unter neuer Intendanz stehende Saison. Denn Galguera bezieht Chor und Sänger ein und verschmilzt die Sparten zu beeindruckend nahtlosem Miteinander.

In »Aufbrechen« zu Schuberts Kyrie d-Moll flankieren uniforme Menschen eine rot gedeckte Tafel, über die der Sohn schreitet. Das Tuch, wie eine rote Fahne gehoben, holt er ein, streift das weiße Gewand der Unschuld über. Das nehmen ihm die Menschen gleich wieder ab, tragen es als Reliquie fort. Dann verlieren sie sich in »Hingeben« zu Musik des Mittelalters an fröhlichen Paartanz, rund, atemvoll, fließend, leicht erfunden, als habe Kylián Pate gestanden, bis der Sohn mit zwei Fackeln unter sie tritt. Als man die fortnimmt, bringt er eine neue Fackel: Der Glauben verbreitet sich unversehens.

Mit einer Frau verbindet sich der Sohn in flinkfüßigem Duett. Sechs Teile aus Pergolesis »Stabat mater« addieren dann dem »Mitleiden« Stimmung. Fackeln entzünden sich an der Wand von Juan Léons Dekoration, einer schräg nach hinten liegenden, perspektivisch gespitzten Kirche, die sich an barocker Bühnenarchitektur orientiert und wie eine Kanone wirkt. Drei Frauen klemmen bedrängten Seelen gleich in Krinolinen; als der Sohn sie befreit, tragen ihre Trikots Blutspuren. Zwischen diesem Quartett, zwei Männern sowie Sopran und Alt entwickelt sich eine harmonisches Spiel um Empathie und Einswerden. Rot färbt sich auch das Kleid der Sängerinnen, bis sie und der Sohn mit den Krinolinen das Schicksal der Seelen übernehmen. Blutig ist da ebenfalls der Mantel des Sohnes. Als er vom Goldrahmen über der Szene das schwarze Tuch zieht, wird eine Jesus-Gestalt mit Lendenschurz sichtbar. Dies in bislang dezenter Atmosphäre die einzige schwülstige Zutat.

Kompositionen Schuberts, die Introduktion aus »Lazarus« und das »Magnificat«, begleiten in »Anbeten« die Reaktion der Menschen. Verunsichert sitzen sie auf Hockern als Gruppe angesichts des leidenden Sohns, blicken zum Zuschauer. Durch die Kirchentore strömen Chor und Sängerquartett. Immer wieder wird der Sohn erhoben, berührt und ist doch nicht einer von ihnen. Aufs »Amen« türmen sich die Hocker wie zum Scheiterhaufen.

Diesem eindringlichen Bild folgt nach der Pause »Entsagen«, ein Blick ins Heute als düstere Welt ohne Frieden. »Romeo« und »Gotham«, Musik des amerikanischen Minimalisten Michael Gordon, 800 Jahre jünger als die Mittelalter-Tänze in »Hingeben«, treiben die Menschen, reißen dem Sohn die Beine weg, sein Mantel, umsonst blutig geworden, fliegt nach oben fort. Alles Tun doppelt sich in einem Spiegel, der entschwebt, als würde er die Seelen ins Nichts katapultieren.

In »Überschreiten« zu Liszts »Psalm 13« dann die Transzendenz: als sinfonisches Bild aus Chor, hoch oben wie eine Engelsschar, und ebenfalls weiß gewandeten Tänzern. Der Leidensmantel wird dem ans Portal gesunkenen Sohn zur zweiten Haut, der Tenor sein Alter Ego. Für den ins weiße Oben verklärten Sohn öffnet das Kirchendach einen Spalt. Zu schmetterndem Triumphmarsch einen sich unten die Menschen; als sie sich dem entgleitenden Sohn zuwenden, sind aller Rücken blutig von Schuld.

Aus einem ungemein geschlossen agierenden Ensemble seien der Sohn des Kirill Sofronov, technisch und darstellerisch herausragend, dabei voll nobler Zurückhaltung, Iago Ramos als Tenor mit Leuchtkraft und Pianokultur sowie die unter Michael Lloyd auftrumpfende Magdeburgische Philharmonie genannt.

Nächste Vorstellungen am 13., 15. und 26.11.

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