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»Die DDR gedeiht wie eine Blume«

DDR und Osteuropa – Alltag, Umbruch und Zusammenbruch. Die Fotoausstellung ÜBER LEBEN im Deutschen Historischen Museum Berlin

  • Antje Stiebitz
  • Lesedauer: 4 Min.
»Junge beim Wasserholen, Ost-Mostar, November 1995«
»Junge beim Wasserholen, Ost-Mostar, November 1995«

Auf 280 Fotografien lassen die beiden Fotografen Thomas Hoepker und Daniel Biskup Zeitgeschichte aufleben. Das Spektrum ist breit: Im ersten Teil der Ausstellung widmet sich Thomas Hoepker dem Geschehen zwischen Bau und Fall der Mauer. Die Nachwende-Periode, die zerfallende Sowjetunion und die blutigen Balkankriege beleuchtet Daniel Biskup im zweiten Part. »Über Leben« im Deutschen Historischen Museum Berlin ist eine Reise durch Zeit und Raum.

Der Auftakt ist martialisch. Militärische Paraden, Soldaten stehen stramm in Reih und Glied. Kriegsgerät wird zur Schau gestellt und riesige rote Fahnen werden geschwenkt – die DDR-Diktatur feiert sich. Linke Ideen verknüpft mit Pazifismus wirken hier lächerlich. Immerhin am Rande der Parade zum 35. Jahrestag der DDR geht es milder zu. Ein Pärchen umarmt und küsst sich. Und die Fahnen der Kinder sind kleiner.

Es folgt die Berliner Mauer. Stacheldraht in schwarz-weiß, vorher gab es noch Farbe. Eine Sequenz von drei Bildern zeigt einen Grenzsoldaten auf der Ostseite der Mauer mit seinem Sohn. Auf dem dritten Bild kugelt er sich mit dem Kind im Gras, die Beine weit in die Luft gestreckt. Spielerisches blitzt durch den angespannten Ernst. Schön auch ein Bild aus der Reihe »Kind an der Berliner Mauer«. Ein kleines Mädchen rollt mit seinem Roller über den grauen Beton des doppeldeutig angekündigten »Gehweg Sowjetsektor« in West-Berlin.

»Geehrt – Geachtet – Anerkannt. Das ist unsere Republik« lautet die wuchtige Parole zum 25. Jahrestag der DDR. Was muss sich dieser Staat beweisen? Propaganda für die NVA, für die Sowjetsoldaten, für die Helden der Arbeit. Worte im Staatsdienst. Auf einer Baustelle kämpfen gemäß dem angebrachten Schild zwei Kollektive für »vorbildliche Ordnung und Sicherheit«. Doch das Foto straft die versicherte Kampfeslust Lügen. Poetischer und mit Blumen verziert hat ein Kind mit bunter Kreide »die DDR gedeiht wie eine Blume« auf die Straße gemalt. Mantren, deren Wirkung nicht mächtig genug war.

Wohltuend der unkapriziöse Alltag. Gespräche auf Hinterhöfen, Picknick im Grünen, Familien in ihren vier Wänden, Feiernde auf den Straßen, eine Sonnenhungrige auf dem Dach. Schaufenster karg dekoriert, oft mit einzelnen Blümchen. Wird der westliche Mensch oft vom allgegenwärtigen Konsum verschluckt, tritt auf diesen Bildern der Mensch viel deutlicher hervor. Liegt darin der Zauber der DDR?

Wenn sie sich kannten, erinnert sich der 1936 in München geborene Bildjournalist Thomas Hoepker, seien die Menschen netter zueinander gewesen. Obwohl er Kunstgeschichte und Archäologie studierte, gehörte seine Liebe der Fotografie. Gemeinsam mit seiner Frau lebte der Autodidakt von 1974 bis 76 in Ostberlin. Für den »Stern« berichtete er über die deutsche sozialistische Welt. Als die Mauer fiel, arbeitete er in den USA. Der Fehler seines Lebens sei es gewesen, räumte er ein, im Herbst 1989 nicht zurückzukehren.

Statt sozialistischer Propaganda dominieren jetzt Währungsunion und Wahlkampf. Die D-Mark und die Warenwelt erhalten Einzug. In einem Rostocker Supermarkt stehen sich eine Frau und eine lebensgroße lila Milka-Kuh gegenüber. Zwei Alien blicken sich ins Gesicht.

Die Demontage sozialistischer Attribute beginnt. Ausgemusterte NVA-Panzer, ein Honecker-Bild auf der Müllkippe. Gestürzte Denkmäler. Spöttisch die Parole »Ich will ganz schnell ein echter Westler werden«.

Der damals 27-jährige Geschichtsstudent Daniel Biskut macht sich nach den politischen Umbrüchen auf und erkundet den Osten von Berlin über Moskau bis auf den Balkan. Dokumentierter Umbruch und Zusammenbruch.

Vor einer Moskauer Apotheke verkaufen ältere Frauen selbst gehäckelte Tischdecken. In der Auslage dahinter lockt die neueste Vichy-Creme. Bettler neben dem Schriftzug von Christian Dior. Der private Handel blüht.

Aus den eingefangenen Momenten »Über Leben« werden mit den Jugoslawienkriegen und dem Kosovokrieg Aufnahmen vom »Überleben«. Endloses Leid. Im Chaos des Flüchtlingslagers Resnik sitzt einer Verwalter vor brennendem Müll. Man fragt sich, was er an einem Tisch sitzend verwaltet.

Ein kleiner Junge hat gerade zwei Wasserkanister aufgefüllt. Eine alte Frau trägt einen Karton mit Brennholz auf der Schulter. Das Bild ist im Januar entstanden. Elementares zum Überleben. Auf den Fotos fehlen die Nahrungsmittel. »Welcome to hell« steht auf einer Hauswand im belagerten Sarajevo. Überall Einschusslöcher. Ein Lichtblick in Ost-Mostar: Freundinnen, die sich lachend umarmen. Trotzdem, die erlebnisreiche Bilderreise endet düster.

Die Ausstellung läuft bis zum 3.10.2011, Eintritt 6 Euro

»Trabant, Berlin (Ost), 1974«
»Trabant, Berlin (Ost), 1974«
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